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Hannover in Abstiegsangst Hannover und 96: Eine Schicksalsgemeinschaft
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16:46 14.08.2018
Von Dirk Schmaler
Die Fans auf der Stadiontribüne hoffen auf den Klassenerhalt - wie die ganze Stadt, die auf den Imagefaktor 96 setzt. Quelle: Florian Petrow
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Ein Fußballstadion ist ein eigenartiger Ort. Meistens wird dort durcheinandergeschrien, über Fouls und Abseits gestritten. Manchmal jedoch formiert sich in dem geschlossenen Rund, gefüllt mit Zehntausenden Menschen, auf unheimliche Weise eine Art Kollektivbewusstsein.

Am vergangenen Sonnabend gab es in der hannoverschen AWD-Arena so einen Moment, in dem die üblichen Fußballfanrituale plötzlich außer Kraft gesetzt wurden. Es stand 1:5, und Hannover 96 spielte so schlecht, dass selbst der eigentlich zur Schönfärberei verpflichtete Stadionsprecher in der Halbzeit der Mannschaft „kein großartiges Spiel“ attestierte. Und doch blieben die sonst üblichen Pfiffe aus, nicht einmal geschimpft wurde noch ordentlich nach dem Abpfiff. Statt Kritik gab es plötzlich Treueschwüre, wie man sie selbst in erfolgreichen Zeiten kaum auf der 96-Tribüne gehört hat. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“, sangen die Fans trotzig gegen den Spielstand an, und ein riesiges Spruchband versicherte der verunsicherten Mannschaft: „Die Nordkurve steht hinter euch!“

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Der neue Kuschelkurs zeigt: Die Lage ist ernst. Das Gespenst des Abstiegs geht um in Hannover, nicht nur im Stadion. Ein Hannoveraner forderte nach dem Spiel in einem Internetforum: „Für die Stimmung können auch die Regionalzeitungen etwas tun und 96 als 13. Mann zusätzlich helfen. Also möglichst nur noch positive Meldungen verbreiten – egal, wie die Spiele ausgehen!“ Die etwas wunderliche Botschaft ist zumindest symptomatisch. Ausgehend vom geschwungenen Rund am Maschsee, vielleicht so etwas wie das emotionale Zentrum der Stadt, hat sich die Abstiegsangst breitgemacht in der Stadt, die in den vergangenen Jahren eine Art Schicksalsgemeinschaft eingegangen war mit ihrem Fußballklub; die an die Ziele der Vereinsführung glaubte, die zwischendurch sogar vom internationalen Wettbewerb träumte. Und die vor acht Jahren insgeheim auch gehofft hatte, dass die „Roten“ nach dem Wiederaufstieg in die oberste Spielklasse das immer noch ziemlich graue Image Hannovers in der Republik ein bisschen aufpolieren mögen.

All das droht nun enttäuscht zu werden. Plötzlich schlägt der positive Effekt des Identifikations- und Gefühlszirkus Bundesliga in sein Gegenteil um. „Nach einem verlorenen Spiel am Sonnabend denke ich noch, die gewinnen nie wieder eine Partie“, erklärt 96-Fan Jannis Busse sein inneres Abstiegs-Gefühlschaos der vergangenen Wochen. „Bis Donnerstag keimt dann langsam wieder Hoffnung auf. Und am Sonnabend drauf stehe ich wieder im Stadion und bin wieder überzeugt, dass wir gewinnen.“ Der 27-jährige Student ist ein Hardcorefan. Er gehört zu der besonders eingeschworenen Fan-gruppe „Ultras“, ist bei jeder 96-Partie dabei, auch bei Auswärtsspielen. Auch wenn er weiterhin ins Stadion gehen würde, der Abstieg wäre für ihn eine „einzige Katastrophe“. „Die Erstliga-Zugehörigkeit hat ja auch etwas mit dem Selbstwertgefühl zu tun.“

Man muss nicht einmal ausgewiesener Fußballfan sein, um den drohenden Abstieg des örtlichen Fußballklubs persönlich zu nehmen. Die Abstiegsangst kann Fans, eine Mannschaft, einen Verein, ja eine ganze Region regelrecht lähmen. In Hannover ist dieser düstere Stimmungsschleier schon seit Wochen zu spüren. Die Gastronomie fürchtet Umsatzeinbußen, an den Theken, in den Kantinen, in den Büros der Stadt schaut man Woche für Woche besorgt auf die Tabelle. Manchem scheint es schon, als sei nicht nur die Mannschaft, sondern die ganze Stadt vom Abstieg bedroht.

„Ein erfolgreicher Erstligaklub ist gut für die wirtschaftliche Entwicklung Hannovers“, sagt Wirtschaftsdezernent Hans Mönninghoff etwas knapp. Zumindest hat der Bundesliga-Fußball für Hannover einen unschätzbaren Marketingwert. Jede Zeitung von Kiel bis Freiburg, von Düsseldorf bis Dresden druckt Woche für Woche die Spielberichte, Millionen sitzen sonnabends vor der „Sportschau“. „Hannover 96 ist das kommunikative Aushängeschild der Stadt“, sagt Hans Christian Nolte, oberster Marketingmanager der Stadt. Aus Marketingsicht sei die Erstliga-Zugehörigkeit durch nichts zu ersetzen. Nicht durch Herrenhausen, nicht durch die Museen. „Wenn ich 20 Millionen hätte, um die Stadt kommunikativ nach vorne zu bringen, wären sie wahrscheinlich am besten in einen Abwehrspieler für Hannover 96 investiert“, sagt Nolte.

Dabei scheint Hannover auch nach acht Jahren Bundesliga nicht richtig fußballverrückt. Während der Fußballklub in Kaiserslautern, Nürnberg, Schalke oder Dortmund für die Identitätsbildung einer ganzen Region zuständig ist, ist die immerhin 114-jährige Beziehungsgeschichte zwischen Stadt und Verein zumindest wechselvoll. Die Besucherzahl im Stadion ist bestenfalls Ligadurchschnitt, die zählbare Verbundenheit zum Verein eher niedrig. Um die 10 000 Mitglieder hat der Hannoversche Sport-Verein von 1896 e. V. – nach einer groß angelegten Kampagne zur Neumitgliederwerbung. Zum Vergleich: Der VfB Stuttgart bringt es auf 30 000, Rekordmeister FC Bayern gar auf 125 000 Mitglieder. Die Hannoveraner hätten „eher eine nicht nach außen getragene Zuneigung zu ihrer Stadt“, beschreibt Marketingmann Nolte die kühle Verbundenheit der Stadt zu ihrem Klub.

Dennoch blicken Zehntausende nun Woche für Woche auf die Bundesliga-Ergebnisse und bangen mit dem Tabellen-16. um den Klassenerhalt. Vielleicht auch, weil die Identität der Hannoveraner viel stärker mit ihrem größten Sportverein verwoben ist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Oder, wie es am vergangenen Wochenende ein verzweifelter Fan auf der Tribüne formulierte: „Wenn 96 absteigt, taucht Hannover nur noch auf der Wetterkarte auf – und das auch nur in der ARD.“