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Boehringer: Streit um ein Tierlabor Prozess gegen Boehringer-Besetzer: Kein Ende in Sicht
Hannover Themen Boehringer: Streit um ein Tierlabor Prozess gegen Boehringer-Besetzer: Kein Ende in Sicht
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15:04 04.08.2010
Von Sonja Fröhlich
Quelle: Rainer Dröse (Archiv)
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Dienstag, zehn Uhr, Saal 001, Landgericht. Seit zwei Stunden wird gegen die Boehringer-Besetzer verhandelt. Eine junge Zuschauerin hat sich ganz vorn, gut sichtbar für den Richter, auf der Zuschauerbank zusammengerollt. Ein paar Plätze weiter streckt eine andere Zuschauerin dem Richter ihre schwarzen Füße entgegen. Eine Reihe dahinter zeichnet ein junger Mann den Richter in seine Kladde, der ist gut getroffen, nur für die Gedankenblase fällt dem Zeichner nichts ein. Gähnen und schlechte Luft bestimmen die Atmosphäre in dem Gerichtssaal am Volgersweg, wo einer der Angeklagten einen ausufernden Vortrag hält, Thema: die Befreiung des Strafrechts vom nationalsozialistischen Denken. Richter Detlef Süßenbach will wissen, was das mit dem soeben gehörten Zeugen zu tun habe. Doch der Angeklagte fährt unbeirrt fort.

Es ist der zehnte Verhandlungstag im Prozess gegen die Boehringer-Besetzer. Die Anklage lautet auf Hausfriedensbruch. Und seit Beginn des Prozesses Anfang Mai versuchen die sechs angeklagten Aktivisten mit Unterstützung ihrer Bekannten auf der Zuschauerbank – am Dienstag waren es etwa 30 – das Gericht zum Narren zu halten. Sie stellen haufenweise Anträge, bombardieren die Zeugen, Wachleute und Polizisten mit Fragen oder fallen durch Zwischenrufe auf.

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Die sechs Angeklagten sollen zu jener Gruppe gehören, die im August 2009 das Gelände des Pharmakonzerns Boehringer-Ingelheim in Kirchrode wochenlang besetzt hatte. Das Unternehmen, das dort ein Tierversuchslabor errichten will, zeigte insgesamt 16 der mutmaßlichen Besetzer an. Diese erhielten zunächst Strafbefehle über jeweils 20 Tagessätze à 15 Euro; sie legten aber Einspruch ein, sodass das Amtsgericht verpflichtet ist, öffentlich zu verhandeln. Nachdem Richter Süßenbach bei den vorherigen Prozesstagen zahlreiche Zuschauer aus dem Saal tragen ließ und wegen „ungebührlichen Verhaltens“ Ordnungsgelder verhängte, ist es nun zwar ruhiger geworden – aber noch gehen die Provokationen weiter.

14 Seiten umfasst der Vortrag des einen Angeklagten. Nach der Hälfte entzieht ihm der Richter das Wort. Das ist für die Zuschauer das Stichwort, nun rufen und trommeln sie. Süßenbach nimmt den Tumult zum Anlass, das Mädchen mit den schwarzen Füßen aus dem Saal zu weisen: „Sie hat ihre erheblich verschmutzten Füße für den Richter deutlich sichtbar über die Balustrade gehalten“, diktiert er der Protokollführerin.

Eigentlich sollte beim nächsten Mal ein Urteil ergehen. Doch Süßenbach ging gestern davon aus, dass der Prozess noch länger dauern wird. Und als ihm eine Angeklagte droht, unter die Sitzbank zu pinkeln, gibt er ihrem Antrag auf eine Pause statt – darauf kommt es auch nicht mehr an.