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Aus der Stadt „Mir ist die deutsche Sprache Heimat“: So diskutierte das HAZ-Forum über das Gendern
Hannover Aus der Stadt

Wie reden wir: So diskutierte das HAZ-Forum über das Gendern

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20:48 21.11.2021
Diskutierten darüber, wie diskutiert werden sollte (v.l.): Regionalbischöfin Petra Bahr, Hochschullehrerin Annika Schach, Studentin Sarah Danquah und Journalistin Canan Topçu stellten sich den Fragen von Hendrik Brandt und Jutta Rinas.
Diskutierten darüber, wie diskutiert werden sollte (v.l.): Regionalbischöfin Petra Bahr, Hochschullehrerin Annika Schach, Studentin Sarah Danquah und Journalistin Canan Topçu stellten sich den Fragen von Hendrik Brandt und Jutta Rinas. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Ist es respektvoll, Unterschiede zu ignorieren und einen Menschen immer nur als Menschen zu sehen? Oder verlangt Respekt im Gegenteil, dass wir Ungleichheiten nicht nur sehen, sondern auch klar benennen? Beim HAZ-Forum zu den Thementagen „Wie reden wir miteinander?“ zeigte sich, dass man in einer Diskussion weit auseinanderliegen kann, selbst wenn man eigentlich dasselbe Ziel verfolgt. Und das Gespräch ergab Einblicke, wie sich unsere Gesellschaft wandelt – und wie um die Richtung dieses Wandels gestritten wird.

Rund 100 Leserinnen und Leser waren am Freitagabend dabei und diskutierten mit den Podiumsgästen, der Theologin Petra Bahr, der Sprachwissenschaftlerin Annika Schach, der Studentin Sarah Danquah und der Journalistin Canan Topçu. Moderiert haben das Forum Redakteurin Jutta Rinas und Chefredakteur Hendrik Brandt. Und gleich zu Beginn ging es um das bei vielen Menschen umstrittene Thema Gendern: Sollten wir einen Sprachgebrauch entwickeln, in dem nicht immer nur die männliche Form gewählt wird, wenn eigentlich alle Menschen gemeint sind?

Bischöfin ist „besonnen inkonsequent“ beim Gendern

Sie sei beim Gendern „besonnen inkonsequent“, sagt Regionalbischöfin Bahr. Im täglichen Umgang bemühe sie sich um eine nicht-verletzende Sprache, die alle Menschen einschließe. Und nicht zuletzt sei Sprache auch immer ein Machtinstrument. Aber „im Gottesdienst gendere ich nicht“ – dafür habe sie zu großen Respekt vor den tradierten Texten, so Bahr.

Sprache ist immer auch Machtinstrument: Regionalbischöfin Petra Bahr (links) und Sprachwissenschaftlerin Annika Schach. Quelle: Tim Schaarschmidt

Mit dem Gendern des Deutschen tue sie sich schwer, räumt Topçu ein. „Ich habe mir diese Sprache mühsam angeeignet“, sagt die Journalistin, die bei der HAZ ihre Ausbildung absolviert hatte. „Mir ist die deutsche Sprache Heimat geworden, und ich möchte sie behalten.“ Sie sage daher Studentin und Student, aber nicht Studierende. Und schon gar nicht wolle sie sich auf Konstruktionen wie „Busfahrende“ einlassen.

Für Menschen, die sich mit dem Gendern schwertun, habe sie Verständnis, sagte Sprachwissenschaftlerin Schach. „Es ist auch nicht so, dass ich beim Sprechen perfekt gendere.“ Aber es gebe durchaus die Notwendigkeit, Sprache geschlechtergerecht zu machen und die Diskussion werde bereits seit den 1970er Jahren geführt. Die Veränderung sei möglicherweise auch nicht so tiefgreifend: Sie habe gerade erst ein 250 Seiten starkes Buch in geschlechtergerechte Sprache übersetzt – nicht nur mit dem Genderstern, sondern sie habe „die ganze Vielfalt der deutschen Sprache genutzt“, so Schach. Das funktioniere sehr gut, und sie glaube nicht, dass der Text dadurch unlesbarer geworden sei.

Beim HAZ-Forum „Wie reden wir miteinander“ waren am Freitagabend rund 100 Leserinnen und Leser in der alten HAZ-Druckerei zu Gast. Wir haben sie gefragt, wie weit sie gehen, um Sprache zu verändern.

69 Prozent lehnen das Gendern ab

Doch dass Gendern für viele Menschen eben nicht nur eine kleine, kosmetische Veränderung ist, sondern einen massiven Eingriff bedeutet, wurde an dem Abend auch klar. Moderatorin Jutta Rinas zitierte Umfragen, wonach 69 Prozent der Deutschen die Sonderformen wie das Sternchen oder den Doppelpunkt in Bezeichnungen ablehnen. Und in einer Leserfrage war gar von „Umerziehung der Untertanen“ durch den neuen Sprachgebrauch die Rede.

Doch dass es auch ganz andere Meinungen zu dem Thema gibt, wurde ebenfalls deutlich, etwa durch die Wortmeldung von Zuhörerin Farina Finke. Es sei empörend, dass im generischen Maskulinum Mensch und Mann gleichgesetzt würden. „Wenn ich hier vier weibliche Gäst*innen sehe, dann verstehe ich nicht, warum nicht radikal eingefordert wird, dass Leute einbezogen werden – und zwar nicht nur Frauen, sondern auch Menschen eines nicht-binär zuzuordnenden Geschlechts.“ Das sei nicht eine Frage, sondern eher ein Kommentar, fügte Finke hinzu: „Ich bin etwas aufgebracht.“

Wie können wir sensibel kommunizieren? Zuhörerin Katharina Balzer fragte nach. Quelle: Tim Schaarschmidt

Leserin Katharina Balzer sprach einen ähnlichen Punkt etwas verbindlicher an: Geschlechtergerechter Sprache werde oft vorgeworfen, dass sie die Gesellschaft spalte. „Mich würde mal interessieren, was die Alternative wäre“, fragte sie die Journalistin Topçu.

Diese hatte eine einfache Antwort: „Ich setze mich dafür ein, dass Menschen mit Respekt begegnet wird – unabhängig davon, welchen Geschlechts oder Herkunft sie sind.“ Sie habe sich als Person mit Migrationsbiografie immer dagegen gewehrt, in diesem Kontext wahrgenommen zu werden. „Das stellt meine Individualität in Frage. Ich will, dass wir als Individuen, als gleichberechtigte Menschen wahrgenommen werden.“

Nicht immer einer Meinung: Black-Lives-Matter-Aktivistin Sarah Danquah (links) und Journalistin Canan Topçu. Quelle: Tim Schaarschmidt

Dem widersprach Sarah Danquah: Es springe zu kurz, Menschen einfach nur als Menschen wahrnehmen zu wollen. „Aber am Ende des Tages haben Menschen unterschiedliche Lebensrealitäten.“ Sprache und Gendern sei ein Mittel um allen Menschen zu signalisieren, dass sie respektiert und mitgemeint seien.

Von Heiko Randermann