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Aus der Stadt Winter in Hannover: So können Sie Obdachlosen helfen
Hannover Aus der Stadt

Wetter am Wochenende in Hannover: So können Sie Obdachlosen helfen

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14:00 06.02.2021
In der Innenstadt leben und schlafen viele Obdachlose – auch bei Temperaturen im Minusgradbereich.
In der Innenstadt leben und schlafen viele Obdachlose – auch bei Temperaturen im Minusgradbereich. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Wegen der Corona-Krise sind derzeit viele Angebote für Wohnungslose in der Stadt gar nicht oder nur begrenzt möglich. Ab Sonnabend wird nun auch noch ein Temperatureinbruch und reichlich Schnee erwartet. Das könnte die Situation der betroffenen Menschen dramatisch verschärfen, sagt Mario Cordes, Vorsitzender des Vereins Obdachlosenhilfe Hannover.

Doch mit einfachen Mitteln kann jede Bürgerin und jeder Bürger den Wohnungslosen helfen. „Einen Tee oder einen Kaffee lehnt so gut wie niemand ab“, sagt Cordes. Und auch mit Decken, Schlafsäcken oder warmer Kleidung könne extrem geholfen werden. Das würden die Betroffenen zwar auch in den Ausgabestellen bekommen – doch nicht alle Wohnungslosen suchen diese auf. „Einige möchten vielleicht lieber Geld haben. Aber mit Lebensmitteln und Sachspenden kann man nichts falsch machen“, sagt Cordes.

Keine Bedenken, Obdachlose anzusprechen

Bedenken, die Menschen anzusprechen, solle man nicht haben. „Das funktioniert wie bei jedem anderen auch“, so der Leiter der Obdachlosenhilfe. Nicht auszuschließen sei allerdings, dass sich die Wohnungslosen erschrecken könnten, wenn sie unvermittelt angesprochen oder geweckt werden. „Aber das geht ja jedem so“, sagt Cordes. Und: „Die Allermeisten freuen sich über ein Gespräch, denn viele sind sozial total ausgegrenzt.“

Noch besser sei es, den Betroffenen Tipps für überdachte Schlafmöglichkeiten zu geben. „Man muss niemanden direkt mit nach Hause nehmen. Aber wenn man zum Beispiel ein Carport besitzt, kann man das den Menschen anbieten“, sagt Cordes. Aus Hauseingängen oder aus Unterführungen würden sie häufig weggejagt. „Man sollte mal ein wenig Menschlichkeit zeigen“, sagt der 50-Jährige.

Marktkirche öffnet für Wohnungslose

Auch die Marktkirchengemeinde und das Diakonische Werk Hannover reagieren auf Initiative der Stadt auf die Wetterprognosen. Ab Sonntag, 7. Februar, 18 Uhr, steht die Marktkirche als Übernachtungsort offen. Das Angebot gilt zunächst bis Sonntag, 14. Februar. Ehrenamtlich betreuen die Betroffenen und stellen warme Getränke und Gebäck. Die Corona-Auflagen sollen eingehalten werden.

Nach Angaben der Stadt gibt es aktuell ausreichende freie Kapazitäten in den Notunterkünften. Für den Tag verfügt die Stadt im Tagesaufenthalt Schulzentrum Ahlem ebenfalls noch über freie Kapazitäten. Dieser Anlaufpunkt ist aktuell nur zur Hälfte ausgelastet. Sollte es zu einer vollen Auslastung kommen, kann die Kapazität kurzfristig erhöht werden. Die Öffnungszeiten sind zwischen von 10 bis 16 Uhr. Die Notschlafstellen bieten von 17 bis 9 Uhr warme Aufenthaltsmöglichkeiten. Darüber hinaus hat die Stadt auch in den festen Unterkünften noch freie Plätze in Einzel- und Doppelzimmern.

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Kritik an der Stadt: Es fehlt an Toiletten

Auch die Üstra hatte bereits angekündigt, Wohnungslose bei extremer Witterung in den unterirdischen Stadtbahnstationen zu dulden. Cordes ermutigt die Wohnungslosen, das auch in Anspruch zu nehmen – was allerdings nicht die Regel sei. „Das liegt vor allem an den fehlenden Toiletten, aber öffentliche WCs gibt es ja auch in der Innenstadt nicht – nicht einmal Dixi-Klos.“ Cordes kritisiert die Stadt, nichts an dieser Situation zu ändern. „Wir fordern das seit März vergangenen Jahres. Die Stadt braucht sich nicht zu wundern, wenn die Wohnungslosen in der Öffentlichkeit ihr Geschäft verrichten.“

Winternotdienst anrufen

Sollte die befürchtete Kältefront Hannover treffen, ist Cordes pessimistisch. „Ich sehe die Situation für viele als lebensgefährlich.“ Zum Tod durch Erfrierung brauche es nicht einmal Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Häufig sei das Immunsystem erheblich geschwächt. Wer einen Wohnungslosen auf offener Straße findet und Bedenken wegen dessen Zustand hat, müsse abwägen: Entweder spricht man ihn an oder alarmiert den Winternotdienst des Diakonischen Werks unter Telefon (0511) 9 90 40 15. Im Notfall sind Rettungsdienst oder Polizei unter 110 oder 112 zu verständigen.

Passanten haben Blumen und Kerzen in Gedenken an den verstorbenen Wohnungslosen Jim abgelegt. Quelle: Rainer Dröse

Am 24. Januar hatte ein Passant den in der List bekannten Obdachlosen Jim tot aufgefunden. Die Obduktion ergab, dass der Mann nicht durch Fremdeinwirken gestorben oder erfroren war. Vielmehr seien es wahrscheinlich die gesundheitlichen Auswirkungen des jahrelangen Lebens auf der Straße, die am Ende zum Tode führten. Der 59-Jährige hatte zuvor Hilfsangebote abgelehnt.

Von Manuel Behrens