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Landtag: Abriss oder Umbau? Bekommen die Politiker 45 Millionen für den Landtagsneubau?
Hannover Themen Landtag: Abriss oder Umbau? Bekommen die Politiker 45 Millionen für den Landtagsneubau?
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22:23 28.06.2010
Das Modell von Yi: Lichtdurchflutet und mit viel Beinfreiheit. Quelle: Martin Steiner (Archiv)

Manchmal wird einem der Wert einer Sache erst bewusst, wenn man kurz davor ist, sie wegzuwerfen – oder abzureißen. Beim Plenarsaal des niedersächsischen Landtags, der in Hannover seit fast 50 Jahren neben dem Platz der Göttinger Sieben steht, ein wenig wuchtig und klotzig, ist es so.

Hält man diesen Bau für ein wichtiges Zeugnis der Parlamentsgeschichte in den sechziger und siebziger Jahren – oder doch nur für einen völlig unzeitgemäßen und deshalb verzichtbaren Tagungsraum für die Politiker? Diese Frage teilt die Geister – und hat innerhalb der großen Fraktionen CDU und SPD zu innerparteilichen Zerreißproben geführt. Die Mängel des Baus sind offensichtlich – es fließt kein Tageslicht hinein, die Besuchertribünen sind zu klein, es fehlt moderne Übertragungstechnik. Nach außen schottet sich der mächtige Betonbau ab, wie eine Trutzburg, die dem kleinen Pflänzchen Demokratie Schutz und Pflege geben soll. In vielen anderen Ländern gibt es längst gläserne Plenarsäle, die auf den Außenstehenden Besucher einladend wirken sollen. Das ist die eine Seite. Die andere hebt den Wert des Baudenkmals hervor: Oesterlen hat sich bewusst von der Nazi-Architektur abgegrenzt, baute ohne Hierarchien, ohne Prunk und Protz. Als sich der Landtag Mitte der fünfziger Jahre für seinen Entwurf entschied, war das eine bewusste Abkehr von Überlegungen, die Ruine des alten Leineschlosses, den Laves-Bau, komplett abzureißen und durch einen profanen Zweckbau zu ersetzen. Oesterlens neuer Plenarsaal sollte sich bewusst unter das dominierende Eingangsportal von Laves unterordnen. Vielleicht ist das der Grund, warum der Plenarsaal neben dem Neuen Rathaus, der Marktkirche oder dem gläsernen Nord/LB-Gebäude nie ein begehrtes hannoversches Bildmotiv wurde. Er ist eben äußerlich keine große Attraktion.

Was aber wird aus dem Oesterlen-Bau? Diese Frage ist heute nicht einfach zu beantworten. Vermutlich bleibt er stehen, weil das Geld für den 45-Millionen-Euro-Neubau fehlt – und weil sich der Streit um Denkmalschutz und Urheberrecht in die Länge zieht. Dass damit auch immer wieder aufgeschobene Sanierungsarbeiten vertagt werden dürften, steht auf einem anderen Blatt. Aber trotz klarer Mehrheiten für Abriss und Neubau bei der Landtagssitzung im März deutet nichts mehr darauf hin, dass irgendwelche Bauarbeiten zügig beginnen werden. Vor der Landtagswahl im Januar 2013 jedenfalls ist kein Start mehr zu erwarten.

Dabei hatten die Politiker über diese Frage so leidenschaftlich gestritten wie selten. Am Anfang stand die Landtagswahl im Januar 2008 und die Ankündigung des neuen Landtagspräsidenten Hermann Dinkla, das Thema nun vorantreiben zu wollen. Es wurde eine Baukommission eingesetzt, ein neuer Architektenwettbewerb gestartet. Der alte Wettbewerb von 2002, dessen Sieger den Umbau des alten Oesterlen-Saals vorschlug, reichte Dinkla nicht aus. Er wollte ganz bewusst neue Ideen haben – auch zum möglichen Abriss des Oesterlen-Saals. Im Februar 2010 tagte das Preisgericht und prämierte den Entwurf des Kölner Architekten Eun Young Yi, der eben diesen Abriss vorsah – und den Neubau eines gläsernen Pavillons. Die Mehrheit im Preisgericht war begeistert – doch in Hannover löste der Pavillon keine Jubelstürme aus.

Die Anhänger des alten Oesterlen-Baus, die sich schon beim „Tag der offenen Tür“ im Landtag im März 2009 massiv gemeldet und vor den Neubauplänen gewarnt hatten, verstärkten jetzt ihre Kritik. Sie warfen dem Land vor, mit doppelter Zunge zu sprechen: Von jedem Hausbesitzer werde verlangt, sein Denkmal zu schützen, das Land aber nehme sich das Recht heraus, ein Denkmal abzureißen. Eine Bürgerinitiative gründete sich, Unterschriften wurden gesammelt. Die Witwe von Dieter Oesterlen kündigte an, gegen einen Bauauftrag an Yi klagen zu wollen – denn sie besitze ein Urheberrecht an dem von ihrem Mann geschaffenen Plenarsaal. Der Streit wurde zum Fall für die Juristen. Aber auch politisch spitzte sich die Debatte zu. Ministerpräsident Christian Wulff ging Anfang März vorsichtig auf Distanz zum Entwurf von Yi – auch aus Kostengründen. In seiner CDU-Landtagsfraktion wurde das als möglicher Affront gegen Landtagspräsident Hermann Dinkla gewertet, den eifrigsten Neubau-Befürworter. Fast hätte die CDU dem Ministerpräsidenten die Gefolgschaft verweigert, um Dinkla den Rücken zu stärken. Doch vor der entscheidenden Landtagssitzung gaben die Fraktionen die Abstimmung frei. Die große Mehrheit der CDU bekannte sich zu den Yi-Plänen, und in der SPD waren die Lager geteilt – Fraktionschef Wolfgang Jüttner war gegen Yi und für den weitgehenden Erhalt des alten Oesterlen-Baus, sein späterer Nachfolger Stefan Schostok outete sich als Yi-Anhänger. Mitte März dann das klare Votum des Landtags: Wir wollen den Plenarsaal abreißen und einen neuen Glaspavillon bauen. Seither jedoch geschieht nichts – und selbst die überzeugtesten Neubau-Anhänger zeigen sich momentan nachdenklich.

Der umstrittene Landtagsabriss in Hannover hat eine erste juristische Hürde genommen: Die Vergabekammer in Lüneburg hat den Einspruch gegen die Auftragsvergabe an den Kölner Architekten Eun Young Yi zurückgewiesen.

Klaus Wallbaum 19.06.2010

Die Vergabekammer des Landes hat den Einspruch der Gewinner eines bereits 2002 durchgeführten Architektenwettbewerbs zum Neubau des Landtags in Hannover abgewiesen. Damit nimmt der umstrittene Abriss des Plenarsaals eine weitere Hürde.

18.06.2010

Mit einer Sackkarre haben die Gegner des geplanten Landtagsabrisses am Mittwoch sieben Kartons mit genau 40.347 Protestunterschriften die Steintreppe des Landtagsportikus hochgehievt.

Conrad von Meding 09.06.2010