Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH Bei Nachricht Angst
Hannover ZiSH Bei Nachricht Angst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:15 16.12.2014
Mobbing fängt auf dem Schulhof an, geht über das Smartphone aber auch nach der Schule weiter. Quelle: Eberstein

Auf Adrians Desktop erscheint ein kleiner gelber Briefumschlag. Er hat eine E-Mail bekommen: „Hallo, ich werde gemobbt!“, steht darin. Mehr nicht: kein Name, keine Schilderung. Schnell tippt Adrian eine Antwort, und das kleine Symbol leuchtet erneut auf. Er hat es geschafft: Er hat Kontakt zum Absender.

Geschubse auf dem Schulhof, Zettelchen mit Beleidigungen unter der Schulbank und zwischen den Bänken zugezischte Drohungen: Viele Schüler in Deutschland werden Opfer von Hänseleien. „Wir sprechen von Mobbing, wenn jemand über einen längeren Zeitraum von den gleichen Personen diskriminiert wird“, sagt Adrian Jagusch. Er ist Scout bei Juuuport, einer Plattform, die Opfer von Cybermobbing berät. Denn mittlerweile ist der Ärger mit dem Läuten der Schulglocke nicht vorbei. Im Internet geht es weiter – mit Cybermobbing, also Gemobbe, das online stattfindet. Pöbeln und beleidigen geht da über Apps wie Whatsapp natürlich besonders leicht. In Deutschland sind über 14 Prozent der Zehn- bis 18-Jährigen schon einmal im Internet gemobbt worden.

Adrian ist seit fünf Jahren Scout bei Juuuport, die Opfern von Cybermobbing berät. Der 20-jährige Student ist einer von deutschlandweit knapp 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern und leistet erste Hilfe im Web. „Opfer von Mobbing fühlen sich hilflos und schämen sich. Deswegen fällt es ihnen schwer, sich Hilfe zu holen“, sagt Adrian. „Wenn uns jemand schreibt, antworten wir deswegen so schnell wie möglich. Unser Ziel ist es, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen“, sagt Adrian.

Wo Mobbing anfängt, ist schwer zu sagen. Zuerst sind es nur ein paar Sticheleien wegen eines roten Pullovers. Die können aber schnell in Kommentare wie „Boah, bist du hässlich“ umschlagen. „Mobbing ist ein persönliches Empfinden. Wichtig ist: Sobald sich jemand verletzt fühlt, ist Hilfe nötig“, sagt Adrian. Es zählen also nicht nur Beleidigungen zu Cybermobbing. „Mittlerweile hat jede Klasse eine eigene Whatsapp-Gruppe, daneben oft noch eine für die Mädchen und für die Jungen“, sagt der Scout. „Wer nicht in der Gruppe ist, steht als Außenseiter da. Und auch das kann verletzend sein.“

Grundsätzlich besteht die Aufgabe eines Scouts darin, Fragen zu beantworten, Verständnis zu zeigen und für die Betroffenen da zu sein. Alle sind im Alter von 14 bis 22 Jahre. „Es ist sehr wichtig, nicht älter oder jünger zu sein. Es geht darum, eine Hilfe von Jugendlichen für Jugendliche zu bieten“, sagt Adrian. Regelmäßig bekommen die Scouts Fortbildungen von Experten. Aus seiner Erfahrung und durch den Austausch mit anderen Scouts weiß Adrian, dass vor allem Whatsapp häufig für Cybermobbing missbraucht wird.

84 Prozent der deutschen Jugendlichen nutzen die App. Neben Nachrichten können auch Videos, Sprachnotizen und Fotos verschickt werden. Dementsprechend unterschiedlich kann auch das Mobbing ausfallen. Von bedrohlichen Sprachaufnahmen, die mitten in der Nacht auf dem Handy landen, bis hin zu Nacktfotos aus der Umkleidekabine, die in Umlauf gebracht werden, ist alles möglich. Wann das Handy wieder aufleuchten wird und eine neue Nachricht ankommt, weiß der Betroffene nicht. Und was dieses Mal auf dem Bildschirm erscheinen wird, auch nicht.

Ein weiteres Problem: Im Gegensatz zu Facebook können Beleidigungen oder peinliche Fotos nicht gemeldet werden. Die Opfer haben kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Und die Eltern haben meistens keine Ahnung, was auf den Handys ihrer Kinder abgeht. „Erwachsene, die nicht mit dem Netz aufgewachsen sind, stehen den Problemen oft hilflos gegenüber. Der Umgang mit Cybermobbing muss erst mal gelernt werden“, sagt Medienpädagoge Jens Wiemken.
Manche Eltern würden ihren Kindern den Zugang zu Facebook verbieten und ließen sie stattdessen bei Whatsapp chatten. „Das ist eher kontraproduktiv, weil es im Gegensatz zu Facebook keine Meldefunktion hat und gar nicht auf den Jugendschutz gepolt ist“, sagt Wiemken. Die Opfer müssen sich aber irgendwie wehren. Denn ohne Hilfe kann Mobbing zum Kreislauf werden: „Cybermobbing muss krasser ausfallen als Mobbing auf dem Schulhof. Der Täter sieht im Netz die Reaktion des Gegenübers nicht, will aber sicher gehen, dass die Aktion eine Wirkung hat“, sagt Medienpädagoge Wiemken. Manchmal mit fatalen Folgen: Die 15-jährige Amanda Todd aus Kanada wurde monatelang wegen eines Nacktfotos, das aus dem Bekanntenkreis über das Netz in die Öffentlichkeit gelangt war, gemobbt. Schließlich wusste sich Amanda nicht mehr zu helfen und brachte sich im Oktober 2012 um. In einem drastischen Abschiedsvideo erklärt sie vorher, wie es dazu kam. Und wie allein und hilflos sie sich fühlte. „Mobbing muss aufgearbeitet werden und kann in den meisten Fällen nicht ohne Hilfe gelöst werden“, sagt Adrian. „Wir appellieren daran, sich Hilfe von anderen zu holen, die vor Ort sind“, sagt Adrian.

Da Cybermobbing von der einfachen Beleidigung bis zum Weiterleiten von Nacktfotos reicht, gibt es keinen allgemeinen Notfallplan. Doch Lehrer und Eltern der Täter anzusprechen, Beweise für Mobbing zu sammeln, die Täter in sozialen Netzwerken zu blocken und das eigene Profil zu sperren ist nie verkehrt. Zu Ende ist es damit aber nicht. „Am wichtigsten ist es, sich professionelle Hilfe zu holen. Das können Lehrer, Eltern oder auch die Polizei sein“, sagt Adrian. Wichtig ist, überhaupt zu handeln – nur dann kann man kein Opfer mehr sein.

Sarah Schuhmacher, Maike Brülls, Martin Wiens und Manuel Behrens

Quelle: privat

Nachgefragt...

...bei Jens Wiemken, Medienpädagoge aus Vechta

Herr Wiemken, Mobbing gab es ja schon immer. Wie unterscheidet sich Cybermobbing von herkömmlichen Formen?

Cybermobbing ist Mobbing mit elektronischen Hilfsmitteln. Der Hauptunterschied ist, dass es im Netz räumlich und zeitlich keine Grenzen gibt. Das heißt, dass bei herkömmlichem Mobbing vielleicht nur 15 Ereignisse in der Woche stattfinden, beim Cybermobbing aber 30. Cybermobbing muss außerdem krasser sein als herkömmliches Mobbing. Man sieht im Netz nicht die Reaktion des Gegenübers, will aber sicher gehen, dass die Aktion eine Wirkung hat.

Wo fängt Mobbing im Netz genau an?

Mobbing kann schon damit anfangen, dass eine WhatsApp-Gruppe gegründet wird, in die man nicht eingeladen wird. Mit Gruppenausgrenzungen geht es los. Andere Formen sind beispielsweise die Veröffentlichung von privaten Fotos oder von bewusst peinlichen Inhalten anderer Personen.

Wie hat sich Cybermobbing in den letzten Jahren verändert?

Natürlich hat es zugenommen. Jugendliche sind in unterschiedliche soziale Netzwerke geströmt. Deshalb werden immer mehr Konflikte im Netz ausgetragen. Dass solche sozialen Konflikte stattfinden, ist in dem Alter ganz normal. Aber man müsste oft schneller bereit sein, Konflikte als Mobbing definieren, damit schnell reagiert werden kann.

Auf der anderen Seite stehen Erwachsene, die nicht mit dem Netz aufgewachsen sind und den Problemen oft hilflos gegenüberstehen. Der Umgang mit Cybermobbing muss erst mal gelernt werden. Manche Eltern verbieten ihren Kindern den Zugang zu Facebook und lassen sie stattdessen zu WhatsApp. Das ist eher kontraproduktiv, weil WhatsApp im Gegensatz zu Facebook  keine Meldefunktion hat und gar nicht auf Jugendschutz gepolt ist.

Was sollte ein Jugendlicher tun, der betroffen ist?

Eine wichtige Adresse ist zunächst einmal juuuport. Die haben viel Erfahrung und die Barriere ist sehr gering. Wer noch mehr Anonymität möchte, kann sich an die Nummer gegen Kummer wenden. Die ist kostenlos und jeder sollte die Nummer eingespeichert haben. Auch Vertrauenslehrer und Sozialpädagogen sind am Anfang eine wichtige Adresse. Wenn es ganz krass ist und zur Anzeige kommen soll, müssen die Eltern eingeschaltet werden. Für einen Strafantrag sind nämlich die Erziehungsberechtigten nötig. Ab einer gewissen Eskalationsstufe muss dann ein Psychologe oder sogar die Polizei eingreifen.

Was wird in der Schule gegen das Problem unternommen?

Die Schulen sehen immer mehr, dass sie sich um das Problem kümmern müssen. Lange meinte man, dass das bloß Probleme sind, die von außen kommen. Das ist aber falsch. Cybermobbing tritt oft in Verbindung mit Mobbing auf. Oft liegt der Ursprung in der Klasse.

Interview: Martin Wiens

Hurra – ZiSH gibt es nun schon stolze 15 Jahre! Das ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Anlass, um zu gucken, wie ZiSH sich mit der Zeit verändert hat – und was die Protagonisten vergangener Geschichten heute so machen.

Karsten Röhrbein 11.12.2014

Die Vorweihnachtszeit spaltet die Gemüter. Während die einen ihr Zuhause in ein Winterwunderland verwandeln, sind andere von der aufgesetzten Besinnlichkeit einfach nur genervt. ZiSH stellt sechs Adventstypen vor.

04.12.2014
ZiSH Ausmisten - Tag der Abrechnung

Zum Ende des Jahres machen viele Unternehmen eine Inventur. 
Zeit, im eigenen Leben Bilanz zu ziehen und auszumisten – nicht nur im Kleiderschrank.

03.12.2014