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Leben So vielfältig ist Hannovers Künstlerszene
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11:35 19.09.2018
Verschönert auch alte Kleidung: Theodores Nikolaidis stellt während der Muse im Vintageladen Vallintage am Engelbosteler Damm.
Verschönert auch alte Kleidung: Theodores Nikolaidis stellt während der Muse im Vintageladen Vallintage am Engelbosteler Damm. Quelle: Clemens Heidrich
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Nordstadt

Kunst, Musik und Kultur in der Nordstadt – das sind die Muse-Inspirationsweeks. Noch bis zum 22. September präsentieren kreative Köpfe beim Festival ihre Werke – in mehr als 20 Cafés, Bars und Geschäften. Riesige Pop-Art-Bilder in Apothekenfenstern, Theatereinlagen auf der Straße und DJ-Auftritte in Modeläden sind Programm. Auch bekannte Künstler wie Theodoros Nikolaidis machen mit – seine Kreationen sind im Vintageladen Vallin­tage am Engelbosteler Damm zu sehen.

Er bemalt nicht nur alte Kleidungsstücke, sondern arbeitet auch gern mit Ölfarben auf Leinwand. „Ich will mich keinem festen Raster beugen und jegliche Rahmen sprengen“, erklärt Theodoros strahlend. „Das Malen macht mich grenzenlos.“ Im wahrsten Sinne des Wortes: Nach einigen Ausstellungen in Deutschland hat der 26-Jährige seine Werke bereits in der Galerie Zenith Art & Fashion in Miami ausgestellt. Bunt, schrill und oft chaotisch sind seine Gemälde. Auch seine griechischen Wurzeln schlagen sich in seinem Stil nieder. Theodoros’ Bilder verbinden oft Elemente der Antike mit seiner Liebe zu Superheldenfilmen. Auf Leinwand stellt er Da Vincis Abendmahl nach – mit Superman, Hulk und Batman.

Schon als kleiner Junge malte er jeden Tag mit seinen Brüdern. Während andere Jungs Wettkämpfe auf dem Fußballplatz austrugen, taten sie es auf dem Papier: Wer am schnellsten 150 Pokémon gezeichnet hatte, war der Gewinner. Mittlerweile hat er sein eigenes Atelier in Laatzen und bleibt trotz internationaler Aufmerksamkeit gern in seiner Heimat Hannover. „Die Künstlerszene hier hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren extrem vernetzt.“ Ein Beispiel dafür sei das Muse-Festival. „Nur in Gesellschaft kann man sich entfalten und Ideen weiterentwickeln“, findet Theodoros. Passend zu diesem Motto gab er Sonnabend im Vintagestore Vallintage einen Workshop, bei dem aus gebrauchter Kleidung kleine Kunstwerke entstanden.

Skurrile Stile von acht Freunden

Teilen sich ein Atelier: Caro, Lakshmi und Jonas vom Kommando Brennende Zukunft. Quelle: Jacqueline Hadasch

Jonas (23), angehender Kunststudent, fertigt Bilder aus „ungeliebten Objekten“ wie Joghurtdeckeln. Caro (25) malt mit Ölfarben, experimentiert aber auch mit Pop-Art. Für die Muse-Ausstellung hat sie eine Werbung des Partnersucheportals Parship zerschnitten und daraus eine Menschenfabrik kreiert: Der Kopf des Werbemodels wird darin zum Fließbandartikel. Bei Lakshmi stehen dunkle Farben im Vordergrund. „Ich brauche Materialien, die Texturen schaffen.“ Vor allem mit Beton und Teer modelliert die Venezolanerin 3-D-Bilder.

Trotz unterschiedlicher Stile arbeiten die Künstler gern zusammen: „Es entstehen großartige Dinge, wenn man zu zweit vor einer Leinwand steht – gerade weil man die gegenseitigen Grenzen immer wieder kaputt macht“, findet Caro. Deshalb gründeten sie mit fünf weiteren Freunden vor gut einem Jahr das Kreativkollektiv Kommando Brennende Zukunft. Sie teilen sich ein gemeinsames Atelier im Ihme-Zentrum. Vier von ihnen stellen noch bis zum 22. September im Atelier Block 16, Edwin-Oppler-Weg 14, aus.

Mit Liebe zur Nichtroutine

Fotokunst und Storytelling: Nina Weymann-Schulz liest aus ihrem Reiseblog vor. Quelle: Jacqueline Hadasch

Wenn Nina Weymann-Schulz aus Linden eine Idee hat, setzt sie sie auch um. Fasziniert von anderen Lebensentwürfen begleitete sie etwa Handwerker auf Wanderschaft. Auch das schmalste Budget hindert sie nicht am Reisen: Mit kostenlosen Couchsurfing-Übernachtungen erkundete sie etwa New York. Von ihren Reisen und den Menschen vor Ort macht die selbstständige Fotografin am liebsten ganz natürliche Aufnahmen. Ihre Fotos sind oft verschwommen oder von Lichtern durchzogen – genau so, wie sie den Moment erlebt hat.

Seit zwei Monaten schreibt Nina auf ihrem Blog stories-from-the­road.de mal schöne, mal melancholische und kritische Reisegeschichten nieder. Dass sie nun als Künstlerin auf der Muse aus ihrem Blog vorliest, hätte sie sich als Kind niemals erträumt. Denn früher hatte sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Geschrieben hat sie trotzdem und konnte die Legasthenie überwinden. „Wenn man etwas unbedingt will, dann schafft man es auch“, sagt die 33-Jährige – und freut sich, als die Zuhörer ihren Geschichten applaudieren.

Wo Politik spaltet, soll Musik verbinden

Ein Mix aus Akustik und Elektronik: Masha mit ihren Vibrafonschlägeln. Quelle: Jacqueline Hadasch

Ein Vibrafon und ein iPad – das sind Mariya Kashynas Instrumente. Bei ihren Auftritten spielt die 27-Jährige auf dem Schlaginstrument, das optisch an ein Xylofon erinnert. Dazu mixt sie mit dem iPad aufgenommene Sounds wie Trompeten- oder Keyboardsequenzen, die manchmal auch von Freunden stammen.

„Musik schafft Verbundheit“, findet die studierte Kulturwissenschaftlerin, die als Masha auftritt. „Besonders dort, wo Länder politisch gespalten sind, hält Kunst die Menschen zusammen.“ Auch deshalb entwickelt Mariya unzählige Ideen, um kreative Menschen zusammenzubringen.

So will sie mit ihren drei Mitbewohnern – allesamt Kunstschaffende – durch die osteuropäischen Partnerstädte Hannovers fahren, um dort Musik zu machen. Gleichzeitig sollen Kreative aus diesen Städten in der leer stehenden WG wohnen können. Bei der Muse spielt Masha am 22. September mit Sabine Moore aus Lettland im Hannover-Gin-Laden, Weidendamm 20. Die beiden kennen sich noch nicht – ein spannendes Experiment.

Die mUSE-Macher im Interview: „Wir wollen Brücken schlagen“

Organisatoren der Muse: Cem Koc (links) und Holger Tippe. Quelle: Simon Parfrement

Hallo Herr Koc, Sie haben 2014 das Kunst- und Kulturfestival Muse mitbegründet. Was wollen Sie mit dem Festival erreichen?

Wir wollen mit Kunst Brücken schlagen. Verschiedenste Leute kommen dort zusammen und tauschen sich beim Festival aus. Manche Künstler trauen sich und stellen zum ersten Mal aus. Das ist toll! Für Ladenbesitzer ist es auch eine Chance: Sie haben durch die Ausstellungen mehr Besucher und Austausch.

Wie finanzieren Sie die Muse?

Der Bezirksrat Nord hat uns von Anfang an unterstützt. Dieses Jahr kam auch der Innovationsfonds der Stadt dazu. Für die Größe, die die Muse jetzt hat, ist die Förderung aber relativ gering.

Wie hat sich die Muse bis heute entwickelt?

Wir haben uns jedes Jahr verdoppelt. Die Nordstadtgrenzen sind erreicht, wir breiten uns sogar etwas nach Hainholz aus. Noch mehr können wir uns jetzt nicht mehr vergrößern, die Nordstadt ist das Limit.

Worüber freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

Über Simon Parfrement, der Bilder aus seiner Heimat Nottingham ausstellt, aber auch in Hannover fantastische Fotos gemacht hat. Und die Ausstellung von Timm Ulrichs und Johann Zambrisky. Besonders schön, dass ein Meister wie Ulrichs bei der Muse mitmacht.

Von Jacqueline Hadasch und Carlotta Hartmann