Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Rauschen im Blätterwald
Hannover Aus der Stadt Rauschen im Blätterwald
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:11 12.10.2014
Von Volker Wiedersheim
Wenn Hannover sich entblättert, blasen aha-Mitarbeiter zum großen Laubangriff.
Wenn Hannover sich entblättert, blasen aha-Mitarbeiter zum großen Laubangriff. Quelle: Alexander Körner
Anzeige
Hannover

Hannover genießt den Ruf, grünste Stadt Deutschlands zu sein. Die Bürger wissen das sommers zu schätzen. Sie drehen sportlich ihre Runden am Maschsee, bummeln durch die Herrenhäuser Gärten, Maschpark, Ricklinger Masch und Eilenriede. Aber dann kommt der Herbst, und aus Grün wird Braun. Die Bäume werfen keinen Schatten mehr, sondern ihr Laub ab. Als könnten sie zielen, bevorzugt auf Straßen und Trottoirs. Dann blasen die Laubjäger von aha zur Attacke. Meist schon in der Frühe. Zu früh für manche Hannoveraner. Und deshalb sind sie alle Jahre wieder Stadtgespräch. Passt ja ins Bild: Die Laubbläser lösen einen Sturm der Entrüstung aus.

Aber was soll aha denn sonst machen? Schließlich obliegt dem Abfallzweckverband die sogenannte Verkehrssicherungspflicht. Wenn’s im Verkehr rumst, weil glitschiges Laub auf der Straße liegt, wäre aha schuld. Aber dank der Laubbläser sind derlei Sorgen wie - na klar: weggeblasen. Die Aufgabe, das herbstliche Hannover mehr oder weniger besenrein an den Winter zu übergeben, hat wahre Herkules-Dimensionen. Pro Laubbläsersaison kommen rund 1500 Tonnen Laub zusammen. Das entspricht dem Gewicht von acht Jumbojets Typ Boeing 747 oder 400 Lastwagenladungen.

250 Laubbläser sind mit ihren röhrenden Rucksäcken in der Stadt unterwegs. Ein Besuch bei der aha-Truppe, die am meisten Wind macht.

Es geht in Hannovers Stadtgebiet um das Laub der 45 5000 Straßenbäume auf 2000 Straßenkilometern. Die Strecken werden mehrmals vom Laub gereinigt, je nach Witterung und Verkehrswichtigkeit - so heißt das bei aha. So addiert sich die Leistung auf wenigstens 10 000 gereinigte Straßenkilometer. Es gibt sechs Reinigungsklassen. In der Premiumklasse, wo viel Verkehr ist, auf Schulwegen und vor Krankenhäusern etwa, geht es dreimal pro Woche zur Sache. Auf anderen nur alle 14 Tage. Auf wieder anderen nur wochentags und in Fußgängerzonen etwa nur am Wochenende. 250 Mitglieder zählt die „Blaskapelle“ von aha, immer 70 von ihnen tragen Laubbläser. Die meisten davon mit Zweitaktverbrennungsmotor im praktischen Tragerucksack, rund zehn Kilogramm schwer. Dazu zehn mit Elektroantrieb - etwas leiser, aber zu schwach etwa für von Regengüssen verklebte Blätterteppiche unter geparkten Autos. Für größere Rasenflächen gibt es viermal das Modell Tornado. Doppelt so groß wie das Rucksackmodell. Klar, dass mit solcher Ausrüstung der Einsatz nicht heimlich, still und leise vonstattengehen kann. Die Rucksackpuster indes machen bei Vollgas einen Lärm mit einem Schalldruck von mehr als 100 Dezibel (dB - gemessen in einsatzüblicher Entfernung von etwa zwei Metern). Die schwachbrüstigeren Elektrobläser immerhin kommen noch auf rund 92 dB, der Kraftprotz Tornado auf 104 dB. Zum Vergleich: Eine Autohupe bringt’s auf 90 dB, ab 95 dB darf man eine Disko für Gehörschäden haftbar machen. Und das Beispiel für Fußballfreunde: Vuvuzela und Schiedsrichterpfeife kommen auf 120 dB (s. Liste).

Der Grund für den vergleichsweise lauten Aufschrei beim Einsatz eines Laubbläsers: Im Stadion will’s der Besucher laut und lustig. Aber den meisten Hannoveranern steht der Sinn noch eher nach Ruhe, wenn die aha-Laubbläser morgens früh zu Werke gehen. „Halb fünf aufstehen. Um 6 Uhr beginnt die Arbeit auf der Straße - erst mal mit dem Besen“, erklärt Torsten Sohns, Leiter der aha-Betriebsstätte in der Brühlstraße gegenüber der Arbeitsagentur. „Ab 7 Uhr dürfen wir die Laubblasgeräte einsetzen.“ Später fegen 13 Kehrmaschinen mit Kreiselbesen das Laub zusammen und pressen es im Stauraum. Abgeladen wird das Laub dann auf der aha-Deponie in Lahe - und mit anderen Pflanzenabfällen zusammen kompostiert.

Zurück zum Laubangriff: Zieht vor dem Haus ein Trupp mit Gebläse vorbei, vergräbt, wer kein Frühaufsteher ist, seinen Kopf unterm Kissen. Warum, hadert ein derart aus dem Schlaf Gerissener, können die Saubermänner nicht mit dem Besen ihr Tagwerk verrichten? Das wäre zwar auch kein lautloser Angriff, aber schon erträglicher. Leider auch teurer. „Allein die Personalkosten würden beim ausschließlichen Beseneinsatz um rund eine Million Euro pro Laubkampagne höher liegen“, sagt Sohns. Dreimal so schnell, dreimal so viel - das ist die Faustformel, die klar gegen den Besen und für Laubblasgeräte spricht. Gerade angesichts der aktuellen Haushaltslage der Stadt, die sich 88-Millionen-Euro-Sparpakete abringt, ist das ein schwer zu schlagendes Argument. Der Hannoveraner ist offenbar nicht auf den Kopf gefallen. Mag sein, dass das Lästern über Laubbläser ein Klassiker des herbstlichen Tratsches ist - aber zur handfesten Amtsbeschwerde ringen sich die Lärmgeplagten dann doch nicht durch.

„Es gibt ein Dutzend, vielleicht mal 15 Beschwerden von Bürgern im ganzen Herbst wegen der Laubbläser. Aber bei denen“, so berichtet Sohns, „geht es meistens nicht um den Lärm. Eher rufen Leute an und fragen, warum wir vor ihrem Haus eine Stelle vergessen haben. Meistens ist das dann eine Parklücke, wo ein Auto stand, als wir da waren.“

Andreas Schinkel 15.10.2014
Andreas Schinkel 15.10.2014
Aus der Stadt Historische Aufnahmen von vor 100 Jahren - Die ersten Luftbilder von Hannover
Simon Benne 15.10.2014