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Aus der Stadt Bauern kämpfen um ihr Image bei Städtern
Hannover Aus der Stadt Bauern kämpfen um ihr Image bei Städtern
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00:16 22.01.2019
Andreas Hunholz (2. von links) und Volker Hahn reden über gegenseitige Erwartungen und Wünsche.
Andreas Hunholz (2. von links) und Volker Hahn reden über gegenseitige Erwartungen und Wünsche. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

„Ich finde es wichtig, dass Pflanzen und Tiere nicht mit Chemikalien und Antibiotika vollgepumpt werden.“ Mit Frau und Sohn ist Timo Etzold am Rand des Lindener Marktplatzes stehen geblieben. Dort haben sich an diesem Sonnabend an ein paar Strohballen Landwirte aus der Region Hannover positioniert. Während in Berlin die Ernährungsmesse Grüne Woche läuft, wollen die Bauern in Hannover mit Städtern ins Gespräch kommen. Und Etzold erzählt ihnen von seinen Vorstellungen von Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft habe nicht unbedingt das beste Bild bei den Bürgern, meint Volker Hahn, Bauer und Vorsitzender des Landvolkverbands in der Region. Viele Probleme der Bauern seien komplexer, als dass sie in einem zweiminütigem Fernsehbeitrag dargestellt werden könnten. Deshalb wollten die Landwirte mit den Menschen reden. „Damit nicht nur über uns geredet wird“, meint Hahn.

Samen verteilen für die Bienen

Hahn und seine Kollegen verteilen Samen für eine Bienenblütenwiese, die Aktion haben sie unter das Motto „Hannover blüht auf“, gestellt. Den Landwirten sei klar, wie wichtig die Bienen seien, betont er. Aber nötig seien auch Pflanzenschutzmittel, damit die Bienen weiterhin Nektar fänden. Als Beispiel nennt er den Raps des vergangenen Jahres, der in großen Teilen von den Landwirten untergepflügt werden musste, weil er von Schädlingen zerstört worden sei.

Ganz so einfach ist der Kontakt mit dem Städter an diesem eisigen Vormittag nicht. Etliche Hannoveraner hetzen an den Bauern vorbei und lehnen den angebotenen Samen ab, manch einer reagiert auch genervt.

Ein Problem mit der Landwirtschaft habe er nicht, aber mit der Massentierhaltung, meint Andreas Hunholz, der gerade vollgepackt von seinem Wocheneinkauf vom Markt zurückkommt. Gern bezahlt er für Fleisch, Gemüse und Obst mehr, wenn er weiß, dass die Produkte aus der Region kommen, berichtet er. Hahn hört das gern, weiß aber, dass das nicht jeder Landwirt mit seinen Produkten machen kann. „Und manche sind auch einfach nicht die Typen, die sich jeden Tag auf den Markt stellen wollen“, sagt er.

1300 Bauern hat die Region

Auch bei den großen Discountern sei eine Direktvermarktung nicht möglich. Wenn es dann doch mal funktioniere, würden den Geschäften zum Beispiel Kartoffeln oder Eier regelrecht aus den Händen gerissen, berichtet er. In der Region gibt es rund 1300 Landwirte, rund 5 Prozent davon sind Biobauern. Hahn rechnet mit einem zunehmendem Höfesterben, weil der Kostendruck immer größer werde, die Einnahmen aber gleich blieben.

Familienvater Timo Etzold würde das bedauern. Ihm ist es auch wichtig, dass die Landwirte in Niedersachsen weiterhin wertgeschätzt werden, sagt er im Gespräch mit Hahn. Der Landwirt freut sich, dass Familie Etzold im Sommer Obst und Gemüse aus dem eigenen Kleingarten isst. „Das ist toll“, sagt Hahn zu Etzold. „Genau das wünschen wir uns, dass es ein Bewusstsein gibt, für die Probleme beim Anbau.“ Und dazu gehöre es dann auch, dass Obst und Gemüse auch von Schädlingen gefressen werde.

Nach der Aktion zeigt sich Hahn überrascht von der Offenheit der Hannoveraner für die Sorgen der Landwirte. Deshalb will er die Aktion wiederholen. Und er denkt über ein weiteres Projekt nach. Hahn überlegt ob er in Hannover zu einer offenen Diskussionsrunde einlädt, damit Bauern und Städter über ihre gegenseitigen Erwartungen sprechen können.

Von Mathias Klein