Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Die Fernschreiberinnen Wo Melbourne auf dicke Hose macht
Hannover ZiSH Die Fernschreiberinnen Wo Melbourne auf dicke Hose macht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Wo laufen sie denn? Um Pferde geht es beim Renntag auf dem Flemington Racecourse nur am Rande. Quelle: Schellenberg/Struckmeier
Anzeige
Australien

Männer in dunklen Anzügen in Begleitung von Frauen mit aufwändigen Hochsteckfrisuren stehen vor mir in der Schlange vor dem Kartenhäuschen. Wir sind ein wenig eingeschüchtert von so viel  Eleganz für ein einziges Pferderennen. Gemeinsam mit Ariane, zwei Freundinnen aus Hannover und einem Bekannten von der Sunshine Coast beobachte ich die Menschen um uns herum, die eilig Wettscheine ausfüllen und viel Zeit an der Bar verbringen. Es ist ein Sonnabendvormittag. Melbourne hat frei und den Gehaltscheck der Woche in der Tasche. Wer nicht genug Geld hat, um es zu verspielen, der führt das kleine Schwarze aus. Schnell verstehen wir, dass viele der Anzugträger gar nicht so reich sind wie sie tun, sondern die Party an der Rennbahn nur gern nutzen, um mit dem Sakko vom Abschlussball und ein paar Wettscheinen in der Hand auf dicke Hose zu machen. Auf die Pferde wird sich nur in den wenigen Minuten konzentriert, in denen sie tatsächlich auf der Rennbahn sind. Egal, wie viel Geld in einer dieser Runden gewonnen wurde: Anschließend geht es wieder an die Theke um den Sieg zu feiern – oder den Frust in Alkohol zu ertränken.

Nach drei Rennen packt uns die Lust aufs schnelle Geld. An einem der Wettcomputer setzen wir fünf Dollar auf „Too Deadly“. Das Pferd läuft als vorletztes ins Ziel. Unsere Freundinnen Lynn und Nici setzen den gleichen Betrag auf das Pferd, das ihre Glückszahl als Startnummer trägt. Sie gewinnen 30 Dollar in kleinen Scheinen. Jetzt fällt das aufhören schwer, ich muss mich zusammenreißen. In einem weiteren Rennen kollidieren zwei Pferde im Endspurt. Wie in Zeitlupe fällt das Tier auf die Bahn, wirft den Jockey ab und rennt wie ferngesteuert allein ins Ziel. Die Zuschauer halten den Atem an. Einige von ihnen sicherlich, weil sie gerade sehr viel Geld verloren haben. Als der Reiter auch nach zähen Minuten nicht aufsteht und gleich zwei Krankenwagen zum Unfallort fahren, merke ich, dass Pferderennen nicht weniger brutal sein können als Australian Football. Und in der kurzen Zeit, in der auf der Rennbahn tatsächlich etwas passiert, auch nicht weniger spannend.

Anzeige

Mit Blick auf die Wolkenkratzer in Melbourne genießen wir die Nachmittagssonne auf dem feinen englischen Rasen. Es ist einer unserer letzten Tage in Australien, den wir mit einer klassischen australischen Freizeitbeschäftigung verbringen. Abends erzähle ich einem irischen Mitbewohner unter Einsatz von Händen und Füßen vom Sturz von Pferd und Reiter. Erst ein wenig verwirrt durch meine aufgeregte Schilderung lacht er dann laut los. Ein Sturz gehöre zu einem Nachmittag auf dem Racecourse in Flemington genau so dazu, wie ein viel zu hoher Wetteinsatz. Ein Pferderennen sei doch nicht sehenswert, wenn niemand ordentlich auf die Nase fiele.

Ich werde das nie verstehen.

Alisa Schellenberg

16.05.2012
Die Fernschreiberinnen Von Darwin nach Alice Springs - Mit dem Zug zum Uluru
03.07.2018
Die Fernschreiberinnen Durch das Outback ins Northern Territory - 2800 Kilometer rote Erde
10.04.2012