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ZiSH Wem gehört die Stadt?
Hannover ZiSH Wem gehört die Stadt?
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19:59 28.04.2014
Quelle: Wallmüller
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Ich stehe vor dem Bahnhof unterm Schwanz und tippe zitternd vor Aufregung Befehle in mein Handy: „Portal hacken“, „Portale verbinden“. Die Gruppe herumlungernder Punks und die Passanten um mich herum ahnen nichts von meiner Mission. Hoffentlich. Für den Fall, dass doch ein feindlicher Agent unter ihnen ist, muss ich mich beeilen. Denn ich bin auserwählt. Ich muss den Bahnhof erobern.

Ich spiele „Ingress“. Ein Handy-Spiel, das nicht nur auf dem Fünf-Zoll-Bildschirm meines Smartphones stattfindet, sondern vor allem draußen, im echten Leben. Das Spielprinzip ist eine Kreuzung aus Geocaching, Stadtrundgang und dem Brettspiel-Klassiker Risiko. Die kostenlose App der Google-Tochter Niantic Lab ist ein sogenanntes „Augmented Reality Game“ – ein Spiel in der erweiterten Realität. Meine Augen sehen den Bahnhofsvorplatz und Ernst August. Aber mit einem Blick auf mein Smartphone sehe ich auf einer Google-Maps ähnlichen Karte an denselben Orten außerdem geheime Portale, Energielinien und Kraftfelder. Um im Spiel ein solches Portal einzunehmen, muss ich dort wirklich hingehen. Mein Handy habe ich dabei fest im Visier. Über die GPS-Funktion erkennt es wo ich bin und sendet die Daten an das Spiel.

Überall auf der Welt haben sich bereits Millionen von Spielern in lokalen Communities zusammengetan und streifen, oft gemeinsam, auf der Suche nach Portalen kreuz und quer durch Stadt. Doch sie sind geteilt. Im Spiel gibt es zwei Fraktionen, die auf dem ganzen Globus darum kämpfen, wer mehr Portale kontrolliert. Die grünen Erleuchteten, auf Englisch „Enlightement“, spielen gegen die blauen Widerständler, die „Resistance“. Weil das zu kompliziert ist, heißen sie in der Szene schlicht Frösche und Schlümpfe. Zu Beginn des Spiels muss man sich entscheiden. Grün oder blau? Frosch oder Schlumpf?

Ich bin Frosch. In Hannover kämpfe ich mit ungefähr 400 Spielern um die unsichtbare Vorherrschaft in den Stadtteilen. Mitte und die Oststadt sind aktuell Schlumpf-Land. Im Westen und in Herrenhausen dominieren dagegen wir, die Frösche.

Einer von meinen Mitspielern bei den Fröschen ist David. Der baumlange, schlaksige Informatikstudent spielt Ingress schon seit zwei Monaten. Christian hat gemeinsam mit Kommilitonen aus seinem Studiengang angefangen zu spielen. „Ingress spielen wahrscheinlich schon ganz schön viele Computer-Nerds. Aber ich kenne auch jede Menge Menschen, die völlig technikferne Sachen studieren. Ein Kumpel studiert Germanistik, ist aber der totale Science-Fiction-Fan und spielt schon ewig“, erzählt der 24-jährige.

Wie er im Spiel heißt, möchte er lieber nicht erzählen. Das würde zu viel verraten, sagt er. Ein bisschen Verschleierung gehört wohl dazu in einem Agentenspiel. Doch trotz aller Geheimniskrämerei: Dass seine GPS-Daten an Google gesendet werden, kann er nicht verhindern.

Auch ich gebe meine Daten an Google weiter und ermögliche dem Konzern damit wahrscheinlich ein Bewegungsprofil zu erstellen und seine Kartendienste oder andere Angebote zu optimieren. Aktuell würden zwar keine Daten für andere Zwecke verwendet, sagt die Deutschlandbeauftragte für Ingress von Google und Niantic Labs, „ob das aber vielleicht einmal kommen wird, können wir nicht ausschließen.“

Ich laufe trotzdem stundenlang alleine und nur mit meinem Handy in der Hand durch Parks und Hinterhöfe, sehe Dinge und Portale, die andere nicht sehen. Ganz nach dem mysteriösen Spielmotto: „Die Welt um dich herum ist nicht wie sie scheint.“

Doch ich will endlich mehr über die Szene erfahren. In einer Bar in Linden treffe ich „CeeWee“, einen Spitzenagenten. Der Onlinemarketingspezialist, der eigentlich Christian Wächter heißt, ist seit dem offiziellen Spielstart vor vier Monaten dabei, hat bereits 1752 verschiedene Portale gehackt und führt die Highscore-Liste der Stadt an. „Ich habe beim Ingress spielen bereits so viel erlebt und Leute getroffen. Und ich war an Orten, die ich sonst nie gesehen hätte“, erzählt CeeWee.

Dass auch er seine Daten Google überlässt, kümmert ihn nicht wirklich. „Ich bezahle mit meinen Bewegungsdaten. Na und? Da gibt es Schlimmeres“, findet CeeWee. Das kann man anders sehen. Aber genau wie Informatikstudent David ist sich auch CeeWee der Datenübermittlung bewusst und hat sie einkalkuliert, als er sich für das Spiel entschieden hat.

Dann ist CeeWee plötzlich verschwunden. Als ich von der Toilette zurück an unseren Tisch komme, hängt da nur seine Jacke und sein immer griffbereiter mobiler Akku liegt auf dem Tisch. Ich finde ihn eine Straßenecke weiter, wo er zwei gegnerische Agenten ausgemacht hat, die gerade das Portal „Elisen-Eck“, eine Lindener Eckkneipe, erobern wollen. Die zwei Studenten mit Bierflasche in der Hand drehen noch eine abendliche Runde, um nach ihren blauen Portalen zu sehen. „Ich fahr dann mal nach Hause“, verabschiedet sich CeeWee freundlich von den beiden. Eine Finte des erfahrenen Agenten. Zehn Minuten später gucke ich bei Ingress auf die Karte. Das „Elisen-Eck“ leuchtet grün auf meinem Bildschirm und CeeWee ist auf seinem Roller in die Nacht verschwunden.

Mario Moers

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