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Aus der Stadt „Wir sind nicht gleich“: So diskutierte das HAZ-Forum über Rassismus
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Wie reden wir: So diskutierte das HAZ-Forum über Rassismus

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11:19 22.11.2021
Welche Rolle spielt Rassismus in der Sprache? Regionalbischöfin Petra Bahr, Sprachwissenschaftlerin Annika Schach, Black-Lives-Matter-Aktivistin Sarah Danquah und Journalistin Canan Topçu (v.l.) diskutierten beim HAZ-Forum.
Welche Rolle spielt Rassismus in der Sprache? Regionalbischöfin Petra Bahr, Sprachwissenschaftlerin Annika Schach, Black-Lives-Matter-Aktivistin Sarah Danquah und Journalistin Canan Topçu (v.l.) diskutierten beim HAZ-Forum. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Wie sollen wir Menschen begegnen, die eine Migrationsgeschichte haben? Oder ist das schon die falsche Frage, weil es eben wirklich viele Menschen gibt, die hier geboren und aufgewachsen sind, deutsch als Muttersprache sprechen – und trotzdem als fremd wahrgenommen werden? Und kann Sprache das heilen oder zumindest an dieser Stelle helfen? Beim HAZ-Forum „Wie reden wir?“ sprachen Chefredakteur Hendrik Brandt und Redakteurin Jutta Rinas mit Journalistin Canan Topçu, Studentin Sarah Danquah, Regionalbischöfin Petra Bahr und Sprachwissenschaftlerin Annika Schach auch über Alltagsrassismus und Sprache.

Für Sarah Danquah ist ein Sprachgebrauch, der Ungleichheiten in der Gesellschaft ignoriert, der falsche Weg. „Wir müssen uns bewusst werden, dass wir in einer weißen Mehrheitsgesellschaft leben“, sagte die schwarze Studentin, die extra für die Diskussion aus ihrem Studienort Leicester in England in ihre Heimatstadt Hannover gereist war. Es gebe Ungleichheit zwischen den Menschen, „und diese Baustellen kann man erst angehen, wenn man die Probleme sieht und angeht.“

Eine Form des Respekts

Ähnlich sah das auch Miriam Eloquah, die sich aus dem Publikum zu Wort meldete: „Wir sind nicht gleich“, es gebe verschiedene Geschlechter, verschiedene Körpergrößen und eben verschiedene Hautfarben. Und sie sehe es als Form des Respekts, diese Unterschiede zur Kenntnis zu nehmen. „Wenn ich so und so angesprochen werden möchte, dann müssen Sie das akzeptieren.“

„Dann müssen Sie das akzeptieren“: Miriam Eloquah meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Quelle: Tim Schaarschmidt

Es entwickelte sich im Laufe der Diskussion zu einer der Kernfragen: Verlangt der Respekt vor dem anderen Menschen, dass ich die Unterschiede zur Kenntnis nehme? Oder ist es vielmehr der richtige Weg, den Unterschieden gleichgültig zu begegnen und damit zu signalisieren, dass man sie als gleichberechtigt wahrnimmt? Sie wolle nicht kleine, große, schwarze oder weiße Menschen einzeln ansprechen, sagte Journalistin Canan Topçu. „Warum reicht es nicht, wenn ich Sie als Mensch anspreche?“ Was genau soll denn der Gewinn sein, wenn man sein Gegenüber als Mitglied einer Gruppe anspreche? Durch das Aufteilen in der Ansprache verhindere man nicht die Diskriminierung.

Diskussion aus den USA spielt große Rolle

Topçu kritisierte zudem, dass in der aktuellen Diskussion viele Bausteine aus den Black-Lives-Matter-Bewegungen und den öffentlichen Debatten der USA und Großbritanniens übernommen würden, obwohl die Situation in Deutschland mit der dortigen überhaupt nicht vergleichbar sei. Minderheiten in Deutschland seien zum übergroßen Teil eben nicht Schwarze, sondern türkische und südeuropäische Arbeitsmigranten der Nachkriegszeit und deren Nachkommen. Über Diskriminierung in Deutschland zu sprechen heiße daher eher, über Islamophobie zu sprechen als über Rassismus – zumal oft nicht klar sei, wer denn tatsächlich schwarz oder weiß sei. „Was meinen Sie mit nicht-weißen Menschen?“, fragte Topçu die schwarze Hannoveranerin Farina Finke.

Kritisierte den Verlauf der Diskussion: Die gebürtige Hannoveranerin und Wahl-Berlinerin Farina Finke. Quelle: Tim Schaarschmidt

Die hatte sich zuvor auf die Seite von Sarah Danquah gestellt. Sie als schwarze Deutsche verstehe nicht, „dass ich mich jedes Mal entschuldigen muss, wenn ich Raum einnehme“. Und sie forderte die Diskussionsrunde auf, klar zu benennen, dass die Wurzel der Diskriminierung seit dem Kolonialismus im Rassismus liege. „Wie kann hier über Zuwanderung gesprochen werden, wenn es doch eigentlich um Rassismus geht?“

Was heißt Integration?

Dass es viele Menschen verletzt, dauerhaft als nichtdeutsch, als fremd wahrgenommen zu werden, war ein Punkt, der an diesem Abend öfter angesprochen wurde. So auch von Osman Timur, dem niedersächsischen Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), der sich aus dem Publikum zu Wort meldete. „Unsere Kinder können Deutsch besser als jede andere Sprache, aber sie werden nicht als deutsch angesehen. Sie wollen gleichwertig sein und sind es nicht. Das tut weh.“ Auch dass er selber nach den Ferien immer gefragt werde, ob er in seiner Heimat Urlaub gemacht habe, störe ihn. „Meine Heimat ist Rehburg-Loccum und da verbringe ich nicht meinen Urlaub.“ Diese geradezu selbstverständliche Abgrenzung der Mehrheitsgesellschaft, dieser ungewollte Alltagsrassismus, störe ihn weit mehr als das Geschrei der Rechtsextremen.

„Ich bin Teil dieser Gesellschaft“: Tchadarou Abdoul vom Netzwerk Generation Postmigration. Quelle: Tim Schaarschmidt

Es gab in der Runde aber auch Stimmen, die Fortschritte in der Debatte einforderten. „Wir sollten eigentlich viel weiter sein“, sagte Tchadarou Abdoul vom Netzwerk Generation Postmigration, der sich ebenfalls aus dem Publikum zu Wort meldete. „Wir sollten uns an einen Tisch setzen und uns fragen: Wie wollen wir denn nun miteinander reden?“ Er sehe auch nicht, was es bei ihm noch zu integrieren gäbe, sagte der junge Schwarze. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich bin Teil dieser Gesellschaft und kenne kein Land besser als dieses.“

Betont die gesellschaftlichen Fortschritte, die es in Deutschland schon gegeben hat: CDU-Ratsherr Jesse Jeng. Quelle: Tim Schaarschmidt

Es habe ja bereits Fortschritte gegeben, meinte Jesse Jeng, CDU-Ratsherr der Stadt Hannover. Das habe er im Gespräch mit einem anderen schwarzen Ratsmitglied erst neulich festgestellt: „Mann, Mann, Mann – Deutschland ist schon viel besser geworden.“ Das sah auch Journalistin Topçu so: Seit den 1970er- und 1980er-Jahren habe sich sehr vieles verändert. „Aber es verändert sich nicht so schnell, wie einige es gerne hätten.“

Gegenseitiges Verständnis sei wichtig und helfe, Brücken zu bauen, meinte Regionalbischöfin Petra Bahr. „Mit den Augen der anderen zu sehen, korrigiert den eigenen Erfahrungshorizont.“

Von Heiko Randermann