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Aus der Stadt Wer ist schuld an der Netrada-Insolvenz?
Hannover Aus der Stadt Wer ist schuld an der Netrada-Insolvenz?
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00:16 14.10.2013
Von Bernd Haase
Netrada in Not: Am Freitag hat auch die für das operative Geschäft zuständige Europe GmbH Insolvenz angemeldet.
Netrada in Not: Am Freitag hat auch die für das operative Geschäft zuständige Europe GmbH Insolvenz angemeldet. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Betroffen sind 2200 Mitarbeiter, davon die meisten in Garbsen. Weitere Unternehmensteile sitzen in Hannover, Langenhagen und Lehrte. Der vorläufige Insolvenzverwalter Rainer Eckert, der nun das Ruder in der Hand hält, will das Unternehmen fortführen und sanieren. „Die Insolvenzmeldung hat keinen Einfluss auf das laufende Geschäft“, erklärte er am Freitag. Löhne und Gehälter der Mitarbeiter seien zumindest für die kommenden drei Monate über das Insolvenzausfallgeld der Agentur für Arbeit gesichert.

Der E-Commerce-Spezialist Netrada ist in finanzielle Bedrängnis geraten. Derzeit baut das Unternehmen am Kronsberg für 50 Millionen Euro eine neue Halle.

Netrada gehört zu den führenden Dienstleistern für die Modebranche und organisiert für Marken wie Esprit, Hugo Boss, C&A oder Tommy Hilfiger weltweit den Versand und die Auslieferung der Ware, die Kunden im Internet bestellen. „Sämtliche Online-Shops bleiben wie gewohnt geöffnet; alle Bestellungen werden weiter pünktlich und zuverlässig ausgeliefert“, teilte Eckert in einer mit der Netrada-Geschäftsführung abgestimmten Erklärung mit. Nach Bekanntwerden der schlechten Nachrichten um die Finanzlage des Unternehmens sei noch kein Kunde abgesprungen – „alle, mit denen wir bisher gesprochen haben, halten zur Stange“, sagte der Insolvenzverwalter.

Ausschlaggebend für die finanzielle Schieflage bei Netrada ist nach Angaben von Eckert der Wachstumskurs der jüngeren Vergangenheit, für den die Kapitalausstattung nicht ausgereicht habe. Gemeint sind damit vor allem der Bau des Logistikzentrums am Kronsberg in Hannover für 50 Millionen Euro im ersten Bauabschnitt sowie weitere Investitionen am Standort Langenhagen. Dies kritisiert der für Netrada zuständige Gewerkschaftssekretär Uwe Busch: „Die früheren Geschäftsführer haben Planungsfehler begangen, die nun andere ausbaden müssen.“ Im Frühjahr war die Führungsspitze der Netrada-Holding abgelöst worden.

Eckert bekräftigte am Freitag erneut, dass die ohnehin schon fast fertiggestellte Halle am Kronsberg zu Ende gebaut wird. „Ich sehe gute Chancen für eine Sanierung von Netrada“, erklärte er. Denkbar sind zwei Wege: Entweder ein Investor springt ein, oder Gläubiger stimmen in einem Insolvenzplan einem Vergleich zu. Netrada sei ein gut organisiertes Unternehmen mit renommiertem Kundenstamm, das sich in einem Wachstumsmarkt bewege.

Am Freitag hat der Alleingesellschafter von Netrada, das Investmentunternehmen Apax mit Sitz in London, Behauptungen zurückgewiesen, es habe überraschend Kapital abgezogen und zugesagte Finanzverpflichtungen nicht eingehalten. „Wir haben jegliche Zusagen eingehalten und uns auch noch darüber hinaus stark engagiert“, betonte ein Sprecher. Seit dem Kauf habe die Apax kein Geld abgezogen, sondern im Gegenteil weiter investiert. Die Entscheidung, nun kein frisches Kapital mehr nachzuschießen, sei in Abstimmung mit Partnern, darunter Banken, getroffen worden. „Es wurde bis zum Schluss versucht, eine nachhaltige Lösung im Interesse aller Stakeholder zu finden“, sagte der Sprecher.

Apax hatte Netrada im Jahr 2008 erworben und dafür mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Hand genommen. Dies sei ohne Fremdfinanzierung geschehen, sodass man der Netrada auch keine Schulden aus der Übernahme aufgebürdet habe.

„Ruhig und sachlich“

Am Freitag haben am Unternehmenssitz von Netrada in Garbsen Geschäftsführung, Insolvenzverwalter, Gewerkschafter und Betriebsräte zusammengesessen. „Die Gespräche verliefen in ruhiger und sachlicher Atmosphäre“, sagt Uwe Busch, Sekretär der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Dazu beigetragen habe unter anderem die Zusage, dass Löhne und Gehälter zumindest für die nächsten drei Monate über das Insolvenzausfallgeld der Agentur für Arbeit gesichert seien. Bei Netrada gibt es einen Betriebsrat sowie einen Haustarifvertrag.

Von den Mitarbeitern, von denen sich niemand namentlich zitieren lassen wollte, waren in Garbsen unterschiedliche Äußerungen zu hören. Ein Mitarbeiter bezeichnete die Stimmung als schlecht, ein anderer warnte davor, jetzt in blinden Aktionismus zu verfallen: „Wir haben in Meetings über die Situation gesprochen. Das hat geholfen.“ Ein weiterer Netrada-Mann baute auf die Kunden des Unternehmens: „Ich glaube, dass Esprit, C&A und die anderen Modefirmen es nicht zulassen werden, dass wir pleitegehen“, sagte er. Sollte es irgendwann nicht weitergehen, werde man eben woanders arbeiten.

saw/se

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