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Aus der Stadt „Bei manchen Themen kriegen Sie Morddrohungen“: So diskutierte das HAZ-Forum über Cancel Culture
Hannover Aus der Stadt

Wie reden wir: So diskutierte das HAZ-Forum über Cancel Culture

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20:41 21.11.2021
Führten durch die angeregte Diskussion: HAZ-Redakteurin Jutta Rinas und HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.
Führten durch die angeregte Diskussion: HAZ-Redakteurin Jutta Rinas und HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Darf man eigentlich noch alles sagen? Universitäten gelten seit Jahrhunderten als Garanten und Hort der freien Rede. Aber gilt das noch, wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe das Recht abgesprochen wird, zu einem bestimmten Thema zu sprechen, oder wenn Journalisten oder Professoren ihren Job verlieren, wenn sie der Vorwurf trifft, sich eines unsensiblen Sprachgebrauchs zu bedienen? In den USA ist um diese Frage eine heftige Debatte entbrannt und auch in Hannover gab es Beispiele, wie die eines Polizisten, dessen Vortrag an der Leibniz-Universität von Studierenden abgelehnt wurde.

Beim HAZ-Forum zu den Thementagen „Wie reden wir miteinander?“ ging es auch um das Phänomen, das sich in den USA unter dem Begriff Cancel Culture versammelt – also einer angeblichen Bewegung, die nicht darauf zielt, unliebsame Argumente zu widerlegen, sondern gleich den unliebsamen Diskussionsgegner aus der Debatte oder am besten gleich aus seinem Job zu entfernen. Gibt es das auch bei uns, fragten HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt und Redakteurin Jutta Rinas die Journalistin Canan Topçu, Studentin Sarah Danquah, Regionalbischöfin Petra Bahr und Sprachwissenschaftlerin Annika Schach.

„Professoren haben eine hohe Selbstständigkeit“: Annika Schach sieht ihren Berufsstand in Deutschland nicht von der Cancel Culture bedroht. Quelle: Tim Schaarschmidt

Schach selber betonte, dass es entscheidende Unterschiede zwischen der Situation der us-amerikanischen und der deutschen Hochschullehrer gebe. „Professoren hier haben eine hohe Selbstständigkeit“, sagte die Professorin der Hochschule Hannover. Es gebe das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit, das Professoren auch dann schütze, wenn sie sich abseits ihres Fachgebiets zu Wort meldeten, zudem seien Professoren Beamte.

Beim HAZ-Forum „Wie reden wir miteinander“ waren am Freitagabend rund 100 Leserinnen und Leser in der alten HAZ-Druckerei zu Gast. Wir haben sie gefragt, wie weit sie gehen, um Sprache zu verändern.

Diskussion nicht auf Deutschland übertragbar?

Deshalb greife die Cancel-Culture-Diskussion hier nicht, sagte Canan Topçu. „Sie können bestimmte Debatten nicht auf Deutschland übertragen.“ Sie kritisierte, dass die einzelnen Fälle, die es dennoch hierzulande gebe, von den Feuilletons überbetont würden. „Wir können das gelassener sehen, wir haben keine us-amerikanischen Verhältnisse.“ Allerdings berichtete sie, dass sie selbst einen Lehrauftrag an der Hochschule für Polizei und Verwaltung in Hessen verloren habe, nachdem sie gemeldet hatte, dass mutmaßlich Rechtsradikale unter den Studierenden waren.

„Da wird mit Angst operiert“: Zuhörer Volker Rinne sorgt sich um die Debattenkultur. Quelle: Tim Schaarschmidt

Es gebe allerdings durchaus Themen, bei denen man es sich gut überlegen müsse, ob man sich zu Wort melde, meinte Zuhörer Volker Rinne. „Die gibt es glasklar. Sprechen Sie mal im Internet über Wölfe, da kriegen Sie Morddrohungen.“ Das gelte auch für Gespräche über Rassismus, „wir haben da deutliche Begrenzungen, da wird mit Angst operiert.“ Der Forumsabend sei in diesem Sinne schon ein wichtiger Schritt, denn dort werde offen und ruhig miteinander gesprochen – das müsste weiter verfolgt und auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Diesem Vorschlag schloss sich Sarah Danquah in ihrem Fazit des Abends an: Sich gegenseitig Raum zu geben und zuzuhören sei die Grundlage einer fairen Diskussionskultur. „Es ist so wichtig, still zu sein und die eigene Reaktion zu überdenken.“ Auch, wenn man nicht jeden Standpunkt nachvollziehen könne, könne man diesen dennoch akzeptieren und respektieren.

Von Heiko Randermann