Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Boehringer: Streit um ein Tierlabor Boehringer-Bau verärgert weiterhin die Anwohner
Hannover Themen Boehringer: Streit um ein Tierlabor Boehringer-Bau verärgert weiterhin die Anwohner
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:01 23.07.2009
„Ich werde weiter kämpfen“: Anwohnerin Ines Junck Quelle: Stephan Fuhrer

Viele Anwohner in der beschaulichen Siedlung in Kirchrode harken ihre Beete, polieren Gartenmöbel oder putzen Fenster. Der Frühling treibt die Menschen in der gutbürgerlichen Wohngegend nach draußen. Idylle pur. „Die Idylle hier trügt“ sagt Korhammer, während er Gartenabfälle in einen Plastiksack packt. Denn nur rund 500 Meter von der Siedlung entfernt soll das geplante Tierlabor des Pharmakonzerns Boehringer entstehen. Unter den Betroffenen ist das Misstrauen gegenüber dem Konzern und der Politik auch gut ein Jahr nach Bekanntwerden der Pläne groß. Mehr noch: Die andauernde Diskussion hat auch unter den Anwohnern zu Streit und Missgunst geführt.

Vor einigen Wochen haben erst der Bezirksrat Kirchrode-Bemerode-Wülferode, später auch die Ratsgremien eine erste richtungsweisende Entscheidung zugunsten von Boehringer getroffen. Einmütig haben die Stadtteilpolitiker der Ansiedlung des Pharmakonzerns nach teilweise heftigen Debatten zugestimmt, auch im Rat gab es deutliche Mehrheiten. Die Fragen der Geruchsbelästigung, der Haftung, der Sicherheitsbestimmungen, des Umwelt- und Tierschutzes – man habe so viele Bedenken wie möglich ausräumen wollen, sagten die Fraktionssprecher im Bezirksrat.

Zweimal ist der Beschluss deshalb wegen weiteren Beratungsbedarfs über den umfassenden Vertrag zwischen der Stadt und Boehringer vertagt worden. Aber irgendwann, so sagten die Politiker, müsse man auch einmal Stellung beziehen. Genehmigt ist das Tierimpfschutzzentrum dadurch allerdings noch lange nicht. Allerdings sind nahezu alle der mehr als 1000 Einwände, die teilweise seriell im ersten Beteiligungsdurchlauf eingereicht wurden, zurückgewiesen worden. Viele Anlieger wie Korhammer fühlen sich deshalb von ihren Politikern verraten.

„Der Oberbürgermeister hat sich in den Kopf gesetzt, dass die Versuchsställe hier zu uns nach Kirchrode sollen, er wird das Thema einfach durchprügeln“, sagt Korhammer verärgert. Die Angelegenheit Boehringer sei von Anfang an immer über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden worden: „Warum sollte sich das jetzt nochmals ändern?“ Er schnürt den vollgepackten Sack, macht eine abfällige Handbewegung und trägt die Gartenabfälle kopfschüttelnd davon.

So wie Korhammer erzählen viele Anwohner am Röhrichtweg, dass sie die Hoffnung, die Boehringer-Ansiedlung doch noch verhindern zu können, verloren hätten. Einige sagen, dass sie vor allem nicht nachvollziehen könnten, warum nicht zumindest die Ställe des Tierlabors in ein Industriegebiet oder in andere unbewohnte Gebiete verlegt würden. Mancher befürchtet zudem, dass am Ende noch mehr Tiere als die vom Konzern angekündigten 1000 Mastschweine in der geplanten Anlage gehalten werden. Auch Ines Junck teilt diese Sorge. Doch die aktive Tierschützerin will noch lange nicht klein beigeben. Symbolisch für Juncks Widerstand hängt an ihrem Eingangstor ein Plakat der Bürgerinitiative, die sich vor gut einem Jahr gegründet hatte, um das Impfstoffzentrum zu verhindern. „Gegen Massentierversuche in Wohngebieten“ ist in großen Lettern zu lesen. Ein Aufkleber auf der Heckscheibe ihres Wagens wird noch deutlicher: „Stoppt Boehringers Tierquallabor!“

Sie sei bitter enttäuscht von den Stadtteilpolitikern, sagt Junck wütend. „Meine Stimme kriegt bei der nächsten Wahl keiner mehr von denen.“ Junck war bei allen Informationsabenden und in allen öffentlichen Sitzungen. Von Anfang an habe sie die Bürgerinitiative unterstützt – „nach all dem Engagement werde ich jetzt nicht aufgeben“, sagt Junck. Wenn nötig, werde sie auch privat noch vor Gericht ziehen, um zumindest die Tierställe zu verhindern. „Ich will nicht, dass vor meiner Haustür Tiere gequält werden“, sagt die Frau energisch und ballt kämpferisch ihre Faust.

Nebenan reinigt ein weiterer Anwohner seine Gartenmöbel. Seinen Namen möchte er im Zusammenhang mit Boehringer nicht nennen. Prinzipiell sei er aber nicht gegen das Tierlabor. „Irgendwo müssen die ja auch hin.“ Doch der Rentner bedauert, wie sehr sich hier in der Siedlung alles verändert habe, seit der Plan des Pharmariesen bekannt wurde, in unmittelbarer Nachbarschaft ein Tierlabor zu bauen.

„Wir hatten früher am Röhrichtweg jedes Jahr ein Sommerfest“, erzählt der Mann. Dort hätten die Anwohner geredet, getanzt, gelacht und sich über das nachbarschaftliche Zusammenleben ausgetauscht. Doch Boehringer habe die Gemeinschaft gespalten, sagt der Pensionär. Und auch wenn er sich mit Freunden in Kirchrode in einer Kneipe treffe, stehe das „schlimme Wort mit ‚B‘“ auf dem Index. „Wenn einer mit dem Thema anfängt, ist der Abend schon gelaufen“, sagt er. Wohl deshalb wird es dieses Jahr kein Sommerfest im Röhrichtweg geben.

von Stephan Fuhrer