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Aus der Stadt Radfahrer nehmen Perspektive von Lkw-Fahrer ein
Hannover Aus der Stadt Radfahrer nehmen Perspektive von Lkw-Fahrer ein
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17:03 06.04.2019
Was sieht ein Lkw-Fahrer in den Spiegeln? Radfahrer vom ADFC Langenhagen machen sich bei der Fahrschule Kölling ein Bild. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Radfahrer hat Ernst Kölling in seiner Fahrschule sonst nicht zu Gast. Doch an diesem Sonnabend ist das anders. Die Ortsgruppe Langenhagen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC hat sich angekündigt. 14 meist schon betagte Damen und Herren wollen sich beim Fachmann informieren, wie schwierig es für Lkw-Fahrer tatsächlich ist, beim Abbiegen auf Radler und Fußgänger zu achten.

Wie viel sieht der Fahrer beim Abbiegen?

„Ich finde es gut, dass die Leute sich selbst ein Bild machen wollen“, sagt Kölling. Seine Fahrschule an der Vahrenwalder Straße bereitet auch auf den Lkw-Führerschein vor, deshalb besitzt Kölling passende Fahrzeuge dafür. Auf einem benachbarten Firmengelände dürfen die Radfahrer nacheinander in die Kabine eines Lasters krabbeln und einen Blick in die zahlreichen inzwischen vorgeschriebenen Spiegel werfen. Ein Teil der Gruppe stellt sich außen auf. Bunte Planen auf dem Boden zeigen, welche Sicht die einzelnen Spiegel dem Fahrer gewähren.

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Radfahrer vom ADFC Langenhagen testen bei der Fahrschule Kölling die Sicht aus einer Lkw-Kabine.

Die Idee für den Ortstermin hatte Reinhard Spörer, Sprecher der ADFC-Ortsgruppe. „Die Städte schalten die Ampeln so, dass ein 40 Kilo schweres Schulkind und ein 40.000 Kilo schwerer Lastwagen gleichzeitig grün bekommen“, kritisiert Spörer. Radfahrer müssten aufpassen. „Aber gegen einen Lkw hat man keine Chance.“ Tatsächlich kommt es auch in Hannover immer wieder zu tödlichen Unfällen, die durch Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen verursacht werden.

Fahrer muss mehrere Spiegel im Blick behalten

Seit 2009 sind mehrere Spiegel für Lastwagen vorgeschrieben, die den Bereich vor dem Fahrzeug sowie rechts und links weitgehend einsehbar machen. Einen sogenannten toten Winkel, also einen nicht sichtbaren Bereich, gibt es nach Spörers Einschätzung deshalb nur noch hinter dem Wagen. Dennoch ist das aktuelle System nicht sicher, betont der Ehrenamtliche des ADFC. „Wenn ein großer Lkw nach rechts abbiegt, muss der Fahrer zunächst nach links ausholen und gleichzeitig sechs Spiegel beachten“, schildert Spörer die Situation.

Nach einem Blick in die Fahrerkabine teilen viele von Spörers Mitstreitern diese Position. „Ist der Fahrer nicht doch überfordert mit all den Spiegeln? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das sicher ist“, meint Elke Maaß. Die 60-Jährige fährt viel mit dem Rad und verhält sich lieber vorsichtig. „Wenn ich einen Lkw sehe, halte ich an und lasse ihn fahren“, erzählt die Langenhagenerin. Die Vorführstunde bestärkt sie in ihrer Haltung, Ehemann Wolfgang Maaß pflichtet ihr bei. „Beim Abbiegen sind Lastwagen und Radfahrer in Bewegung, die Situation verändert sich ständig. Das ist schwierig.“

Radfahrer fordern Abbiegeassistenten

Elke Maaß, die durchaus auch selbst Auto fährt, glaubt jedoch, dass die größere Gefahr von Autofahrern ausgeht, allein schon wegen ihrer viel größeren Menge. Geredet werde jedoch fast nur über die Lkw-Fahrer. „Es ist doch erstaunlich, wie viele Autofahrer mir die Vorfahrt nehmen. Das hat mit mangelnder Aufmerksamkeit zu tun.“ In die schwierige Situation von Lkw-Fahrern kann sich auch Hans Dieter Menn gut hineinversetzen. „Die haben schon viel zu tun, beim Abbiegen müssen sie ständig den Kopf hin und her wenden. Ich habe selbst mal einen Lkw-Führerschein gemacht, und ich bin die Dinger damals ganz gerne gefahren.“

Für Reinhard Spörer sind die Spiegel denn auch keine Lösung des Problems. Er plädiert dafür, dass Unternehmen sich freiwillig Wagen mit elektronischen Abbiegeassistenten anschaffen. Denn bis die Fahrzeuge tatsächlich in der ganzen Europäischen Union vorgeschrieben sind, wird es aller Voraussicht nach bis zum Jahr 2024 dauern.

Von Bärbel Hilbig