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Boehringer: Streit um ein Tierlabor Rat entscheidet über Bau des Forschungszentrums
Hannover Themen Boehringer: Streit um ein Tierlabor Rat entscheidet über Bau des Forschungszentrums
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Von Gunnar Menkens
Nach diesem Modell will Boehringer in Kirchrode sein Europäisches Forschungszentrum für Tierimpfstoffe bauen.
Nach diesem Modell will Boehringer in Kirchrode sein Europäisches Forschungszentrum für Tierimpfstoffe bauen.
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Wäre alles nach Plan verlaufen im beschaulichen Kirchrode, wäre es längst losgegangen. Dann dröhnten seit Monaten Bagger auf dem Gelände nahe der Tierärztlichen Hochschule, dann wären Busch und Baum rasiert, Erde platt gewalzt und vielleicht schon der Grundstein gelegt für das Europäische Forschungszentrum für Tierimpfstoffe. Hier, wenige hundert Meter vom ersten Wohnhaus entfernt, will der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim bis zu 1000 Schweine infizieren, um Medikamente zu entwickeln. Ein Höhepunkt hannoverscher Wirtschaftspolitik. So jedenfalls mag es sich Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) vorgestellt haben, als er die Pläne vor fast genau zwei Jahren der Öffentlichkeit präsentierte. Seine Absicht, damals wie heute: „Hannover als Standort für Forschung und Lehre profilieren.“ Als Baubeginn wurde die erste Jahreshälfte 2009 angepeilt, zwei Jahre später sollte alles fertig sein.

Das Stadtoberhaupt dürfte diesen Zeitplan allerdings ebenso wenig für realistisch gehalten haben wie Ministerpräsident Christian Wulff und TiHo-Präsident Gerhard Greif, im Vorfeld ebenfalls maßgebliche Unterstützer des Projekts. Alle wussten ja, ebenso wie Boehringer-Chef Ulrich Pitkamin, dass ein identisches Vorhaben des Pharmariesen in der Universitätsstadt Tübingen auf massiven Widerstand von Bürgern gestoßen war, so nachhaltig, dass die Ingelheimer schließlich aufgaben und dem Städtchen den Rücken kehrten, um etwas Besseres zu finden als Verdruss.

Jetzt also Hannover, Kirchrode genauer und noch präziser: die Tierärztliche Hochschule. Deren Nähe, heißt es stets bei Boehringer und TiHo, sei unverzichtbar für den Austausch von Forschung, ein anderer Standort komme nicht infrage. Weil und Wulff sprachen von bis zu 40 Millionen Euro an Investition und mindestens 50 neuen Arbeitsplätzen. Die Kirchröder Bürger allerdings begannen allmählich Fragen zu stellen. Sie interessierten sich für völlig andere Dinge als kommunale Ökonomie. Bald ging es um Sicherheitskonzepte, um Viren, um Orte, die vielleicht geeigneter wären, ein Impfstoffzentrum zu bauen. In Kirchrode fürchteten Bürger den einen Störfall, das Leck im System, das Erreger ins Freie entweichen lässt und Menschen infiziert.

Tatsächlich mag man sich nur ungern vorstellen, wie es hinter den Mauern des 93 Meter langen Versuchsstalles zugehen wird. Hier halten Forscher bis zu 1000 Tiere und infizieren sie mit Erregern. Die Tiere bekommen Magen-Darm-Erkrankungen und Atemwegsentzündungen, Sauen erleiden Fehlgeburten. Die Kadaver enden aufgelöst in ätzender Lauge. Es schien ein wenig so, als klopfe das Böse an Kirchröder Haustüren. Boehringer-Manager sprachen kühl von notwendigen Experimenten, um Impfstoffe zu entwickeln, die Antibiotika in landwirtschaftlichen Betrieben ersetzen sollen. Geforscht wird nach den Regeln des Gentechnikgesetzes, das doppelte Sicherheitssysteme, Filter und Unterdruck verlangt, Freilandhaltung soll es nicht geben, daher auch keine Gerüche. Mal hieß es, die eingesetzten Erreger stellten keine Gefahr für Menschen dar, später formulierte Boehringer, die Wissenschaftler würden „fast ausschließlich Erreger bearbeiten, die den Menschen nicht betreffen“. Feine Unterschiede wie diese trugen dazu bei, Misstrauen zu potenzieren. Auf einer Bürgerversammlung, sechs Monate nach der ersten Präsentation einberufen von Stadt und Boehringer, um immer lauter werdende Fragen zu beantworten, kam es zu einem ersten Eklat. Anwohner Dietrich Kröncke, als damaliger Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes NiedersachsenMetall eigentlich Freund jeder investierten Million, beschimpfte Oberbürgermeister Stephan Weil. „Lügner“ rief der Verbandschef, was die ohnehin geladene Stimmung unter rund 800 Zuhörern auf den Tribünen eines TiHo-Hörsaals zusätzlich anheizte. Die Attacke galt der Informationspolitik von Stadt und Konzern, die Anwohner als schleppend und unaufrichtig empfanden. Seither ist das Klima zwischen Weil und opponierenden Kirchrödern, salopp gesagt, versaut. Es wurde eine Veranstaltung, von deren aggressivem Charakter Ratspolitiker noch Tage später entsetzt waren. Höhnisches Auflachen beim Publikum, passten ihnen Erklärungen der Manager nicht. Zwischenrufe, Ungeduld. Geschichten von früher tauchten auf, und sie sollten sagen, dass egal ist, was genehmigt wird, weil trotzdem alles schief gehen kann. Dabei natürlich Boehringers Fiasko aus Hamburg, wo zwischen seit den 50er Jahren 1600 Arbeiter mit Dioxin vergiftet wurden und das Chemiewerk 1984 geschlossen wurde. Man erinnerte an den Maul- und Klauenseuchen-Virus, entwichen aus einem Labor in England. Ein Mitglied der Bürgerinitiative kündigte nach Art eines Volkstribuns an, man habe „das Geld und die Lust“, Boehringer durch Prozesse zu stoppen. Es ist der gültige Plan.

Die Auseinandersetzungen nahmen kein Ende. Stadt und Jakobi-Gemeinde verkauften ihre Grundstücke an Boehringer. Der Kirchenvorstand passte sich, nach internen Konflikten und Versammlungen, der politischen Lage an, hatten doch SPD und Grüne in vertraulichen Gesprächen mit Weil ihre Unterstützung zugesagt – bevor die Ansiedlung öffentlich zur Debatte stand. CDU und FDP schlossen sich an: Man betrachtet die Ansiedlung als eine Chance für Hannover und vertraut in Fragen der Sicherheit auf das maßgebliche Gewerbeaufsichtsamt. Im Arbeitskreis Tierschutz, eine Organisation in der SPD, ärgert sich Vorsitzender Karl-Heinz Hillmann aber immer noch, „dass unsere Ratsfraktion nicht den Dialog mit uns gesucht hat“.
Die Konfrontation um Boehringer nahm an Schärfe zu, als 30 junge Tierschützer das Gelände besetzten, zunächst mit Sympathie zahlreicher Kirchröder Nachbarn. Die radikalsten Gegner beschmierten das Haus von Stephan Weil mit Parolen – ein einzigartiger Vorgang in der Stadtgeschichte – und stehen im Verdacht, Brandanschläge begangen zu haben.

TiHo-Präsident Greif blieb die Aufregung um das Forschungszentrum kaum verständlich. Seine Hochschule forscht seit 1974 in Laboren der Sicherheitsstufe 3, die auch der Pharmakonzern beantragt. An der Schweinepest. Und näher dran am Wohngebiet als das Boehringer-Projekt.