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Aus der Stadt Zwischen Bunker und Bunkermentalität
Hannover Aus der Stadt Zwischen Bunker und Bunkermentalität
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20:16 27.04.2012
Von Gunnar Menkens
Gerd Jäger erwartet die neuen Nachbarn mit Skepsis. Quelle: Surrey
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Hannover

Marc-Dennis Grasdorf ist im Anzug, weißem Hemd und Krawatte zum Gespräch gekommen. In der Hand trägt er eine Mappe in Tarnfarben, darin liegen, getippt auf DIN-A4-Blättern, alle Argumente, die gegen ein Flüchtlingsheim sprechen. Jedenfalls gegen ein Flüchtlingsheim am Rand von Oberricklingen. Hier will die Stadt 40 Asylsuchende in einem ehemaligen Bunker unterbringen. Dieser Plan hat den 26-jährigen kräftigen Mann so sehr aufgebracht, dass er begonnen hat, Unterschriften zu sammeln gegen das „Asylantenheim“. Mehr als 200 Bürger haben ihn bislang unterstützt. Grasdorf sagt ungefragt: „Es ist nicht fremdenfeindlich, wenn die Leute sich Sorgen machen.“

Seit knapp einem Monat wissen die Anwohner im Stadtteil, dass aus dem Jugendsozialwerk im Bunker eine Unterkunft für Asylsuchende werden soll. Auf den Klingelschildern unten an der schweren hölzernen Eingangstür stehen nur noch zwei Namen, alle anderen Namenszeilen sind blank, die Bewohner sind vor Kurzem ausgezogen. Handwerker bauen das Gebäude für seinen neuen Zweck um. Es steht am Ende einer Straße, in der Häuschen von bescheidenem Wohlstand künden, manche stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Niemand protzt hier mit seinem Eigentum. Nicht weit entfernt rauscht der Verkehr der B217. Hinter dem künftigen Wohnheim liegt eine Kita, nebenan lernen an der Wilhelm-Busch-Schule 280 Grundschüler. Aus einem Klassenzimmer strahlt eine lustige Pappsonne.

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Ende März berichteten zwei städtische Mitarbeiter auf der Jahresversammlung der örtlichen Siedlergemeinschaft von der Absicht der Bauverwaltung. In der Behördenwelt ist der Umgang mit Flüchtlingen Bausache, weil sie in Häusern wohnen. Den Siedlerbund wählte man aus, weil man eine große Zahl von Bewohnern erreichen wollte. Andreas Markurth (SPD), Bezirksbürgermeister mit Wohnsitz am Ort des Geschehens, hatte vorgeschlagen, besser eine Bürgerversammlung einzuberufen. Ein womöglich deeskalierend wirkender Vorschlag. Zu kurzfristig aber, so hieß es im Rathaus, hätte man einladen müssen, und dann begännen ja bald die Osterferien. Also der Siedlerbund, die Versammlung von mehreren Dutzend Hausbesitzern. Detaillierte Angaben machten die Vertreter dort nicht - wohl, weil auch im Rathaus noch nicht klar scheint, wann die ersten Flüchtlinge einziehen werden. Nur dass sie kommen, das war die Sensation des Abends.

Die Siedler, erzählte ein Teilnehmer, waren vollkommen überrascht. Politiker aus Rat und Bezirksrat wussten schon vorher Bescheid, aber aus dem Kreis der Volksvertreter drang die Botschaft nicht recht unter die Leute. Dennoch verbreitete sich die Nachricht eilig im Viertel. Wer etwas wusste, erzählte es weiter, die nichts wussten, verbreiteten, was sie gehört hatten oder selbst befürchten. Man empörte sich auf Gehsteigen, besprach die Angelegenheit beim Bier und über Gartenzäune hinweg.

Rainer Wunsch bekommt vieles von dem mit, was seine Kunden beschäftigt. Morgens um fünf Uhr macht der Kaufmann seinen Kiosk auf, dann kommen bald die ersten Frühaufsteher, um Brötchen und Zeitungen, Zigaretten und Süßkram zu kaufen. In dem schmalen Raum wird den Tag hinüber manche Zeit verquatscht. Neu im Angebot ist eine dieser Petitionen, die Grasdorf entworfen hat. Unübersehbar liegt das Blatt gleich neben der Plastikschale fürs Wechselgeld. Innerhalb von einer Woche waren fünf Seiten voll, so viele Bürger zeichneten mit ihrem Namen gegen die ungebetenen Gäste. Wunsch sympathisiert mit seinen Kunden. „Die mögen ja in Ordnung sein, die Menschen, die dahin sollen. Aber man sagt, wo Asylantenheime sind, ist die Kriminalität am größten. Ich glaube das.“ Eine Behauptung, die nicht stimmt, man kann das bei der Polizei erfragen.

Es ist nicht das einzige Vorurteil, das die Runde macht in Eigenheimen und Wohnblocks rund um den ehemaligen Bunker. Der Drogenhandel werde zunehmen, sagt einer, wo doch hier jetzt schon gedealt werde. Acht Hausnummern könne er nennen. Eine Zeitungszustellerin, es ist die Mutter von Marc-Dennis Grasdorf, fragt, ob sie sich in der Früh noch auf die Straße wagen kann, wenn das Heim da ist. Und Gerd Jäger, der seit 70 Jahren in seinem Haus direkt gegenüber vom Bunker wohnt, sagt: „Das gibt Mord und Totschlag.“ Fragt man, wer denn wen totschlagen werde, antwortet Jäger: „Na, die Asylanten.“

Grasdorf fürchtet, Bewohner könnten Neid empfinden auf Häuser, Autos und Gärten der Leute drumherum. Der Wert der Grundstücke sinke, der Stadtteil sei durch nahe soziale Brennpunkte genug belastet, das Asylantenheim müsse woanders hin. Beinahe jeder erwähnt, dass in der Nähe von Grundschule und Kita niemals Asylanten leben dürften. Noch ist niemand da, aber viele haben ihr Urteil über die neuen Nachbarn schon gefällt.

Asylanten - man hat dieses Wort mit dem hässlichen Unterton lange nicht gehört in Hannover. Die letzte große Flüchtlingswelle liegt bald 20 Jahre zurück. Um 1993 lebten gut 5000 Asylbewerber und Flüchtlinge in der Stadt, es war der Höhepunkt des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien. Sie lebten in Zeltlagern, das größte von ihnen stand in Vahrenwald, wo 1000 Menschen ihre Tage verbrachten. Die Stadt versuchte, die Raumnot zu bewältigen, indem sie Obdachlosenunterkünfte, Schulen und Turnhallen zu provisorischen Quartieren umfunktionierte. Als das nicht ausreichte, wurden Zimmer in Hotels und Pensionen gemietet. Später wichen Notunterkünfte Fertighäusern und zweistöckig gestapelten Containerkomplexen. Auf dem Höhepunkt der weltweiten Flüchtlingsbewegung, 1993, waren 23 Unterkünfte in Betrieb, fünf Wohlfahrtsverbände und drei private Unternehmen kümmerten sich um die Bewohner.

Von diesen Dimensionen ist die Stadt weit entfernt. Knapp 500 Flüchtlinge muss die Verwaltung in diesem Jahr unterbringen, so will es das Land Niedersachsen.

Bezirksbürgermeister Markurth kennt die mitunter aggressive Stimmung im Viertel. Etliche Anwohner riefen bei ihm zu Hause an und schimpften, dass sie kein „Asylantenheim“ in ihrer Nähe wollen. Der Sozialdemokrat glaubt aber auch, dass die Gegner nur eine kleine Gruppe seien, im Grunde aber Verständnis herrsche, dass man Flüchtlinge aufnehmen müsse.

Man weiß nicht genau, ob Markurth das wirklich glaubt, oder ob der Sozialdemokrat versucht, die Wogen zu glätten. Denn viele Anrufer offenbarten anscheinend eine Haltung, die sich der Politiker nicht hat vorstellen können. „Ich bin enttäuscht von Menschen, dass sie so denken.“ Es sind dieselben Leute, die er aus Vereinen und dem Zusammenleben im Viertel zu kennen glaubte. Und manchmal ist auch Sprachlosigkeit eine Form von Konfrontation. Marc-Dennis Grasdorf und der Bezirksbürgermeister, an den sich die Petition mit der mitunter eigenwilligen Rechtschreibung doch richtet, haben noch kein Wort miteinander gewechselt. Sie leben in derselben Straße, die Häuser in Sichtweite.

Die Stadt will sich am nächsten Donnerstag im Bezirksrat den Anwohnern stellen. Bisher ist bekannt, dass im Flüchtlingsheim ein Sozialarbeiter beschäftigt sein wird und ein Tag und Nacht besetzter Pfortendienst. Im Rathaus vermutet man, dass auch Kinder untergebracht werden müssen. Nebenan, in der Grundschule, denken sie schon daran, Förderkurse neu zu sortieren.

Was eine Form von Hilfe wäre, die auch Gerhard Spitta für nötig hält. Der 72-Jährige war, wie alle hier, „entsetzt“ über die Informationspolitik der Stadt. Spitta hat früher eine Berufsschule geleitet, und er fordert für das Flüchtlingsheim eine soziale Begleitung, die den Menschen eine Perspektive gibt. Sprachunterricht etwa, vielleicht Berufspraktika in Verbindung mit den Kammern. „Wenn es ein vernünftiges Konzept gibt, würde ich mich da auch engagieren.“

Auch Spitta wohnt direkt gegenüber vom Bunker. Sein Nachbar ist, seit ewigen Zeiten schon, Gerd Jäger. Aber während Jäger vom Siedlerbund eine eindeutige Haltung gegen das Heim fordert, wartet Spitta ab. Die Petition hat er nicht unterschrieben.

"Wir haben noch nie Stress gehabt"

Die Befürchtungen der Oberricklinger Anwohner, dass ein Wohnheim für Asylsuchende für Unruhe im Stadtteil sorgen könnte, kann Thomas Schrader ganz und gar nicht nachvollziehen. Er ist Vorsitzender des Kleingartenvereins Tiefenriede, und seit Jahren schon grenzt die Kleingartenanlage direkt an das Flüchtlingswohnheim der Freikirchlichen Gemeinde Döhrener Turm an der Hildesheimer Straße. „Wir haben noch nie Stress mit den Bewohnern gehabt. Noch nicht ein einziges Mal“, sagt Schrader. Zwischen manchem Bewohner und manchem Kleingärtner sei im Laufe der Zeit sogar ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. „Ich empfehle allen, nicht mit so vielen Ängsten an das Thema ranzugehen“, sagt Schrader. Er selbst habe die Begegnung mit den Menschen aus aller Welt stets als Bereicherung empfunden.

Diese Menschen aus aller Welt haben zumeist Erschütterndes durchlebt. „Es geht um schlimmste Schicksale“, sagt Manfred Beutel, Pastor der Gemeinde. Auch er sagt, es gebe keine Probleme im Umgang der Flüchtlinge mit anderen Anwohnern. Die Polizei bestätigt das: „Uns ist keine Häufung von Straftaten oder Auffälligkeiten in Zusammenhang mit dem Wohnheim bekannt“, sagt Polizeisprecher Thorsten Schiewe.

Pastor Beutel betont allerdings, engagierte Mitarbeiter seien eine wichtige Voraussetzung, damit der Alltag im Flüchtlingsheim reibungslos verläuft. „Wir haben einen hohen Personalschlüssel. Es gibt eine Dauerbereitschaft und einen Wachdienst, der 24 Stunden vor Ort ist.“ Darüber hinaus sammelt die Gemeinde Geld, um den Bewohnern Deutschkurse ermöglichen zu können. Beutels Erfahrung nach ist der Zufriedenheitsgrad der Menschen eine wichtige Voraussetzung, damit die Flüchtlinge sich „beheimatet“ fühlen. „Wenn das der Fall ist, gibt es auch keine Probleme.“

Der Pastor macht den skeptischen Anwohnern aus Oberricklingen einen Vorschlag: „Sie können gern einmal vorbeikommen und sich alles angucken. Oder wir gehen einfach mal alle hin.“

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