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Die Fernschreiberinnen Neun Stunden unter Wasser
Hannover ZiSH Die Fernschreiberinnen Neun Stunden unter Wasser
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16:27 03.07.2018
Quelle: Finde Nemo: Bei ihrem Tauchgängen entdeckt Ariane zwischen Seeanemonen eine ganze Clownfischfamilie.
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Australien

Drei Nächte und elf Tauchgänge habe ich Zeit, das Great Barrier Reef zu erkunden. Mehr als drei Stunden tauche ich täglich ab, um einzigartige Korallen und Fischarten zu bewundern. Für jemanden, der die Schönheit des Meeresleben lieber hinter großen Glasscheiben im städtischen Aquarium beobachtet, mag das vielleicht nach zu viel Zeit mit einem Atemgerät klingen. Für mich ist Tauchen aber die schönste Art, die Unterwasserwelt kennenzulernen.

In der ersten Nacht auf dem Boot schütteln die Wellen das Bett in meiner Kajüte gut durch. Nachts wirft der Kapitän keinen Anker, sondern navigiert die Tauchgruppe zu einem neuen Ort im Great Barrier Reef. Der Nationalpark erstreckt sich vom südlichen Queensland fast bis nach Papua Neuguinea. Große Teile des Gebietes sind - um die Natur zu schützen - für Touristen gesperrt. Morgen will meine Gruppe am unberührten äußersten Rand des Great Barrier Reefs abtauchen. Wieder wird mir bewusst, dass Tauchen ein besonderer Sport ist. Wer das Meer unterhalb der Wasseroberfläche kennenlernen möchte, der braucht nicht nur den Mut, sich in bis zu 40 Metern Tiefe auf Atemgerät und Sauerstoffflasche zu verlassen, sondern auch reichlich Zeit und Geld für Ausbildung und Urlaube.

Ich habe Glück. Bei einem Tauchgang entdecke ich in einer Seeanemone ich eine ganze Clownfischfamilie. Einer der orange-weißen Fische hat große Ähnlichkeit mit Pixars kleinem Nemo, der im Zeichentrickfilm auch in einer Anemone im Great Barrier Reef aufwächst. Auf mein Zeichen hin schwimmen die anderen Taucher ebenfalls zu den Clownfischen, die sich bereitwillig in ihrem Zuhause fotografieren lassen. Mit Daumen und Zeigefinger signalisiere ich: „Alles perfekt!“ Zeichensprache, der einzige Weg unter Wasser miteinander zu kommunizieren, kann für einen Taucher manchmal überlebenswichtig sein.
Wer die wichtigsten Zeichen nicht formen kann, der bekommt auch keinen Tauchschein. So gute Sicht wie am Küstenabschnitt vor Cairns ist eine Seltenheit. Vor ein paar Monaten, auf einem Tauchausflug in der Nähe von Fraser Island, konnte ich aufgrund von ungünstigem Wind und Wellengang keine drei Meter in den gelblich-grünen Ozean sehen. Die an sich ungefährlichen Haie, die ich an diesem Tag unbedingt sichten wollte, entwickelten sich in der Dunkelheit zu gruseligen schemenhaften Figuren.
Heute hingegen  ist der Himmel blau. Die Sonne strahlt aufs Schiffsdeck, und der Pazifik zeigt sich mit Schildkröten, kleinen Haien, seltenen Fischarten und schillernden Korallen von seiner allerbesten Seite. Nur 18 Gäste haben sich auf das Tauchboot eingemietet. Unter ihnen sind zwei Meeresbiologinnen, die über dem Marianengraben im Pazifik forschen, sowie ein Ehepaar, das Geländewagen-Touren durch die Simpson-Wüste im Süden Australiens organisiert. Ich bin die einzige Backpackerin. Unsere Gesprächsthemen unterscheiden sich sehr von solchen, an die ich mich im letzten halben Jahr gewöhnt habe: Es geht nicht um fehlendes Geld, nicht um Reiserouten und auch nicht um Probleme mit dem in Australien gekauften Auto.

Während des letzten gemeinsamen Abendessens im Boot über einem der wohl schönsten Orte der Erde bin ich ein bisschen traurig, schon wieder Abschied von meiner großen Leidenschaft nehmen zu müssen. Auch den Luxus, nach dem letzten Tauchgang nicht in ein Hostelbett, sondern in eine geräumige Kajüte zu fallen, werde ich ein bisschen vermissen. Es hat sich gelohnt.
Ariane