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Aus der Stadt "Ein Schuss, der die Republik veränderte"
Hannover Aus der Stadt "Ein Schuss, der die Republik veränderte"
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09:51 26.04.2018
Quelle: HAZ/dpa/M
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Herr Soukup, Ihr Buch „Der 2. Juni“ über den Tod von Benno Ohnesorg trägt den Untertitel „Ein Schuss, der die Republik veränderte“. Was veränderte sich denn genau?

Für viele Studenten war das ein unfassbares Ereignis. Dass ein Demonstrant von einem Vertreter des Staates erschossen wird, empfanden sie als ungeheures Unrecht – auch im Blick auf die NS-Vergangenheit vieler Polizeioffiziere. Etwa 40 Prozent der Studenten in Westdeutschland und Westberlin sollen sich an Trauerkundgebungen für Ohnesorg beteiligt haben. Noch zwei Jahre zuvor galten Studenten eher als unpolitisch. Es war, als hätte jemand die Büchse der Pandora geöffnet. Schon vorher hatte es eine Art Aufbruchsstimmung gegeben, doch diese radikalisierte sich nun rapide. Man hat gesagt, dass Studenten bis zum 2. Juni in Anzug oder Kostüm zur Vorlesung gingen – danach nicht mehr. Was die Politisierung angeht, kann man den Tod Ohnesorgs kaum überschätzen.

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Karl-Heinz Kurras, der Polizist, der Ohnesorg erschoss, wurde vor Gericht wiederholt freigesprochen.

Das bestärkte die Studenten eher noch darin, moralisch im Recht zu sein. Wir wissen heute, dass er Ohnesorg bei der Demonstration aus nächster Nähe in den Kopf schoss – das war kein verunglückter Warnschuss aus der Distanz. Es ist heute klar belegt, dass Ohnesorg noch „Bitte nicht schießen“ rief. Nach allem, was ich über den Fall weiß, halte ich es für angemessen, von Mord zu sprechen.

Fünf Jahre vor Kurras’ Tod wurde 2009 bekannt, dass der Polizist Informeller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit war. Lässt das nicht auch den Fall Ohnesorg in einem anderen Licht erscheinen?

Es gibt keinen Beleg dafür, dass er im Auftrag der Stasi handelte, als er Benno Ohnesorg erschoss. Vermutlich wäre der DDR das Risiko einer solchen Tat viel zu groß gewesen. Und es ändert nichts an dem, was die Studenten damals gefühlt und gedacht haben. Sie fanden es unerträglich, dass der Todesschütze ungeschoren davon kam. Er galt ihnen als Verkörperung des repressiven westdeutschen Staates.

Kritik am Staat, am Vietnamkrieg und alten Nazis lag ohnehin in der Luft. Hätten sich die Proteste nicht auch ohne Ohnesorgs Tod irgendwie entladen?

Es ist fraglich, ob sich ein derart wirkmächtiger Auslöser gefunden hätte. Natürlich gab es schon ab 1965, 1966 eine zunehmende Zahl von Demonstrationen. Doch nach dem 2. Juni gingen plötzlich Tausende auf die Straße. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) erlebte einen ungeheuren Zustrom. Die Protestbewegung wäre wohl auch ohne den Tod Ohnesorgs gewachsen, doch bei Weitem nicht so schnell.

Interview: Simon Benne