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Aus der Stadt Weniger Autos, mehr Lebensqualität – geht diese Gleichung auf?
Hannover Aus der Stadt

Verkehrswende in Hannover: Expertendiskussion im Forum "Hannover bewegt sich"

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15:27 25.10.2020
Virtuelle Diskussion wegen Corona: Unser Moderator Jan Sedelies mit seinen Gästen aus Wien, Berlin und Hannover. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

In einem waren sich an diesem Nachmittag alle einig: Angesichts des Klimawandels wird sich der Umgang mit Verkehr in Großstädten wie Hannover radikal ändern müssen. Weniger Autos, mehr Freiräume, bessere Bedingungen für Radfahrerinnen und Fußgänger, attraktiverer öffentlicher Nahverkehr.

Beim gemeinsamen Forum der HAZ und der InitiativeHannover bewegt sich“ diskutierten drei Expertinnen und ein Experte am Freitag über die Stadt der Zukunft. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation musste das Forum ohne Publikum vor Ort stattfinden. Die Fachleute diskutierten per Videoschalte, das Publikum konnte per Livestream zuschauen und Fragen einschicken.

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„Die Hütte brennt“

Der Diskussion mangelte es vom Start weg nicht an klaren Worten: „Wir sind dabei, die Bewohnbarkeit der Erde unwiederbringlich zu zerstören“, sagte der Mediziner Martin Hermann. Er ist Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. „Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen. Und zwar schnell, weil die Hütte brennt“, sagte Hermann.

Das im Pariser Klimaabkommen festgelegte Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, ließe sich nur einhalten, „wenn wir den motorisierten Autoverkehr halbieren“, sagte Uta Bauer. Sie ist Teamleiterin im Forschungsbereich Mobilität im Deutschen Institut für Urbanistik (DIFU) und berät Kommunen bei Stadtentwicklung und Verkehrsplanung. Außerdem würden Autos in Städten enorm viel Platz wegnehmen.

Hier können Sie sich die Aufzeichnung der Diskussion ansehen:

Besonders parkenden Autos müsse dieser Platz in den Städten weggenommen werden, findet Bauer. Damit mehr Raum geschaffen werde für Fahrräder, Fuß- und öffentlichen Nahverkehr. Ein wichtiges Mittel hierfür sei die Parkraumbewirtschaftung – also dass es Geld kostet, Fahrzeuge am Straßenrand abzustellen. Hier sei in Hannover noch einiges zu tun, sagte Bauer. „Es müssen knallharte finanzielle Anreize geschaffen werden, dass öffentlicher Raum teuer wird“, sagte Bauer.

Sorgen von Einzelhändlern, dass weniger Parkraum weniger Umsatz bedeute, hält Bauer für falsch. Der Handel bewerte die Erreichbarkeit mit dem Auto zu hoch, viel wichtiger seien „Ambiente, Aufenthaltsqualität und Begegnung“ in den Städten.

Cityring als Experimentierfeld

Ein Thema des Tages: Die Zukunft des hannoverschen Cityrings. Als große Asphaltfläche ist er eine sogenannte „Hitzeinsel“, die die Erwärmung in der Stadt weiter verschärft. „Bei Hitzewellen kann es an solchen Inseln sechs bis acht Grad wärmer sein als anderswo“, sagte Mediziner Hermann. Das sei eine Gefahr für Anwohnerinnen und Anwohner und könne für Kinder und alte Menschen sogar lebensbedrohlich sein.

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Im Rahmen der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 soll der Cityring zum Experimentierfeld werden. „Meine Vision: den Cityring der Stadt zurückgeben“, sagte Dilek Ruf, Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten in Hannover. Der Ring solle Raum für Begegnung, andere Verkehrsarten und eventuell auch teilweise Bebauung werden. Dabei gehe es vor allem darum, verschiedene Maßnahmen auszuprobieren.

Schwimmbecken auf der Hauptverkehrsader

Als Vorbild für die Maßnahmen könnte Wien dienen, dessen Fußverkehrsbeauftragte Petra Jens ebenfalls mitdiskutierte. Sie berichtete vom dortigen Projekt „Gürtelfrische“. Dabei wurde ein Teil der Wiener Hauptverkehrsader zeitweise verkehrsberuhigt, ein Schwimmbecken aufgebaut und Kulturveranstaltungen abgehalten. Der befürchtete Verkehrskollaps sei ausgeblieben, die Freude in der Nachbarschaft sei riesig gewesen, sagte Jens. „Leute haben mir berichtet, dass sie dadurch erstmals ihre Nachbarn kennengelernt haben.“

Neue Wege für mehr Lebensqualität

Wie sind die Klimaziele zu erreichen – und was kann oder soll der Beitrag der Region Hannover sein? Das ist die Frage, der die InitiativeHannover bewegt sich“ nachgeht. Was können wir testen und von anderen lernen? Wie beleben wir die Innenstadt, und wie helfen wir den Familien und der Wirtschaft? Darum geht es in Foren und weiteren Veranstaltungen.

Die Initiatoren und Schirmherren von „Hannover bewegt sich“ sind Oberbürgermeister Belit Onay und Regionspräsident Hauke Jagau. Partner sind enercity (Stadtwerke) , VW und Audi Automobile Hannover, Regiobus und die Üstra. Die Kommunikation unterstützen die Madsack Medien Hannover. 

Jens betonte, dass diese positiven Geschichten bei der Verkehrswende mehr in den Vordergrund gerückt werden müssten. „Wir sperren nicht Straßen, wir schaffen Platz.“ Dilek Ruf ist optimistisch, dass das auch in Hannover funktionieren kann. Sie glaub, dass weite Teile der Stadt sich einig seien, dass Veränderungen notwendig sind. „Die Hannoveraner sind experimentierfreudiger, als viele Entscheidungsträger denken.“

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