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Expo Hannover - 10 Jahre danach Heckmann: „Ich würde die Expo sofort noch mal machen“
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20:17 02.07.2010
Sepp D. Heckmann in seinem Büro. Hinter ihm ein Foto von Sir Peter Ustinov und Verona Pooth bei ihrem Besuch auf der Expo 2000. Quelle: Rainer Surrey
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Herr Heckmann, Sie hatten als Erster überhaupt 1987 die Idee geäußert, eine Weltausstellung nach Hannover zu holen. Versuchen Sie doch bitte in einem Satz rückblickend zusammenzufassen: Wo stünde Hannover heute, wenn es die Expo nicht gegeben hätte?
Oh, das ist schwer zu sagen in einem Satz (denkt nach). Man muss vielleicht verstehen, wie die Idee entstanden ist. Das war 1987, übrigens nicht bei einem Kaminabend, wie es immer heißt, sondern im Anschluss an einen VIP-Ausstellerabend in der Lüerstraße. Die Aufsichtsratsvorsitzende Birgit Breuel war dabei, und wir haben nachgedacht, ob es nicht zum 40. Messegeburtstag 1988 irgendetwas ganz Großartiges geben müsste, um den Standort Hannover zu verbessern. Ich habe dann gesagt: Vielleicht könnte es eine Weltausstellung sein. Das schien für Frau Breuel unvorstellbar, auch für alle anderen, dann war das Thema erst mal tot.

Sie haben tatsächlich darüber nachgedacht, innerhalb eines Jahres eine Weltausstellung zu organisieren?
Es war ja erst mal nur eine Idee. Aber nach vier Wochen kam ein Brief von Frau Breuel. Den habe ich beim Ausräumen meines Messebüros wiedergefunden und eingerahmt. Da schrieb sie mir extra noch vor ihrem Urlaub, dass wir die Idee einer Weltausstellung unbedingt aufgreifen sollten. Das habe ich dann den Sommer über vorbereitet. In Paris, wo das Internationale Expo-Büro sitzt, bin ich zunächst aber ziemlich abgeblitzt. Die haben gesagt: Tolle Idee, aber im Moment liegen schon Bewerbungen vor aus Miami, Rio, Paris, Toronto, Venedig und Hongkong.

Mit dem Termin wäre es ja ohnehin schwierig geworden ...
Wir haben ziemlich schnell umgesteuert und über einen Termin zum 50. Messegeburtstag nachgedacht. Aber auch 1998 hätte nicht funktioniert: Weltausstellungen finden nur alle fünf Jahre statt. Also haben wir auf das Jahr 2000 gesetzt. In Paris haben sie noch mal betont, dass Hannover im Prinzip keine Chance habe, aber wenn wir durchhielten, dann vielleicht. Das Ergebnis ist bekannt.

Eigentlich wollte ich ja wissen, wo Hannover stünde, wenn es die Expo nicht gegeben hätte.
Ach, das ist schwierig. Wenn ich jetzt sage, dass wir dann zum Beispiel wie Kassel dastünden, dann sind doch die Menschen in Kassel sauer. Vielleicht geht es so: Die Expo hat Hannover in einer neuen Liga positioniert, in der wir national wie international eine deutlich verbesserte Rolle spielen. Das hat sich jetzt zur Zehnjahresfeier wieder gezeigt: Hannover wird seit der Expo weltweit als liebens- und lebenswert und als weltoffen wahrgenommen.

Das ist die gefühlte Seite. Aber auch bei der Infrastruktur hat sich dank Milliardeninvestitionen viel getan. Ich dachte, der langjährige Messechef würde es ökonomischer formulieren.
Das eine hat mit dem anderen nur zum Teil zu tun. Hannover hat durch die Investitionen in die Infrastruktur natürlich ganz unglaublich gewonnen. Sie müssen sich das mal vorstellen: Wir können in Hannover jede erdenkliche Großveranstaltung problemlos abwickeln, ob Großkonzert, Weltmesse, Parteitage oder sonstige Veranstaltungen mit Zigtausenden Teilnehmern wie zum Beispiel den European Song Contest.

Die Größe des Messegeländes sei aber auch eine Bürde, heißt es immer wieder. Letztes Jahr mussten Stadt und Land je 125 Millionen Euro zuschießen, um die Messe zu stützen.
Diese Darstellung stimmt so nicht. Ich habe schon zu meinen Zeiten als Vorstandsvorsitzender der Messe immer dafür geworben, dass die Eigner Geld für eine notwendige Kapitalerhöhung geben. Das ist nötig im Wettbewerb mit den anderen Messestandorten, der wirklich knallhart geworden ist. Unabhängig davon muss man feststellen: 1999 bis 2001 war das Messegelände – es ist tatsächlich das weltgrößte – komplett ausgelastet. Die Hallenflächen des Messegeländes sind übrigens zur Expo nicht erweitert worden. Jetzt aber gibt es in einigen Bereichen den Trend zur Miniaturisierung. Was früher ein großes Rechenzentrum war, passt heute auf einen Chip. Das ist nicht schön für jemanden, der ein riesiges Messegelände vermarkten will. Andererseits merken wir aber etwa zur Agritechnica, dass Traktoren und Mähdrescher immer größer werden – das freut den Messemacher natürlich. Insgesamt bietet die Größe des Geländes eine hohe Flexibilität auch für gleichzeitige Veranstaltungen. Das zwingt aber eben auch zur Auslastung.

Sie waren in der Expo GmbH der zuständige Geschäftsführer unter anderem fürs Bauen. Was ist denn das markanteste Bauwerk, das die Expo hinterlassen hat?
Eindeutig das Expo-Dach. Das ist ein wunderschönes Bauwerk, fast künstlerisch, das hat eine enorme Ausstrahlung.

Der Aufbau war gefährdet. Es gab große Probleme mit der Statik.
Das stimmt, das Holzdach war mein schwierigstes Bauwerk – und eines von nur zwei Bauwerken, bei denen die Kosten am Ende stark von der ursprünglichen Budgetplanung abwichen. Das andere war unser großes Tagungszentrum Jahrzehnte zuvor – beide Vorgänge ärgern mich sehr.

Ein anderes Expo-Bauwerk wurde 2009 reduziert: Die große Exponale über dem Schnellweg wurde verkleinert. Gehen wir richtig mit dem Expo-Erbe um?
Natürlich muss es gelegentlich möglich sein, Infrastruktur den heutigen Bedürfnissen anzupassen. Die Exponale übrigens war ja von Anfang an für eine spätere Verkleinerung vorgesehen.

Die Weltausstellung in Paris hat den Eiffelturm hervorgebracht. Unser Wahrzeichen Expo-Dach steht auf dem Messegelände, in der Bevölkerung und bei Touristen gibt es keine Bezüge dazu. Wurde es bei der Expo-Planung versäumt, mit markanter Architektur Zeichen in Hannover zu setzen?
Wir haben uns durchaus Gedanken dazu gemacht, uns oft mit Fachleuten ausgetauscht. Am Ende waren wir uns sicher: Wir wollen keinen Eiffelturm für Hannover, sondern Inhalte, die das Thema Mensch – Natur – Technik vorgeben.

Wir Hannoveraner haben bei der Gelegenheit ja das Fremdwort Sustainability (engl. Nachhaltigkeit) gelernt. Glauben Sie, dass die Inhalte der Expo bei den Besuchern im Gedächtnis geblieben sind?
Auf jeden Fall. Vielleicht nicht bei jedem Freizeitbesucher – aber die Expo war ja keineswegs nur eine fröhliche Weltfeier oder Party, sondern insbesondere auch globaler Kongress und Fachtagung, ein Treffen der Menschen, die weiterdenken.

Einerseits haben Sie derartige Themen mit internationalen Partnern abstimmen müssen, andererseits sich in Hannover zum Beispiel um den Ausbau der Pferdeturmkreuzung streiten müssen.
Ja (stöhnt), das war eine Diskussion. Die ging eigentlich 30 Jahre lang. Wegen der Wegnahme von ein paar Bäumen sahen einige die Natur gefährdet. Wobei wir uns selbstverständlich dem Thema Natur verpflichtet fühlten. Die Eilenriede werde bei Stürmen Baumbrüche erleben, Tiere und Pflanzen würden gequält. Das sollte man wissen, wenn man dort heute problemlos vorbeifährt.

Was war für Sie das schönste Expo-Ereignis?
Das zwar überhaupt nicht schönste, aber beeindruckendste Erlebnis war, als nach dem Concorde-Absturz Expo-Besucher das gesamte Gelände von Ost bis West mit Kerzen bestückt haben und zum Trauergottesdienst im Christuspavillon sogar das Bundeskabinett kam. Diese Solidarität war unglaublich beeindruckend. Ansonsten: Schöne Eindrücke gab es ganz viele jeden Tag. Der Faust, das Eröffnungskonzert mit den Scorpions und den Philharmonikern, die vielen Begegnungen. Oder das Gefühl, als die Eröffnung kam und tatsächlich alles geschafft war.

Was bleibt von der Expo?
Der Gedanke der Nachhaltigkeit. Die Expo in Hannover hat da weltweit Impulse gesetzt. Wir müssen aber auch in Hannover das Bewusstsein schaffen, dass dieses Thema, das die Weltgesellschaft in den nächsten 50 Jahren beschäftigen wird, immer wieder mit Hannover in Verbindung gebracht wird. Das ist das eigentliche Erbe der Expo. Deshalb ist es gut, dass es im November den großen internationalen Kongress „Our common future“ in Hannover gibt. Wissenschaftler werden zehn Jahre nach der Expo zusammenkommen und über die globalen Fragen der Menschheit beraten.

Und Sie persönlich – würden Sie ein Projekt wie die Expo noch einmal machen?
Sofort. Sicher.

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