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Hannover Aus der Stadt

Wie Bahlsen mit der SS kooperierte

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17:36 21.05.2019
„Das körperlich beste Material": Zwangsarbeiterinnen bei Bahlsen während des Krieges. Quelle: PHL
Hannover

Über die Ukrainerinnen konnte er nichts Schlechtes sagen. „Der Transport zum Barackenlager fand vollständig ruhig und diszipliniert statt“, notierte Werner Bahlsen im Jahr 1942. Die Frauen aus Kiew verhielten sich in Hannover ganz anders als die polnischen Arbeitskräfte, die „vor Aufregung und Depression kaum beieinanderzuhalten waren“. Der Amtsarzt, so hielt der 1985 verstorbene Firmenchef Werner Bahlsen fest, habe die Ukrainerinnen als „das körperlich beste Material, das ihm je an Ausländern zur Untersuchung vorgeführt wurde“ bezeichnet.

Firmenerbin Verena Bahlsen hatte in der vergangenen Woche einen Sturm der Entrüstung entfacht, als sie behauptete, im Betrieb ihrer Familie seien NS-Zwangsarbeiter „gut behandelt“ und nicht schlechter bezahlt worden als Deutsche. Aus historischen Dokumenten, die der HAZ vorliegen, geht hervor, dass ihr Großvater Werner da anderer Ansicht war. In einem Schreiben prangerte er selbst die schlechten Lebensbedingungen der Deportierten an. Dabei führte er keine humanitären Argumente an. Vielmehr fürchtete er „passiven Widerstand“ der Ukrainerinnen in den Bahlsen-Werken in Hannover und Kiew.

Bis zu 2500 Zwangsarbeiter

Nach Angaben von Bahlsen beschäftige die Keks-Fabrik während des Krieges rund 200 Zwangsarbeiter aus Osteuropa. Nach Einschätzung des Historikers Christian-Alexander Wäldner, der sich intensiv mit Zwangsarbeit in Hannover beschäftigt hat, dürfte die wirkliche Zahl jedoch weit höher liegen. Der Geschichtswissenschaftler schätzt, das bis zu 2500 Arbeiterinnen für Bahlsen schuften mussten, wenn man jene 1500 mitrechnet, die in der Keks-, Bonbon- und Schokoladenfabrik in Kiew tätig waren, die Bahlsen im Krieg „treuhänderisch“ übernahm. Im Stadtgebiet von Hannover kamen während des Krieges laut Wäldner mindestens 100 000 Zwangsarbeiter zum Einsatz. „Es gab fast keinen Betrieb ohne Zwangsarbeiter – und nach 1945 fast keinen Betrieb, in dem dies nicht verdrängt worden wäre“, sagt er.

Aufklärung tut Not: Nach dem Wirbel um Zwangsarbeiter bei Bahlsen sollen nun Experten die Firmengeschichte gründlich aufarbeiten. Die historischen Bilder des Unternehmens in Hannover.

Zahlreiche Ukrainerinnen aus dem Bahlsen-Werk in Kiew wurden 1942 nach Deutschland verfrachtet – offenbar im Beisein von Werner Bahlsen. „Von diesen Arbeitskräften haben wir 74 ausgesucht und nach Hannover gesandt“, schrieb er – und deutete in seinen Formulierungen selbst die Wahrheit an: „Zum grössten Teil sind die Ukrainerinnen gern abgefahren“, konstatierte er. Dies habe auch daran gelegen, dass durch „geschickte Propaganda der Wunsch hervorgerufen wurde, Deutschland und deutsche Arbeitsmethoden kennenzulernen“.

„Nur Abfallblätter vom Gemüse“

Das Werk in Kiew, das heute zum Roshen-Konzern des früheren Präsidenten Petro Poroschenko gehört, soll im Krieg einem regelrechten Raubzug der Bahlsens zum Opfer gefallen sein. Das Unternehmen ließ dort die Produktionsanlagen deportieren und die Fabrik teils zerstören. Das „Handelsblatt“ beziffert den Schaden auf einen heutigen Wert von rund 600 Millionen Euro.

In Hannover machte sich Werner Bahlsen selbst ein Bild von der Lage der Zwangsarbeiterinnen aus Kiew. Er besuchte sie einige Tage nach ihrer Ankunft im Lager – und fand sie enttäuscht vor. Ausgang hatten sie nur in geschlossenen Gruppen unter Führung eines Deutschen. Sie würden schlechtere Verpflegung als die polnischen Arbeiterinnen bekommen; teils gebe man ihnen „nur Abfallblätter vom Gemüse“. Aus Furcht vor Sabotageakten habe die Gestapo sogar verboten, ihnen Messer zum Streichen von Wurstbroten zu geben, daher müssten sich die Frauen mit Nagelreinigern die Brote schmieren.

Von Gleichbehandlung mit Deutschen könne keine Rede sein, bemerkte der Firmenchef: „Wenn man die Propaganda kennt, die besonders in der Ukraine immer wieder einhämmert, dass die nach Deutschland gehenden Arbeiter und Arbeiterinnen es sehr gut haben und mit deutschen Arbeitern auf die gleiche Stufe in Bezug auf Bezahlung und Ernährung gestellt werden, so kann man sich vorstellen, welche Enttäuschung jetzt diese arbeitswilligen und ordentlichen Mädchen erfasst haben muss.“

Fruchtpaste für die SS

Aus wirtschaftlichen Gründen, um den „Arbeitseifer“ der Ukrainerinnen zu erhalten, drängte Werner Bahlsen bei den NS-Behörden darauf, deren Lage zu verbessern: „Wir beantragen nicht, dass die ukrainischen Arbeitskräfte die Rechte der Deutschen und auch deren Bezahlung haben sollen, sondern wir beantragen, dass sie nur dieselben Rechte und Pflichten wie die Polinnen bekommen.“

Als Reaktion auf die von Verena Bahlsen entfachte Debatte hat das Unternehmen den unabhängigen Historiker Manfred Grieger damit beauftragt, die Firmengeschichte aufzuarbeiten. Bereits jetzt gibt es Indizien dafür, dass Bahlsen mit der SS kooperierte. Nach einem internen Schreiben der SS soll sogar Reichsführer-SS Heinrich Himmler über die Zusammenarbeit informiert gewesen sein. Demnach verhandelte Hans Bahlsen, der Bruder von Werner Bahlsen, mit der SS darüber, eine Fruchtpaste für „angestrengte Soldaten“ zu produzieren. Nach Plänen der SS sollte diese mit „einer genau errechneten Menge von Funktional Tropfen“ vermischt sein, um die Männer „frischer“ zu machen – offenbar ein Aufputschmittel. Mit Hans Bahlsen wurde besprochen, dass die Kochversuche in Hannover stattfinden sollten. Ob die Paste produziert wurde und zum Einsatz kam, ist unklar.

In den vergangenen Jahren war die Bereitschaft der Bahlsens, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, nicht sonderlich groß. Im Jahr 2014, so berichtet Edgar Ojemann vom Förderverein Gedenkstätte Ahlem, habe er bei Bahlsen eine DVD des Dokumentarfilms „Ausgebeutet bis zum Umfallen“ abgegeben, in dem die Filmemacher Hans-Jürgen und Shaun Hermel auch Zwangsarbeit bei Bahlsen behandeln. Sein Schreiben sei an Werner M. Bahlsen persönlich adressiert gewesen. Er habe gehofft, mit Bahlsens Hilfe vielleicht noch lebende Zwangsarbeiterinnen nach Hannover einladen zu können, sagt Ojemann. „Die DVD kam aber mit einer knappen Absage zurück.“

Zwangsarbeiter in Deutschland

Mehrere Millionen Menschen wurden im Deutschland der NS-Zeit zur Zwangsarbeit herangezogen. Unter anderem wurden seit Januar 1942 gegen ihren Willen „Ostarbeiter“ mit Zügen ins Deutsche Reiche geschafft, um die Kriegswirtschaft zu stabilisieren und den Mangel auszugleichen, der durch den Fronteinsatz deutscher Arbeitskräfte ausgelöst wurde. Insbesondere Zwangsarbeiter aus jenen Nationen, die nach der NS-Ideologie als slawische Untermenschen galten, waren völlig entrechtet – auch wenn sie im Einzelfall anständig behandelt wurden. Erst um die Jahrtausendwende, als ehemalige Zwangsarbeiter in den USA gegen deutsche Firmen klagten, wurde die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ eingerichtet, in die Bund und Wirtschaft jeweils rund 5,1 Milliarden Euro einzahlten. Bis 2007 wurden 1,66 Millionen Zwangsarbeiter mit Summen von bis zu 7500 Euro entschädigt. Bahlsen zahlte rund 1,5 Millionen Mark für die Entschädigung von Zwangsarbeitern.

Von Simon Benne

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