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Aus der Stadt Wohnungslose sammeln in Hannover Müll ein
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Wohnungslose sammeln in Hannover Müll ein

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10:00 27.11.2019
Projekt für Wohnungslose im Ruhe- und Rückzugsraum „Kompass", Müllsammeln am Hauptbahnhof: Sergio, Kyril, Damian, Catalyn Quelle: NANCY HEUSEL
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Hannover

Das Klischee kennt jeder: Wohnungslose Menschen verursachen Dreck. Wenn sie sich mit ihrem Hab und Gut draußen aufhalten, wenn sie zusammensitzen, wenn sie dort essen und vor allem trinken. Bei dem Projekt „Geh deinen Weg“ vom Ruhe- und Rückzugsraum Kompass des Diakonisches Werkes arbeiten die Menschen ohne Bleibe jetzt buchstäblich gegen dieses Klischee an: Sie sammeln zweimal pro Woche im Bereich Hauptbahnhof, Raschplatz und Weißekreuzplatz Müll auf – und Passanten sowie vor allem Anlieger sehen das gerne.

Tagesstruktur und Selbstwert

Mit schwarz-blauer Arbeitskleidung und zwei 80-Liter-Tonnen mit dem Kompass-Logo machen sich Damian, Catalyn, Kyril und Sergio auf, um zwischen Bänken, Fahrradständern und auf grünen Streifen sowie am Straßenrand mit langen Greifzangen das aufzusammeln, was andere Bürger achtlos fallen gelassen haben. „Innerhalb einer Stunde sind die Tonnen voll“, betonen Juri Sladkov und Marvin Ahlburg, die als Sozialarbeiter in der Einrichtung arbeiten und das Projekt auf der Straße begleiten. Rund 1400 Liter Müll haben die Männer aus dem Kompass seit Projektstart im Oktober bereits eingesammelt.

Mit dem Einsatz soll nicht unbedingt dem Abfallwirtschaftsbetrieb Aha Konkurrenz gemacht werden, vielmehr will die Diakonie Menschen, die in besonderen sozialen Schwierigkeiten sind und keinen Anspruch auf Leistungen haben, eine Tagesstruktur und ein wenig Selbstwertgefühl geben. „Als wir im Oktober angefangen haben, wollten gleich ganz viele mitmachen“, sagt Ahlburg. Catalyn hat zu denen gehört, die auf der langen Holzbank hinter dem Bahnhof sitzen, als der erste Trupp Müllsammler vorbeigekommen ist. Der Rumäne ist spontan aufgestanden und hat mitgesammelt – jetzt gehört er zum Team.

Von der Gesellschaft wahrgenommen

Es gibt auch so etwas wie eine Aufwandsentschädigung für die Arbeit an den blauen Tonnen. Mit bis zu sechs Euro pro Stunde Einsatz können die Männer, die meist aus Osteuropa stammen, rechnen. „Für jemanden, der sonst mit Pfandbeträgen auskommen muss, ist das schon etwas“, so Sozialarbeiter Sladkov. Die Menschen aus dem Kompass sollen zudem eine Perspektive für ihren Tag bekommen. „Das Projekt hat Modellcharakter“, erklärt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Menschen ohne Ansprüche in Deutschland würden eine regelmäßige Aufgabe bekommen, täten etwas für die Allgemeinheit und würden von der Stadtgesellschaft (anders) wahrgenommen. „Es ist auch eine Aktion gegen die Vorurteile. Obdachlose machen nicht nur Dreck, sie machen ihn auch weg“, so Müller-Brandes.

Blitzblank putzen die Männer das Areal rund um den Bahnhof nicht, „aber die Aktion hat auch Symbolcharakter“, sagt Sladkov. Viele Besucher aus dem Kompass hätten eine Ausbildung, fühlten sich aber nutzlos in Deutschland ohne Arbeit. „Damian etwa ist Klempner, und als wir hier ein technisches Problem hatten, hat er es beheben können.“ Eine perfekte Lösung für alle Beteiligten.

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