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Aus der Stadt Wie engagierte Bürger die Viktoriastraße vor dem Abriss retteten
Hannover Aus der Stadt

Vor 40 Jahren in Linden: Wie engagierte Bürger die Viktoriastraße vor dem Abriss retteten

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00:17 13.06.2019
Die Viktoriastraße im Juli 1979: Stadtbaurat Hanns Adrian (rechts) besucht das Sanierungscafé. Quelle: Foto: Heinz-Jörgen Kunze-von-Hardenberg
Linden-Nord

Vielen gilt sie als die schönste Straße Lindens: die Viktoriastraße mit historischen Arbeiterhäusern und Kopfsteinpflaster, die sich zwischen Limmer- und Fössestraße erstreckt. Das pittoreske Ensemble von Alt und Neu wird oft als Beispiel einer gelungenen Stadtsanierung vorgezeigt. Dabei sollte sie in den Siebzigerjahren nach dem Willen der Stadt komplett abgerissen werden.

„Rettet die Viktoriastraße“: 1979 hängen Transparente zwischen den Häusern. Vor dem Haus Nummer 30 steht der kleine, rote Bauwagen, der den Aktivisten als Basis diente. Quelle: Heinz-Jörgen Kunze-von-Hardenberg

1975 – schon ein Jahr vor der förmlichen Festlegung des Sanierungsgebiets Linden-Nord – kaufte die Stadt erste Grundstücke in der Viktoriastraße auf. Mit der Entmietung durch die städtische Sozialplanung sollte der Abriss vorbereitet werden. Den überwiegend zweigeschossigen Gebäuden drohte ein ähnliches Schicksal wie zuvor schon den Arbeiterhäusern in der Velvet- und in der Fannystraße.

Bürgerinitiative Linden-Nord meldet sich zu Wort

Ende 1978 – es standen bereits sieben städtische Häuser leer – begann eine Arbeitsgruppe der damaligen Bürgerinitiative Linden-Nord, Öffentlichkeit gegen den drohenden Abriss herzustellen: „Rettet die Viktoriastraße – und die Hinterhäuser Grotestraße“ stand auf Flugblättern und Wandzeitungen. Zum Frühjahr 1979 erhielten die Aktivisten – dabei auch Mitarbeiter der damals in der Grotestraße 19 ansässigen MedienWerkstatt Linden – Unterstützung von einer Handvoll Architekturstudenten und Mitarbeitern des Lindener Architekturbüros AGSTA.

Viktoriastraße 1979: Die beschriftete Tür am zugemauerten Haus Nummer 30. Quelle: Heinz-Jörgen Kunze-von-Hardenberg

Im Frühjahr 1979 entwickelte die Kampagne „Rettet die Viktoriastraße“ zahlreiche Aktionen vor Ort. Die Architekturstudenten besorgten aus Emmerthal bei Hameln einen einen kleinen, roten Bauwagen. Er war mit einer „Atomkraft – Nein Danke!“-Sonne bemalt und hatte schon am Widerstand gegen das AKW Grohnde teilgenommen. In der Viktoriastraße diente er als Basis des mobilen Sanierungscafés, zu dem die Aktivisten jede Woche einluden.

Im Sanierungscafé formiert sich der Widerstand

Bis zum Sommer nahmen die Straßenaktionen Fahrt auf: Das wöchentliche Sanierungscafé wurde zum Kristallisationspunkt des Widerstands. Auch einige Mieter und private Eigentümer fanden sich hier regelmäßig ein. Unter dem Druck der erzielten Öffentlichkeit kam sogar im Juli der damalige Stadtbaurat Hanns Adrian in das Sanierungscafé und stellte sich der Diskussion mit Bewohner und Aktivisten.

Vorangegangen war der Versuch einer Besetzung des Hauses Viktoriastraße 8. Dieses war von der Stadt entmietet und dann zugemauert worden. „Steine raus – Infohaus“ schrieb die Aktionsgruppe an die Fassade und stellte die Forderung auf, das Haus als Treffpunkt für die Bewohner zu öffnen. Schnell waren einige frisch eingesetzte Mauersteine aus den Fenstern entfernt und die Haustür geöffnet. Dies rief sofort die Polizei auf den Plan, die eine Hausbesetzung verhinderte. Spontane Reaktion: In einer Nacht- und Nebelaktion wurde am 2. Juli 1979 die Tür zum städtischen Sanierungsladen in der benachbarten Selmastraße mit Mauersteinen zugestellt und an die Fassade eine Parole gesprüht: „Häuser sind zum Wohnen da.“

Städtische Abrisspläne provozieren eine Gegenplanung

Adrians städtische Planer hatten zuvor einen „Testentwurf“ vorgelegt, der in der Viktoriastraße einen Totalabriss mit anschließender Neubebauung mit zweigeschossigen Stadthäusern und einem großen Parkhaus zur Fössestraße vorsah. Auf einem Straßenfest mit vielen Bewohnern und Interessierten simulierten die Architekturstudenten mit gasgefüllten Luftballons die Dimensionen der Parkgarage. Die Pläne der Stadt stießen allgemein auf Ablehnung, zunehmend auch in der Politik. So verlangte auch das 1978 gegründete Stadtteilforum Linden-Nord von seinem Fachberater eine Gegenplanung.

Viktoriastraße: Bewohner treffen sich zum Sanierungscafé. Quelle: Heinz-Jörgen Kunze-von-Hardenberg

Im August 1979 legten die jungen Architekten der AGSTA – beauftragt vom Anwaltsplaner des Stadtteilforums Linden-Nord, Klaus-Jürgen Holland – unter dem Titel „Viktoriastraße“ zwei Gutachten vor: über die Modernisierungsfähigkeit sowie über Finanzierungsmöglichkeiten und Verfügungsmodelle. Fazit: Die Untersuchungen ergeben, dass „eine Modernisierung der Häuser in der Viktoriastraße zu vertretbaren Kosten durchzuführen“ ist, und zwar zu etwa 65 bis 85 Prozent der vergleichbaren Neubaukosten: „Insgesamt haben unsere Untersuchungen ergeben, dass eine erhaltende Erneuerung nach dem vorgelegten Modell nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die Stadt wesentlich vorteilhafter ist als Abriss und Neubau.“

Bauhistoriker Sid Auffarth mobilisiert Uni-Professoren

„Von den später 44 Häusern in der Viktoriastraße wurden allein 37 zwischen 1855 und 1862 erbaut“, schreibt Bauhistoriker Sid Auffarth im Oktober 1979 in einem Aufsatz zur „Geschichte der Viktoriastraße“. Bestimmt werde das Straßenbild vom „Lindener Haustyp“ – überwiegend zweigeschossigen, traufständigen Putzbauten, alle mit wenig Abstand voneinander in der Straßenschlucht an einer Linie ausgerichtet. „Die Bauten selbst (…) dokumentieren Geschichte nicht als etwas Abstraktes, sonder sie spiegeln den Alltag (...) der Arbeiterfamilien von damals und heute.“ Die durch Wohntradition und die Lindener Bauordnung vorgegebene Regelmäßigkeit und Einheitlichkeit begründe – trotz Verschiedenheit im Detail – „ den geschlossenen Charakter der gesamten Anlage“, so Auffarth.

„Keine Zerstörung der Viktoriastraße“ ist eine von elf Architekturprofessoren der Uni Hannover unterschriebene Erklärung überschrieben, die Auffarth seinerzeit initiierte. In ihrem ästhetischen Anspruch setze die von der Stadt geplante Neubebauung im kleinen Maßstab die „Konfrontationsarchitektur“ eines Ihme-Zentrums und Linden-Karrees fort, schreiben die Professoren: „Wir unterstützen deshalb die Forderung Lindener Bürger nach Erhaltung und unverzüglicher Modernisierung aller Häuser in der Viktoriastraße.“

In der Folge kippt die Stimmung, nicht zuletzt auch in den politischen Gremien. Sanierungskommission Linden-Nord und Stadtbezirksrat Linden-Limmer beschließen das „Modell Viktoriastraße“, wonach sämtliche Altbauten erhalten und zu günstigen Bedingungen an Lindener privatisiert werden. Die unter anderem mit Städtebauförderungsgeldern zu modernisierenden Gebäude werden durch im Stil angepasste Neubauten ergänzt.

Die Stimmung kippt – auch bei Stadtbaurat Hanns Adrian

„Erhaltene Erneuerung in der Viktoriastraße“ ist eine von der Stadt im Mai 1982 herausgegebene Broschüre betitelt. Für den Inhalt zeichnen gemeinsam Anwaltsplaner Holland, der städtische Sanierungsplaner Ulrich Gerlach nebst Mitarbeitern sowie die AGSTA-Architekten Gerd Meinhof und Holger Rüschenschmidt verantwortlich. „Konflikte dieser Art lassen sich weder durch Mehrheiten noch durch Kompromisse lösen,“ heißt es im Vorwort des Stadtbaurats Adrian. „Hier muss unter großen Mühen jedem nur vorstellbarem Weg nachgegangen und auch das Undenkbare erwogen werden.“ Offensichtlich sei es leichter, solche „Wege im Dialog“ zu finden.

Eine weitere von der Stadt in der Folge herausgegebene Broschüre mit dem gleichen Titel wurde gemeinsam von den beauftragten Architekturbüros AGSTA und stadt + haus verfasst. Dokumentiert werden Ausschreibung und Vergabe bei der Privatisierung der sieben städtischen Altbauten sowie die Modernisierungen mit Selbsthilfearbeiten. Besonders beeindruckend ist die Aussage eines neuen Bewohners: „Es ist jetzt in der Viktoriastraße wie in einem Dorf, jeder kennt jeden, man spricht auch über persönliche Dinge. Alles in allem hatten wir großes Glück, dieses Haus mit Garten erwerben zu können. Wo hätten wir sonst ein dauerndes, sicheres Wohnen gefunden?“

Wolfgang Becker (66), der Autor dieses Gastbeitrags, hat 1979 als Architekturstudent an der Rettung der Viktoriastraße mitgewirkt. Der gebürtige Celler kam 1972 zum Studium nach Hannover. In seiner Diplomarbeit arbeitete er 1980 die Erfahrungen seiner Stadtteilarbeit in Linden auf. Nach dem Architekturdiplom wurde Becker zunächst Journalist, erste Station war die „taz“ in Berlin. 1993 wechselte er als Stadtplaner zur Gemeinde Isernhagen. Später kehrte er zum Journalismus zurück. Heute produziert er Filme mit der Medienwerkstatt Linden, unter anderem eine Dokumentation über die Wasserstadt Limmer. Er macht Öffentlichkeitsarbeit für das Migrantennetzwerk Miso Hannover und schreibt regelmäßig für das Internetportal www.welt-in-hannover.de.

Von Wolfgang Becker

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