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Aus der Stadt Diese Langenhagenerin übersetzt Heavy-Metal in Gebärdensprache
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Wacken: Wie Jana Blume Metal für Gehörlose übersetzt

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12:23 02.08.2019
Schwarze Klamotten – damit man die Hände besser erkennen kann: Die Gebärdensprachdolmetscherin Jana Blume zeigt, wie „Wacken“ übersetzt wird: mit abgespreizten Fingern. Quelle: Heidrich
Langenhagen/Wacken

Wer keine Angst hat, vor ein paar tausend Menschen auf einer Bühne zu stehen, den können ein paar vorbeieilende Passanten auf dem Marktplatz Langenhagen nicht schrecken. Jana Blume, 35, schwarze lange Haare, schwarze Klamotten, dunkle Augen, ein paar kleinere Tattoos und eher ein Mensch, für den ein Glas nicht halb voll ist, sondern überläuft, schließt die Augen.

In ihrem Kopf hört sie ein Stück der Folkrockband Santiano. Sie imitiert einen Violinespieler, wiegt sich hin und her, guckt bald etwas wehmütig an einen fernen Punkt und erklärt mit ihren Händen einen Text, der von Abschied handelt.

Schwer zu beschreiben. Was Jana Blume nicht tut, ist singen. Das ist auch nicht nötig. Wenn sie in diesen Tagen auf einer Bühne des größten Metal-Open-Air-Festivals in Wacken steht, dann tut sie das als Übersetzerin für Gehörlose. Sie stehen meist nahe an der Bühne und sind Fans wie andere auch. Blume dolmetscht in Gebärdensprache. Dann spürt ihr Publikum nicht nur den Wumms, sondern erfährt, um was es geht.

Es ist ihr erstes Engagement in Wacken, und keine Frage ist, dass Jana Blume, eine große Freundin vieler Musikgenres und selbst oft auf Konzerten, begeistert zu diesem Fest des Schwermetalls fährt. Man kann es hören und in erwartungsvollen Augen sehen. „Ich bin so geflasht, dass ich mich auf alles freue und voller Vorfreude bin, in den Zug zu springen.“ Im Gepäck sind Gummistiefel, Regencape und schwarzes Bühnenoutfit. Schwarz, „damit man die Hände besser sehen kann“, und zum Ereignis passt die Farbe sowieso.

Das Open-Air-Festival im bäuerlichen Wacken muss sich der Laie so vorstellen: 75.000 Leute überwältigen für ein paar Tage kaum 2000 nicht unfreundlich gestimmte Einwohner. Die Menge braucht das Gelände drumherum, damit auf elf Bühnen Bands spielen können. Wer nicht mit dem Auto kommt, steigt in Itzehoe aus Zügen der Deutschen Bahn, wobei die überwältigende Zahl der meist jungen Fahrgäste Schwarz trägt, die Farbe des Metal. Fette Gitarren, Schlagzeuge mit Druck, orgiastische Sänger nicht selten mit langen Haaren, die von Tod und Teufel und Ladies in Black singen. Dazu, für die Magengrube, Bässe aus meterhohen Lautsprecherwänden. Stunde um Stunde, Tag um Tag.

Ihre Hände erzählen vom Text

Jana Blume wird bei einigen Konzerten auf einer Bühne mit dem bezeichnenden Namen „Louder“ arbeiten. Zu Hause hat sie sich vorbereitet. Sie kennt die Lieder, die die Bands spielen, hat die Texte gelesen, laute und leise Passagen gehört und sich in Stimmungen eingefühlt. Emotionen müssen rüberkommen, sagt sie, und natürlich der Rhythmus der Musik. „Wie schnell ist das, wie langsam, ist viel Gitarre dabei oder kommt ein Schlagzeugsolo.“

Ihre Hände erzählen vom Text, ihr Körper gibt das Tempo vor, ihre Mimik interpretiert das Gefühl. „Wenn der Sänger singt, er will sterben, dann drückt mein Gesicht das aus“, Schauspielerei ist Teil des Jobs und wichtig für gehörlose Besucher. Blume verwandelt ein Lied ein wenig in ihr eigenes Stück, aber dieses Verständnis ihrer Arbeit geht ihr eigentlich schon zu weit, sie sieht sich eher als Medium zwischen Band und Publikum.

Weil Gebärdensprache eine eigene Sprache mit oft knappen Begrifflichkeiten ist und eigener Grammatik, übersetzt Jana Blume auf der Bühne nicht einzelne Buchstaben. „Wacken“ heißt, wenn aus einer Faust Zeigefinger und kleiner Finger abgespreizt sind (Eingeweihte sagen zu dieser Geste „Pommesgabel“).

Das bedeutet: Applaus Quelle: Heidrich

Um Applaus zu symbolisieren, gehen Arme mit wackelnden Händen nach oben. Die Geste für Bier, wichtig beim Festival: eine wie zur Begrüßung ausgestreckte Hand. Zwei erhobene und sich hin- und herbewegende Zeigefinger bedeuten: Musik.

Ein Bier, bitte. Quelle: Heidrich

Sachlich im Job, emotional auf der Bühne

Im beruflichen Alltag einer selbstständigen Gebärdensprachdolmetscherin spielen diese Begriffe kaum eine Rolle. Blume ist die Stimme für und von Gehörlosen. Beim Arztbesuch, in Behörden, auf Tagungen und vor Gericht geht es sachlich zu. Dort übernimmt Jana Blume Stimmungen. Wenn ein Chef sich aufregt, regt sie sich auf, um den Ernst der Lage zu transportieren. Regt sich im selben Gespräch der gehörlose Angestellte auf, gibt sie auch das an den Chef weiter. Ohne Meinung, ohne Dinge auszuschmücken.

Das Zeichen für: Musik Quelle: Heidrich

Bei Musik ist das anders. Es gibt nur das Stück, und das was sie daraus macht mit Gesten und Bildern, die ihr einfallen zu Text und Rhythmus. Zuletzt war das in Chemnitz so, als sie mit Kollegen von „DiemitdenHändentanzen“ ehrenamtlich beim Konzert gegen Rechts übersetzte. Was natürlich großartig war, Jana Blume schwärmt von tollen Leuten und Bands. Klar, dass sie nichts dolmetscht, was rassistisch oder homophob ist.

In Wacken steht sie auf der Bühne mit einigen Schwermetallern. Die Bands heißen Life of Agony, Avatar und Uriah Heep, ja, die Uriah Heep von früher. Jana Blume will noch üben. Sie setzt sich ihren Kopfhörer auf und hört Santiano, das Stück mit der Violine: „Der Abschied fällt schwer, sag' meinem Mädchen ade, Leinen los“.

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