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Hannover in Abstiegsangst 96-Abstieg wäre auch wirtschaftlich dramatisch
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18:15 18.02.2010
Sechs Millionen Euro kostet allein jährlich die Miete für die AWD-Arena. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover. Martin Kind redet nicht lange drumherum. Er hört das Wort 2. Liga im Zusammenhang mit Hannover 96 nicht gerne. Die Art und Weise der 1:5-Pleite gegen Bremen hat den 96-Klubchef erschüttert in seiner Zuversicht, dass 96 auch nach dem letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga am 8. Mai ein Erstligist sein wird. Und trotzdem glaubt Kind, dass es 96 schon irgendwie packen wird. Deshalb redet er ungern über die 2. Liga. Was sie aber für Hannover 96 bedeuten würde, das sagt Kind deutlich: „Sportlich hätten wir im Abstiegsfall einen Scherbenhaufen. Und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten stünden wir in der 2. Liga vor einem dramatischen Szenario.“

Kind übertreibt nicht. Es geht am Ende der Saison nicht nur ums Prestige und ein paar Schulterklopfer. Es geht um viel Geld, und es kann ganz schnell sogar um die „Existenz“ eines Vereins gehen. Auch seines Vereins, den es ohne Kind, sein Engagement und sein Geld nicht mehr geben würde, aber das ist ein anderes Thema.

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Wirtschaftlich gesehen ist ein Abstieg aus der 1. in die 2. Liga eine plötzliche Vollbremsung ohne Airbag: Ein Absteiger muss sein Jahresbudget innerhalb weniger Wochen Sommerpause kurzerhand halbieren. Bei Hannover 96 wäre das eine Sparkur von jetzt rund 50 Millionen Euro auf dann nur noch 20 bis 25 Millionen Euro pro Saison. Innerhalb kurzer Zeit müssten die Ausgaben radikal gekürzt werden. Denn die Einnahmen wären kaum zu verbessern.

Ein Profifußballklub verdient sein Geld auf drei verschiedenen Wegen: Fernsehgeld, Sponsoren und die Erlöse aus den Eintrittspreisen – wobei die Sponsoren bei 96 den größten Teil ausmachen, die Eintrittsgelder den niedrigsten. Für die Übertragungsrechte kassieren die „Roten“ in dieser Saison nach Angaben von Kind 18 Millionen Euro, das Sponsorengeld liegt leicht drüber, der Erlös aus den Tickets deutlich darunter. Alle diese Einnahmen sind jedoch maßgeblich von der Zugehörigkeit zur 1. Liga abhängig. Das Geld aus der Fernsehvermarktung beispielsweise wird von der Deutschen Fußball-Liga im Verhältnis 70:30 zwischen 1. und 2. Bundesliga verteilt.

Fast alle Sponsoren haben ihre Loge auch für die 2. Liga angemietet, „die Verträge sehen aber deutliche Abschläge vor“, sagt Kind. Mit anderen Worten: weniger Geld für 96.

In der vergangenen Saison hatte 96 in der 1. Liga einen Besucherschnitt von 40.589, in der laufenden Saison sind es 34.568 Fans im Schnitt. In der 2. Liga sind diese Zahlen utopisch, außerdem müsste der Verein die Eintrittspreise senken, weil natürlich kein Fan für Paderborn so viel Geld ausgeben wird wie für die Bayern. „In der 2. Liga sind 17.000 bis 20.000 Zuschauer pro Spiel realistisch“, sagt Kind. Zum Vergleich: In der Aufstiegssaison 2001/2002 kamen 20.770 Zuschauer im Schnitt. In dieser Saison stand 96 aber fast immer oben und spielte attraktiven Fußball. Wie viele Zuschauer aber kämen in der 2. Liga, wenn 96 nach dem Abstieg im Mittelfeld hängenbleiben würde?

Eine Bundesliga-Faustregel besagt, dass 5000 Zuschauer weniger im Saisondurchschnitt eine Million Euro weniger Einnahmen bedeuten. Kind hat das alles „überschlägig mal durchrechnen lassen“, bis zum 15. März muss 96 die Lizenzunterlagen für die 1. Liga einreichen, bis Anfang April die Zweitliga-Unterlagen. Die aktuelle Tabellensituation lässt 96 nicht aus dieser unangenehmen Pflicht.

Auf der anderen Seite stehen die finanziellen Verpflichtungen. Die Miete für das WM-Stadion ist dabei das größte Problem. Sechs Millionen Euro muss Hannover 96 für die schicke AWD-Arena jedes Jahr aufbringen. Bei einem Etat von 25 Millionen Euro in der 2. Liga wäre plötzlich schon ein Viertel des Geldes verbraucht, ohne dass ein Spieler bezahlt wäre. Nach Ansicht von Experten könnte dieser finanzieller Brocken dem Klub in der 2. Liga mittelfristig zum Verhängnis werden. „Drei Jahre, plus, minus“, sagt Klubchef Kind. So lange könnte 96 die 2. Liga wirtschaftlich verkraften. Dann müsse es wieder nach oben gehen. Oder das Spiel wäre aus.

Auch die Stadt wäre bei einem Abstieg in die 2. Liga finanziell betroffen. „Wir zahlen einen Betriebskostenzuschuss für das Stadion“, sagt eine Stadtsprecherin. Er liegt bei 127.000 Euro pro Jahr. Bei einem Abstieg würde sich der städtische Zuschuss auf 850.000 Euro erhöhen. Außerdem steht die Stadt bei der Stadionfinanzierung in der Pflicht – und zwar mit einer kommunalen Bürgschaft in Höhe von 20 Millionen Euro. Würde Hannover 96 also die Miete für das Stadion nicht mehr aufbringen können und pleite gehen, dann bliebe der Kämmerer auf den Schulden sitzen.

Heiko Rehberg und Dirk Schmaler