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Hannover in Abstiegsangst Wenn der Kopf nicht mitspielt
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16:47 14.08.2018
Von Dirk Schmaler
Quelle: Ulrich zur Nieden (Archiv)
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Es waren schwierige Wochen damals. Der Fußball-Bundesligist Hannover 96 stand auf einem Abstiegsplatz, auch die kurzfristige Anstellung von Jörg Berger als Trainer brachte keine Besserung. Ein verlorenes Spiel folgte dem nächsten. Die Fans wurden sauer, das Umfeld wurde unruhig – und je gewisser der Abstieg wurde, desto ungewisser blieb die Zukunft der Spieler. „Eine grausame Zeit“, erinnert sich Karsten Surmann an das Frühjahr 1986, kurz vor dem Abstieg seines Vereins aus der 1. Bundesliga.

Wenn der ehemalige Mannschaftskapitän von Hannover 96 beschreiben soll, wie sich das anfühlt, der Abstiegskampf, dann muss er nicht lange überlegen. „Ich hatte damals ernsthafte Sorgen, dass ich mir einen ganz anderen Job suchen muss“, sagt der heute 50-Jährige. „Das war bedrohlich, ich hatte Angst um meine Existenz.“ Auf dem Platz spürte er regelrecht Lähmungserscheinungen: „Man will laufen, aber es geht nicht. Der eigene Körper fühlt sich auf dem Platz wie gelähmt an.“ Fast könnte man denken, Surmann, der in den achtziger Jahren gleich zweimal mit Hannover 96 abgestiegen ist, beschreibe die aktuellen 96-Spieler im Abstiegskampf 2010.

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Als Zuschauer kann man verzweifeln: Die Profis, die sonst mit dem Ball umgehen, als wäre er ihnen an den Fuß gewachsen, vergeigen die einfachsten Pässe, und anstatt sich die Seele aus dem Leib zu rennen, traben sie orientierungslos über den Rasen, als hätte ihnen jemand vergessen zu sagen, was das Ziel des Spiels ist. Die Fans unterstellen ihren Idolen Arbeitsverweigerung und drohen mit Liebesentzug, der Trainer spricht hilflos von einem „Ruck, der durch die Mannschaft gehen muss“, oder davon, dass die Mannschaft den Kampf endlich „annehmen“ möge.

Und doch hindert sie irgendetwas daran, ihre Leistung abzurufen. Nicht nur in Hannover – auch wenn die „Roten“ durch den Suizid von Robert Enke im November vergangenen Jahres nach wie vor in einer besonders belastenden Situation stecken. Als alleinige Erklärung taugt die Tragödie um den Torhüter wohl nicht. Schließlich trifft die plötzliche Abstiegsangst fast jedes Jahr einige Mannschaften, die zuvor noch erfolgreich spielten. Warum haben gerade noch passabel kickende Mannschaften plötzlich alles verlernt, wenn es drauf ankommt? Können ganze Fußballmannschaften wirklich „gelähmt“ sein, weil sie Angst haben zu versagen?

Fußball ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Über Sieg und Niederlage entscheiden nicht nur die Fertigkeiten der Sportler, sondern auch so etwas wie Wille, Selbstvertrauen, die Stimmung in der Mannschaft, Motivation sowie gruppendynamische und einzelpsychologische Prozesse, die auch die besten Trainer der Welt nur begrenzt beeinflussen können.

Werner Mickler ist für diesen nahezu unergründlichen, im Verborgenen befindlichen Teil des Leistungssports zuständig: für die richtige mentale Verfassung. Der Sportpsychologe aus Köln ist überzeugt, dass es mehr als nur eine Fußballplattitüde ist, dass die meisten Spiele „im Kopf entschieden“ werden. Er hilft Fußballern in der Leistungskrise, damit sie möglichst schnell wieder zu alter Form zurückfinden. „Die Angst vor dem Abstieg kann für eine Mannschaft ganz leicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden“, sagt der Experte.

Abstiegsangst und Erfolglosigkeit verstärken sich in solchen Fällen selbst: Nach einer Niederlage schwindet das Selbstbewusstsein der Spieler und dadurch auch die Leistung. Das Ergebnis: Sie verlieren erneut – und glauben noch weniger an sich selbst. Die Abwärtsspirale aus Angst und Erfolglosigkeit nimmt Fahrt auf, exakt so, wie es in Hannover in den vergangenen Wochen zu beobachten war. Fußball-Weltmeister Andreas Brehme hat dieses Phänomen schon vor 20 Jahren in arg direkter Fußballersprache beschrieben: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“, sagte er einmal nach einer Serie von unglücklichen Niederlagen.

Dieser „Fluch“, den fast alle Fußballer schon einmal gespürt haben, kann in Extremfällen zu regelrechten Angstzuständen führen. „Manche Sportler, die zu mir kommen, können schon Tage vor dem Spiel nicht mehr schlafen, weil der Erfolgsdruck so groß ist“, sagt Mickler.

Gerade im nervenaufreibenden Abstiegsangst konzentrieren sich die Trainer deshalb nicht auf Torschusstraining oder Ausdauerübungen, sondern auf die Psyche ihrer Spieler. Trainer Jörg Berger, unter Fußballern wegen seiner Kurzengagements bei abstiegsbedrohten Klubs bekannt als der „Feuerwehrmann der Nation“, bemisst der fußballerischen Weiterentwicklung im Abstiegskampf gar keine Bedeutung bei. „Allein der Glaube an den Erfolg ist entscheidend“, erklärt er.

Längst arbeiten viele Erstligisten mit Psychologen zusammen – als Ergänzung zu Technik, Taktik und Kondition. Auch 96-Trainer Mirko Slomka hat am Wochenende eilig ein Team um den Psychologen Andreas Marlovits engagiert – als vielleicht letzten Versuch, die Mannschaft aus der Abstiegslethargie zu reißen. Das neue Motto: über den Kopf zum Sieg. „Unser Ziel ist es, die momentane Negativspirale der Leistungsentwicklung bei jedem Einzelnen – und darüber dann auch für die Mannschaft – zu stoppen und eine Trendwende herbeizuführen“, erklärt Marlovits seine Aufgabe.

Surmann, Kapitän der Pokalsiegerelf von 1992, sieht den Einsatz von Psychologen skeptisch – obwohl auch er von der Wichtigkeit der Psyche überzeugt ist. „Ich bin mir nicht sicher, ob die wirklich die Köpfe der Spieler erreichen.“ Als der Hannoveraner noch aktiv war, gab es keine Psychologen für Leistungssteigerung, seine Strategie im Abstiegskampf musste er sich selbst zurecht legen. Sie hieß Ablenkung: Er habe sich damals mit Freunden getroffen, die nichts mit dem Fußball zu tun hatten. „Um den Kopf frei zu bekommen“, sagt er. Der ehemalige Profifußballer René Rydlewicz, der in seiner Karriere bei Hansa Rostock, dem TSV 1860 München und Arminia Bielefeld viele Abstiegskämpfe erlebte, hat einmal gesagt, gegen die Angst helfe nur eines: keine „Sportschau“ gucken, wenn man verloren hat, die schlechte Stimmung im Umfeld ignorieren. Und Rasen mähen, viel Rasenmähen.

Michael Lameck, der in den Siebzigern mit seinem Kampfgeist den Mythos des damals „unabsteigbaren“ VfL Bochum mitbegründete, beschreibt das Geheimrezept für den Abstiegskampf so: „Einstellung, Wille und Kampf – man muss einfach alles geben.“

Aber wie macht man das: alles geben? Schließlich darf man auch den erfolglosesten Profifußballern wohl unterstellen, dass sie gewinnen wollen. Nur gelingt es nicht allen, dem Vorsatz auch Taten folgen zu lassen. Auch hier könnten eventuell Sportpsychologen helfen. Sie versuchen herauszufinden, welche Wünsche die Spieler im Innersten umtreibt. Kicken sie für einen Zugewinn an Macht, Sex oder Geld, streben sie nach Familienglück und Sicherheit oder träumen sie vom Jetsetleben eines Teenie-Stars? Wer von diesen Dingen eine Ahnung bekommt, so die Hoffnung der Experten, der kann die Fußballer genau mit der Motivation ansprechen, für die sie besonders empfänglich sind.

Für Surmann klingen diese Psychomethoden etwas zu kompliziert. Der einstige Profi hatte 25 Jahre Zeit, um seinen ersten Abstieg zu analysieren. Das Ergebnis klingt nüchtern: Konditionstrainer, Mentaltrainer, Taktikwechsel, Motivationsreden – all diese Dinge brächten keine Garantie, dass die Angst verschwinde und der Erfolg zurückkehre. „Eigentlich hilft da gar nichts“, sagt der 50-Jährige. „Außer Siege.“