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ZiSH Gewinner Klasse 10 bis 13: Anders als die anderen
Hannover ZiSH Gewinner Klasse 10 bis 13: Anders als die anderen
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17:55 15.12.2014
Quelle: Kleinschmidt
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Der kleine Ben war anders. Sonderbar. Das merkten auch die anderen Kinder. Anfangs versuchten sie noch, Kontakt mit ihm aufzunehmen, durch ein Lächeln oder eine nett gemeinte Geste. Doch Ben konnte ihre Annäherungsversuche nicht einordnen. Vielmehr beängstigten sie ihn. So zog sich Ben von den anderen zurück. Nur manchmal, wenn Ben sich stark genug fühlte, versuchte er, Kontakt mit ihm aufzunehmen. So sehr sehnte er sich nach einem Freund, der ihn annahm, wie er war, der ihn verstehen konnte, einen Freund, der wie er war.

Aber aufgrund seines monotonen Gesichtsausdruckes, seiner Angewohnheit, die von ihm auserwählten Kinder zu überrumpeln und seiner seltsamen Art und Weise, sich mit Dingen zu beschäftigen, stieß er bei ihnen auf Unverständnis.

Am liebsten saß Ben unter dem Tisch im Esszimmer, ungestört von äußeren Einflüssen, weg von Stimmengewirr, lauten Geräuschen oder unstrukturierten Abläufen. Dann beschäftigte Ben sich mit seinen Autos. Ben hatte viele Autos. Große und kleine. Rote und blaue. Aber er spielte nicht mit ihnen. Zumindest nicht so, wie die anderen Kinder mit ihren Autos spielten. Ben sortierte seine Autos lieber. Er ordnete sie nach Größe, Farbe, oder stellte sie in Reih' und Glied.

Da war es wieder. Dieses Stechen in seinen Ohren. Ein Durcheinander, wie wenn Hunderte von Ameisen sein Trommelfeld in Beschlag nehmen würden. Wie sehr hatte Ben doch gehofft, dieses Gefühl hinter sich gelassen zu haben, an seinem ersten Schultag in der neuen Klasse. Einem Tag, an dem er neue Kontakte knüpfen wollte, in einer Schule, wo in keiner kannte, und einem Umfeld, in dem alles besser werden sollte.

Wie Ben das Gefühl der Machtlosigkeit doch hasste. Wie er es hasste, es weder beeinflussen, noch unter Kontrolle bringen zu können. Ben wusste schon was gleich passieren würde. Es würde sich anfühlen, als ob viele kleine Federn von innen gegen seinen Kopf streichen würden.

Wie ein Kitzeln, unangenehm und so reizend. Dann würde er sich wieder auf den Boden schmeißen, panisch um sich schlagen und seinen Kopf auf den Boden hauen, hoffend, das Gewusel in seinem Kopf stoppen zu können. In seinem Rücken spürte Ben die Blicke der anderen Kinder. Manche saßen nur da und schauten, manche waren verwundert, und manche wiederum lachten.

So plötzlich wie es erschienen war, verschwand das Durcheinander und Gewusel in Bens Kopf wieder. Jetzt sah er sich auf dem Boden liegend, erschöpft und kraftlos. Er schämte sich. Wieder hatte er es nicht geschafft, sich unter Kontrolle zu bringen, wieder war er nicht gegen das, was in seinem Kopf vor sich ging, angekommen, wieder fühlte er sich zur Show gestellt, entblößt und unendlich leer. Die anderen konnten nicht verstehen, warum er sich so verhielt.

Der Lehrer schickte Ben vor die Tür. Er solle reinkommen, wenn er sich wieder benehmen könne. Wieder stoß Ben auf Unverständnis und Kälte. Warum konnte er nicht so sein wie die anderen. Nichts mehr wollte Ben. Nur so denken, und fühlen und handeln wie sie. Aber wenn er es sich recht überlegte, wusste Ben gar nicht, wie die anderen dachten, und fühlten. Er konnte noch nicht einmal deuten, ob sie guter oder schlechter Laune waren. Ob sie sich freuten oder traurig waren. Er konnte auch nicht verstehen, warum sie so unbezwungen waren. Warum sie sich freundschaftlich auf die Schulter klopften, es toll fanden, mit ihren roten und blauen Autos auf dem Boden entlang zu fahren oder nichts daran auszusetzen zu haben schienen, die Nähte in ihrem Pullover zu spüren. Aber vielleicht musste Ben die anderen ja auch nicht verstehen. Und die anderen mussten ihn auch nicht verstehen.

Ben wünschte sich nur, so in die Welt der anderen aufgenommen zu werden, wie er war. Ganz gleich ob er nun seltsam, ungewöhnlich oder einfach nur anders war. Vielleicht konnten sie ja versuchen, ihn anzunehmen, auf ihn einzugehen und sich für seine Welt zu öffnen. Ihm einfach nur das Gefühl zu geben, dazuzugehören.

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