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Unsichere Zeiten fürs Ihme-Zentrum Die Ödnis an der Ihme
Hannover Themen Unsichere Zeiten fürs Ihme-Zentrum Die Ödnis an der Ihme
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15:01 03.09.2010
Von Gunnar Menkens
Der Weg zur Kita: Die Stadt definiert Familienfreundlichkeit im Ihme-Zentrum mit Graffiti-Sprüchen auf neue Weise. Quelle: Michael Thomas
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Wenn es draußen in Strömen regnet, wie so oft in diesen Tagen, und an eine kleine Runde draußen um den Block nicht zu denken ist, geht Werner Schefczuk trotzdem frische Luft schnappen. Dann schließt er seine Wohnungstür im Ihme-Zentrum ab und fährt mit dem Fahrstuhl ein paar Stockwerke tiefer in die Parkgarage. Hier ist alles überdacht, Jacke und Schirm sind nicht nötig für einen Spaziergang. Gut, Wände, Decken und Säulen sind in kargen Beton gegossen, aber der Blick hinaus ist von manchen Punkten aus nicht schlecht. Gegenüber blüht das Ihmeufer, und geht Schefczuk bis an die Garagenbrüstung, kann er sehen, wie der Regen in den vorbeiströmenden Fluss prasselt. Schön sieht das aus. Es ist, als wäre ein alter Spruch für den massiven Lindener Block erfunden worden: Wer drinnen ist im Ihme-Zentrum, muss nicht drauf gucken.

In Hannover und besonders in Linden verhält es sich andersherum. Die allermeisten Menschen wohnen draußen und gucken drauf. Seit bald vier Jahrzehnten. Sie sehen eine zunehmend grotesker verschachtelte Betonskulptur, deren Bauch wie einst die unglückliche Titanic von einem Eisberg geschlitzt scheint: unheilbar aufgerissen und dem Untergang geweiht. Das Ihme-Zentrum, das eigentlich zum Linden-Park verhübscht werden sollte, geriet in den vergangenen Jahren zunehmend zum schwarzen Schaf des Stadtteils. Es gehört dazu, aber niemand liebt es. Die einzige Verbindung, eine Brücke über die Blumenauer Straße, ist lange gekappt. Während Linden immer angesagter wird, mit Kneipen, Märkten und Reihenhäusern für Familien im neuen Gilde-Carrée, wirkt der antiquierte Betonklotz wie ein Beleg dafür, dass Architektur keine Selbstheilungskräfte kennt. Zwei Dutzend junge Bäume am Küchengartenplatz können dem Stein gewordenen Investorendebakel auf der anderen Straßenseite noch wenig entgegensetzen.

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Nun soll seit einigen Tagen Graffiti ein wenig Freundlichkeit zwischen den tristen Beton bringen – Björn Vofrei und ein Team mit Namen „Hannover-Liebe“ hat die bunten Bildchen mit kommunalem Auftrag auf Holzwände gesprüht. Und das ist manchmal sehr kurios: Hannover, „grünste Stadt Niedersachsens“ lautet ein Slogan. Darüber ragen rohe Betonplatten, Kabelenden und Abrissreste, Tauben hocken auf Stahlträgern und hinterlassen Taubentypisches. Mütter schieben Kinderwagen in einen dunklen Eingang – es ist der Weg zur Kita. Sie gehen eine Rampe hinauf, unter Decken liegen Rohre frei, Kunstlicht beleuchtet diese Unterwelt, und an der Wand preist ein weiteres Graffito ungelenk „familiäre Stadtatmosphäre“. Kein Ort in Hannover könnte falscher sein für dieses Lob.

Die Künstler hatten Hannoveraner gefragt, was ihnen zu ihrer Stadt einfällt, aber hier, im Ihme-Zentrum, klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander wie Fünf-Jahres-Pläne in der DDR. Eine Lindener Mutter sagt: „Das ist schon nicht schön hier.“ Ein Stadtangestellter kommt vorbei und meint, eigentlich müsste an der Holzwand geschrieben stehen: Hannover, ärmste Stadt Deutschlands. Hundert Meter weiter ist in einem roten Stahlcontainer der kommunale Senioren-Service untergebracht. Besucher müssen zwei Betonstufen nehmen, um ans Ziel zu gelangen. Das Graffito dahinter zeigt einen agilen Rentner beim Luftsprung. Um die Gegenwart im Ihme-Zentrum erträglicher zu machen, beschäftigen Stadt und Job-Center wohl bald einige ältere Arbeitslose. Sie sollen Besuchern den Weg zeigen, nach dem rechten sehen im Gebäudekomplex, kleinere Arbeiten erledigen. Hier könnten sie Menschen im Rollstuhl helfen, zum Senioren-Srvice irgendwie hinunter zu kommen.

Eine Ebene höher böte sich Regisseuren Kulisse für Weltuntergangsstoffe. Grünzeug kämpft sich zwischen Steinplatten hoch. Klingelschilder ohne Namen und vergilbte Gardinen hinter blinden Fenstern deuten auf vergangenes Leben. Rostige Wendeltreppen führen ins Nichts, manche Türen sind verschlossen, manche sind der Eingang in Gänge ohne Licht. Zeichen aus besseren Jahren deuten an, wie es früher war. Ein Straßenschild zeigt zur ehemaligen „Ladenstraße“, die heute ein Torso aus Stahlsäulen ist. Reste eines Bootssteges deuten auf einen kleinen Yachthafen, der das Ihme-Zentrum wenigstens in Plänen mit dem Wasser verbinden sollte. Ein Verbotsschild untersagt das Radfahren. Das war einmal ein Problem. So schick fand die Stadt dieses neumodische Bauobjekt, dass sie bis in die achtziger Jahre hinein auf Postkarten mit dem Ihme-Zentrum warb.

Es ist leicht, diese Ödnis zu beschreiben. Aber es ist nicht die Welt, von der Eigentümer Werner Schefczuk spricht. Der Warenwirtschaftskoordinator lässt auf seine Wohnung im Ihme-Zentrum nichts kommen. Von wegen Schandfleck, Wohnmaschine, Bauruine und so weiter. Seit zwanzig Jahren lebt er zufrieden in seinen zwei Zimmern, die Vorzüge zählt er rasch auf. „Schnell im Grünen und in der Stadt, hintenraus zum Innenhof ist es ruhig und von der Garage aus bin ich mit dem Fahrstuhl schnell in der Wohnung.“ So hatten es sich die Planer gedacht, als sie das Ihme-Zentrum vor 40 Jahren am Reißbrett entwarfen, als „Stadt in der Stadt“. Wer es auch so gut haben will wie Schefczuk, kann noch eine Wohnung in Linden-Mitte kaufen. Linden-Mitte ist meist, wenn Makler Ihme-Zentrum meinen. 81 Quadratmeter im 1. OG kosten 58.000 Euro. Bloß, dass das erste Obergeschoss über der „Gaststätte Bei Elena“, einem aufgegebenem Supermarkt und dem Parkdeck 20 Meter hoch liegt.

Jetzt ist, nach Pleiten mit zwei Investoren, im Ihme-Zentrum wieder zaghafter Optimismus zu hören. Alle Flächen wurden neu vermessen, weil nach all den Abbrüchen und Umbauten irgendwo am halben Kilometer Ihme-Zentrum niemand mehr wusste, wie groß der Komplex eigentlich ist. Im nächsten Jahr, sagen Kenner der Immobilie, erwägt die US-Entwicklungsgesellschaft Hines, das aufgerissene Erdgeschoss entlang der Blumenauer Straße mit Läden zu schließen. An jedes Ende soll ein Ankermieter, Edeka könnte einer von ihnen sein. Ein Düsseldorfer Architektenbüro macht sich Gedanken über die Gestaltung. Als vor ein paar Tagen Planer am Ihmeufer die Lage besprachen, fiel das Wort „Promenade“. Das klingt vorwärts gewandt. Von der Limmerstraße könnte ein Radweg dort entlang führen. Es sind Ideen, die das Ihme-Zentrum zum Stadtteil öffnen würden, und der Versuch, Innen und Außen anzunähern. Ob es einige Etagen höher eine zweistöckige überdachte Ladenpassage geben wird, dort, wo jetzt Wasser aus Decken tropft, daran glauben jedoch nur wenige.

Die nächsten Monate dürften nun entscheiden, ob der Wiederbelebungsversuch Erfolg verspricht. Dabei hängt in komplizierten Verhandlungen alles mit allem zusammen. Die Landesbank Berlin, Hauptgläubiger im Ihme-Zentrum, wünscht sich von der Stadt eine Absichtserklärung, 23.000 Quadratmeter Büroflächen auch langfristig und über 2017 hinaus zu mieten, was Investoren nach derzeitigem Stand jährlich 1,7 Millionen Euro Miete garantieren würde. Dazu wäre das Rathaus wohl bereit - wenn im Gegenzug Geldgeber ein aussichtsreiches Gewerbekonzept vorlegen und 550 Eigentümer des Komplexes eine neue Teilungserklärung unterzeichnen. Sie soll Mitspracherechte von Wohnungsbesitzern eingrenzen, wenn Unternehmen gemeinsam genutzte Flächen verändern wollen.

„Wenn das nicht klappt“, orakelt ein Lindener Immobilienkenner, „werden hier am Ende ganze Abschnitte zwangsversteigert. Dann gibt es das Ihme-Zentrum für einen Euro oder so.“