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Aus der Stadt Belit Onay – Heiter bis geduldig im Häuserwahlkampf
Hannover Aus der Stadt

Wahlen in Hannover: Wie Belit Onay für die Grünen Oberbürgermeister werden will

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09:00 17.10.2019
Klinkenputzen in der Nordstadt: Belit Onay auf Hausbesuch bei potenzieller Kundschaft. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Der kleine grüne Trupp muss sich noch sortieren, ehe es losgeht von der Lutherkirche aus. Wer zieht mit wem in welche Richtung, das ist die Frage an diesem tristen Nordstädter Nachmittag. Es dauert. Belit Onay, der Mann, um den sich alles dreht, hält sich zurück, er will nichts bestimmen. „Das ist eben Basisdemokratie“, sagt er heiter bis geduldig. Die Teams stehen, Onay möchte in Straßen rechts von der Kirche beginnen, es ist eher ein Vorschlag. Oder doch besser links, wie eine junge Frau mit charmanter Pudelmütze anregt? Gut, geht auch, also nach links.

Häuserwahlkampf für den Oberbürgermeisterkandidaten steht auf dem Programm – und das bedeutet Aufstiege bis in fünfte und sechste Etagen. Onay, 38 Jahre alt und in seiner Freizeit Läufer und „supergerne Basketballer“, macht das nichts aus. Er klingelt unten, steigt knirschende Stufen hoch, läutet an Türen mit Namensschildern, die in Schönschrift mitteilen, dass hier Paula wohnt und stellt sein Anliegen vor. „Onay“, „Oberbürgermeister“, „Wahl“, es gibt nicht viele Variationen dieser drei Basisinformationen. Die Erfahrung ist aber auch, dass Nordstädter oft nicht da sind.

Einmal, an einer Tür unterm Dach, sagt ein junger Mann in belehrendem Tonfall zum Kandidaten, der angebotene Flyer sei Papierverschwendung, er wähle jemand anderen. Es gibt auch viel Zustimmung, die Nordstadt ist in Teilen grünes Terrain. Ein Bewohner erzählt, wie gut er die Argumente des Kandidaten bei einem Auftritt in der Marktkirche fand. Onay freut sich und dankt. Nächste Tür, nächstes Klingeln, nächstes Warten.

Junges Publikum, kleines Gespräch, es sieht in der Nordstadt eher nach Heimspiel aus für Belit Onay. Quelle: Tim Schaarschmidt

„Kandidatur auf Augenhöhe“

Onay sagt in einer ruhigen Minute, dass er diesen Wettbewerb um das OB-Amt „auf Augenhöhe“ mit den Konkurrenten von SPD und CDU begonnen habe, auf Nachfrage sagt er dann, er wolle mittlerweile auch gewinnen. Noch nie erreichte ein Grüner in Hannover nur die Stichwahl, allein die Augenhöhe wäre ein Erfolg. Doch in diesen Wochen glaubt Onay, dass der Trend für seine Partei und damit vielleicht auch für ihn spreche. „Klimaschutz, die Fridays-for-Future-Bewegung, saubere Luft, das sind unsere Themen, das treibt die Leute um“, dazu kämen gute Ergebnisse in bundesweiten Umfragen. Im Wahlkampf ist Belit Onay offen und interessiert. Er erzählt von seinem 18 Monate alten Sohn, als eine Mutter am Infostand übers Impfen reden möchte. Der Kandidat wirkt wie ein unkomplizierter Mann, der hier nichts für sein Ego tun muss.

Natürlich wollten die Grünen eigentlich wieder eine Frau aufstellen für diese Oberbürgermeisterwahl, das wollen sie eigentlich immer. Aber es klappte schon vor sechs Jahren nicht, damals musste dann der 62-jährige Lothar Schlieckau hinaus auf die Straßen und Wahlkampf machen. Er bekam 11 Prozent, es war das beste Ergebnis, das jemals ein grüner Kandidat erhielt. Wenn schon keine Frau aufzutreiben war, ist Belit Onay nun nach Einschätzung seiner Freunde der beste grüne Mann für diesen Job. Und er muss sehen, dass die Rathausaffäre um Stefan Schostok nicht irgendwie die Grünen, also ihn, erwischt – seine Partei hat sich in 25 Jahren schließlich auch schon sehr etabliert an der Macht.

Politik als Beruf

Belit Onay hat sich recht früh entschieden, Politik zum Beruf zu machen. Ein Jurastudium in Hannover schloss er mit dem ersten Staatsexamen ab, brach eine fast fertige Dissertation über einen Aspekt des Wirtschaftsvölkerrechts jedoch ab, um Mitarbeiter bei der Landtagsabgeordneten Filiz Polat werden zu können. Er wurde in den hannoverschen Rat gewählt, und ist seit 2013 Abgeordneter im niedersächsischen Parlament, zuständig auch für Innenpolitik, Migration und Flüchtlinge.

Es ist diese politische Biografie, die ihn erwarten lässt, als Oberbürgermeister bestehen zu können, ohne bisher jemals an der Spitze einer Organisation gestanden zu haben. Er weiß, dass die Frage kommen wird, wie er sich dieser Aufgabe stellen wolle, und er hat Antworten vorbereitet. „Als Landtagsabgeordneter“, sagt also Onay, „habe ich in einer Regierung mit Ein-Stimmen-Mehrheit Verantwortung getragen, politische Kompromisse ausgehandelt und viel mit Ministerialverwaltung zu tun gehabt.“ Als es darum ging, Flüchtlinge unterzubringen, hatte Onay ebenfalls viel Kontakt mit kommunalen Verwaltungen. Und Behörden in Hannover kenne er gut aus seinen Jahren als Ratsherr im Stadtrat. Ob das reicht für Büro im ersten Stock des Rathauses? Hannover hat die Wahl.

Für welche Politik steht Belit Onay?

In seinem umfangreichen Wahlprogramm hat Belit Onay aufgelistet, was sich unter seiner Regie in Hannover ändern soll. Darunter finden sich viele Kernthemen der Grünen.

Er will, im Dialog mit Kaufleuten und Bürgern, bis 2030 innerhalb des Cityrings eine autofreie Innenstadt schaffen. Mit dem Ein-Euro-Ticket soll der öffentliche Nahverkehr attraktiver werden.

Um Wohnungsnot und steigenden Mieten zu begegnen, will Onay die städtische Wohnungsgesellschaft hanova in die Pflicht nehmen und verstärkt Wohnungen im unteren und mittleren Segment bauen lassen. Der Grüne glaubt nicht, dass der Markt es richten wird.

Im Rathaus will Onay wieder ein Rechtsdezernat schaffen, es soll für Transparenz und „Regeltreue“ sorgen. Um Bürgeranliegen zügiger bearbeiten zu können, soll die Verwaltung digitalisiert werden.

Dass ihn Themen der Migration bewegen, ist eng mit seiner Herkunft verbunden. Belit Onays Eltern zogen aus der Türkei nach Goslar, sie lernten Deutsch, zogen ihren dort 1981 geborenen Sohn zweisprachig groß. Onay erzählt von einem zufriedenen und integrierten Leben in der Stadt. Dann, er war zwölf Jahre alt, zündeten Nazis das Haus einer türkischen Familie in Solingen an, fünf Menschen kamen ums Leben: „Plötzlich stellte sich die Frage, ob wir Deutschland verlassen sollten, das war ein Riesenthema bei uns.“ Er fürchtete, seine Freunde zu verlieren. Die Familie diskutierte den Schrecken und er lernte, dass Rassismus nicht ihre Schuld ist, sondern die Schuld der anderen, der Täter. Onay wusste nun, dass es Leute gibt, die den Wert eines Menschen danach beurteilen, woher er stammt. Aber er sah auch die Lichterketten in deutschen Städten und dass die Mehrheit solchen Rassismus ablehnte.

Diskriminierung an der Discotür

Sechs Jahre später wies ihn der Türsteher einer Diskothek ab. Onay stand noch in der Schlange, als er von dem Mann mit abfälligen Handbewegungen weggescheucht wurde. „Heute keine Schwarzköpfe“, hieß es, „das ist schon sehr kränkend, meine Mutter hat geweint, als ich ihr davon erzählte.“ Belit Onay wollte sich das nicht gefallen lassen. Er diskutierte mit dem Ordner und schrieb einen Brief an den Clubbesitzer. Er informierte die Stadt, weil er es dem Betreiber nicht durchgehen lassen wollte, Menschen in erste und zweite Kategorien zu unterteilen.

Belit Onay, türkischstämmig aus Goslar, fürchtet, dass es für viele Menschen nicht besser geworden ist. Wer einen anderen Namen trage, eine andere Hautfarbe oder andere Religion habe, der müsse wieder verstärkt mit Diskriminierung leben. Er kann mit nationalen Kategorien nichts anfangen. Wer ihn wählt, stimmt für diesen Mann, das wurde in den vergangenen Wochen deutlich: „Klar, ich bin irgendwie deutsch. Ich bin auch Grüner, Hannoveraner aus Goslar mit türkischen Eltern, Familienmensch, verheiratet, bin Bruder einer Schwester. Das alles prägt meine Persönlichkeit.“ Jetzt muss er einfach die 11 Prozent von 2013 verdoppeln, dann dürfte Belit Onay auf Augenhöhe sein.

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