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Aus der Stadt Wie der Rote-Punkt Bürger und Demonstranten vereinte
Hannover Aus der Stadt

Wie der Rote-Punkt Bürger und Demonstranten in Hannover vereinte

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13:02 14.06.2019
„Ein Gefühl der Gemeinschaft und Solidarität“: Matthias Waldraff (v.l.), Klaus Scheelhaase, Simon Benne, Rolf Lange und Matthias Sesselmann diskutieren über die Rote-Punkt-Aktion in Hannover. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Es war ein „Schienenersatzverkehr, der besonderen Art“: So bezeichnete HAZ-Redakteur und Moderator Simon Benne die Rote-Punkt-Aktion im Jahr 1969. Ausgelöst durch eine Fahrpreiserhöhung wurden damals Gleise und Straßenbahnen in Hannover blockiert. Vor allem junge Menschen riefen dazu auf, sich gegenseitig mit dem Auto mitzunehmen, um so gegen die Preiserhöhung zu protestieren. Bei einem HAZ-Erinnerungscafé mit mehr als 170 Besuchern im Historischen Museum machte der U-Bahn-Planer Klaus Scheelhaase einen grundlegenden Konflikt aus: „Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte damals einfach nicht mehr. Der Fahrschein kostete statt 50 plötzlich 67 Pfennig.“

Gleichzeitig hätten immer mehr Autos und Busse die Bahnen daran gehindert, pünktlich zu sein. „So eine schlechte Qualität wollten die hannoverschen Bürger nicht. Die Preiserhöhung brachte das Fass zum Überlaufen.“ Die Demonstranten wären daher nicht nur Revoluzzer gewesen. Es waren viele normale Bürger unter den Protestierenden.

Festivalstimmung am Steintor

Zu den Demonstranten gehörte 1969 Matthias Sesselmann. „Es war eine großartige Stimmung.“ Schüler, Auszubildende, Gewerkschaftler, Kirchenvertreter, Kommunisten und Studenten arbeiteten zusammen. „Die 68er-Bewegung hat mir beigebracht, sich um einander zu kümmern.“ Für ihn war die Aktion ein „Festival des Miteinanders“. Die Rasenfläche am Steintor wurde damals schnell zum Treffpunkt. „Leute brachten Gitarren für Sessions mit, Dietrich Kittner spielte sein Programm, es kam Woodstock-Stimmung auf. Und sogar die Bonzen im Mercedes hatten einen roten Punkt dabei“, erinnerte sich Sesselmann.

Bilder von den Protesten in Hannover

Trotz Festivalstimmung kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen zwischen Polizisten und Demonstranten samt Farbbeutelwürfen und Knüppeleinsatz. „Ich habe nur einmal im Leben auf Schienen gesessen. Das war am Steintor. Die Polizei war gewalttätig. Das hatte ich so noch nie erlebt“, erinnerte sich der heutige Anwalt Matthias Waldraff. „Ich hatte richtige Angst.“

Sesselmann sprach von anarchistischen Blöcken unter den Demonstranten. Es sei viel über Gewalt diskutiert worden. „Ich war selbst hin und her gerissen und dachte damals, Gewalt sei nicht grundsätzlich falsch. Das habe ich später revidiert.“ Moderator Benne erinnerte daran, dass damals anliegende Geschäfte Polizisten sogar den Toilettengang verweigerte.

Stolz auf Kommunalisierung

Unter den Gegnern der Demonstranten befand sich Rolf Lange, der 1969 junger Mitarbeiter der Üstra war. „Wir hatten damals auch Angst. Denn die Auseinandersetzungen waren heftig. Wir wussten nicht, wie sich die Demonstrationen entwickeln.“ Die Mitarbeiter hätten Angst gehabt, dass die Demonstranten auch die Betriebshöfe stürmen würden. „Demonstranten haben Türen eingetreten und Fenster bei den Straßenbahnen eingeschlagen.“

Und trotzdem hatte Lange Verständnis für das Anliegen der Demonstranten. Denn die Arbeitsbedingungen seien nicht gut gewesen. Entsprechend fuhr Lange privat mit einem roten Punkt am Käfer rum. „Plötzlich waren wir Hannoveraner uns einig. Unser Ziel war es, einen öffentlichen Nahverkehr zu bekommen.“ Die Arbeitsbedingungen hätten sich nach der Kommunalisierung der Üstra entscheidend verbessert. „Darauf können wir heute stolz rein.“

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Der ehemalige Demonstrant Matthias Sesselmann zeigte zur besseren Einordnung Super-8-Aufnahmen von den Protesten. Das Publikum erinnerte daran, dass schon vor den Blockaden versucht wurde, über den roten Punkt für einen sozialen Nahverkehr zu sorgen. Zudem hätte es auch politische Unterstützung gegeben.

Matthias Waldraff sagte: „Viele ahnten damals nicht, was sie eigentlich bewegen.“ Er zog Parallelen zur Protestbewegung Fridays for Future. „Damals haben Eltern und Großeltern gesagt: Das geht nicht und demonstrierten mit. Viele werden sich an das Gefühl der Gemeinschaft und der Solidarität erinnern. Die Fähigkeit der Solidarität ist heute offenbar weggebrochen“, sagte Waldraff. Ein Besucher forderte entsprechend zum Schluss der Debatte ein Rote-Punkt-Aktion-Denkmal auf dem Steintorplatz.

Hier finden Sie mehr:

Die HAZ-Redaktion hat zum 50. Jahrestag der Rote-Punkt-Aktion Filmausschnitte, Erinnerungen und Fotos in einer Multimedia-Reportage zusammengestellt.

Von Jan Sedelies

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