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Aus der Stadt Vom Gastarbeitersohn zum Abgeordneten – warum Grigorios Aggelidis das Thema Bildung so wichtig ist
Hannover Aus der Stadt

Vom Gastarbeitersohn zum Bundestagsabgeordneten – warum Grigorios Aggelidis das Thema Bildung so wichtig ist

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21:11 04.09.2019
Ecke Deisterstraße/Schwarzer Bär: FDP-Bundestagsabgeordneter Grigorios Aggelidis wandelt auf den Spuren seiner Kindheit durch Linden und die Nordstadt. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Grigorios Aggelidis, der in Hannover geborene Gastarbeitersohn, ist nicht in Deutschland, sondern in Griechenland – der Heimat seiner Eltern – eingeschult worden. „Für meine Eltern war es damals klar, dass sie eines Tages zurück wollten, deshalb sollte ich von Anfang an auf eine griechische Schule gehen, um die Sprache richtig gut zu beherrschen“, erzählt der heute 54-Jährige. Dabei ist er in Hannover geboren, in Groß-Buchholz in den Kindergarten gegangen. Drei Jahre lebt er bei der Großfamilie seiner Tante, bringt exzellente Noten nach Hause.

„Sozialliberal ist eine gute Kombination“

Doch die Zeit in Griechenland bleibt ein Intermezzo. Den Rest seiner Kindheit und Jugend verbringt Aggelidis wieder in Hannover, heute lebt er mit seiner Frau und den beiden inzwischen erwachsenen Söhnen in der Nähe von Neustadt am Rübenberge, engagiert sich in der Jugendarbeit, im Sportverein und als Rotarier. Seit 2017 sitzt er für die FDP im Bundestag. Als deren familienpolitischer Sprecher hat er das „Kinderchancengeld“ entwickelt, das nach seinen Vorstellungen bisherige staatliche Leistungen wie Kindergeld ablösen und Kindern aus ärmeren Familien bessere Chancen bieten soll.

Der beste Beleg, wie Aufstieg durch Bildung funktionieren kann, ist er selbst, der Gastarbeitersohn aus dem Arbeitermilieu, der jetzt Anzug mit Einstecktuch trägt und auch gut bei der SPD hätte landen können – wenn ihm die Freiheit des einzelnen und Eigenständigkeit nicht so wichtig wären. „Die sozialliberale Koalition fand ich immer eine gute Kombination“, sagt er schmunzelnd.

Aggelidis steht auf der Deisterstraße in Linden-Mitte vor einem Mehrfamilienhaus und deutet nach oben. „Das Zimmer dort war mein Kinderzimmer.“ Im Erdgeschoss ist jetzt eine Spielothek, vor der Tür liegt ein aufgeplatzter Müllsack: „Früher sah das hier besser aus“, meint der Bundestagsabgeordnete.

Im Gespräch mit HAZ-Redakteurin Saskia Döhner: An der Deisterstraße war Grigorios Aggelidis lange zu Hause. Quelle: Samantha Franson

Anfang der Sechzigerjahre kommen seine Eltern nach Hannover, treibende Kraft ist seine Mutter. Sie reiste als erste nach Deutschland. Es gibt ein Bild, wie das Ehepaar am Bahnhof von Thessaloniki Abschied nimmt. „Die Aufnahme symbolisiert für mich: So sieht eine starke Frau aus.“ Später kommt der Ehemann nach. Beide Eltern arbeiten im Schichtbetrieb, sie bei Pelikan, er bei Volkswagen, Grigorios wird geboren, dann seine Schwester. Nach der Arbeit schleppt der Vater noch Kohlen, um sich etwas hinzuzuverdienen.

Abschied am Bahnhof in Thessaloniki: So sieht eine starke Frau aus. Die Mutter kam zuerst als Gastarbeiterin nach Hannover. Quelle: privat

Nach der Zypernkrise beschließen die Eltern, doch in Hannover zu bleiben. Sie holen ihren Sohn zurück. Nach den ersten drei Grundschuljahren in Griechenland fällt ihm der Start im deutschen Schulsystem schwer: „Ich kam sprachlich einfach überhaupt nicht mit. Sich auf dem Schulhof verständigen zu können ist das eine, aber auch die Fachbegriffe für den Unterricht zu kennen, ist das andere.“ Aus dem sehr guten Schüler wird ein ziemlich schlechter.

Ein Jahr besucht er die Volksschule in der Birkenstraße, um Deutsch zu lernen, wechselt dann zur Egestorffschule. Drei Jahre dauere es mindestens, bis ein Einwanderer so gut Deutsch könne, dass er auch dem Fachunterricht folgen könne, sagt Aggelidis, als er im strömenden Regen vor der Egestorffschule steht. Das schlechte Wetter trübt seine gute Laune nicht. „An diese Schule habe ich emotional nur die besten Erinnerungen, es war eine ganz tolle Zeit.“

„Nur die besten Erinnerungen“ an die Egestorffschule Quelle: Samantha Franson

Einmal sei er bei einem deutschen Jungen eingeladen gewesen, der sehr viel Spielzeug gehabt habe und dessen Familie deutlich reicher gewesen sei als seine: „Neidisch war ich nie, ich habe mich gefreut, dass er es mit mir teilte.“ Nur eines habe ihn verwundert. Als Essenszeit war, wurde er nach Hause geschickt: „Das hätte es bei Griechen nicht gegeben, da würde der Gast immer mitessen.“

Weil die Leistungen für das Gymnasium nicht ausreichen, schicken ihn seine Eltern auf das Internat der evangelischen Kirche nach Bad Nenndorf. Dort habe es ihm so gut gefallen, dass er auch in den Ferien lieber in der Schule geblieben sei, anstatt nach Hause zu fahren. Dennoch holen ihn seine Eltern nach zwei Jahren zurück. Grigorios, der eigentlich gehofft hat, dass er die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium nicht bestehen würde, wird an der Lutherschule angenommen und macht dort 1986 sein Abitur.

Aggelidis steht vor der Lutherschule, zupft an seinem Einstecktuch und sagt lächelnd: „Als Abiturient hatte ich schulterlange Haare, ich sah ein bisschen so wie Che Guevara aus.“

An der Lutherschule machte Aggelidis sein Abitur. Quelle: Saskia Döhner

Sein Vater hatte inzwischen ein eigenes Geschäft aufgemacht. Bis nach dem Jahr 2000 verkauft er in der Nordstadt unweit der Lutherkirche griechische Spezialitäten. Heute ist dort immer noch ein Feinkostladen, der auch Kochkurse anbietet. Aggelidis bleibt vor dem blauen Haus stehen: „Hier, dieses Rolltor hat mein Vater angebracht, damals war ja das Sprengelgelände um die Ecke.“

Der Vater vor seinem Laden in der Nordstadt. Quelle: privat
In diesem Laden in der Nordstadt verkaufte der Vater von Grigorios Aggelidis jahrelang griechische Spezialitäten. Quelle: Saskia Döhner

Nach dem Abitur macht Aggelidis eine Lehre zum Bankkaufmann, arbeitet zwei Jahrzehnte für Banken, dann will er mehr Freiheit und Selbstständigkeit und macht 2008 eine eigene Beratungsfirma auf. 2012 tritt er in die FDP ein, schafft schnell den Aufstieg zum Bundestagskandidaten. „Bessere Bildungschancen schafft man nicht, indem man jemandem 50 Euro in die Hand drückt und sagt, nun mach mal. Es geht um Teilhabe und Angebote“, sagt Aggelidis. Sein „Kinderchancengeld“ besteht aus einem Basisbetrag für alle Kinder, einem einkommensabhängigen Flexibetrag – und aber eben auch dem Chancenpaket mit Leistungen wie Schulessen, Nachhilfe, Museumsbesuchen und Vereinsbeiträgen. Es soll einfach und unbürokratisch sein.

Von Saskia Döhner

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