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ZiSH Die Reifeprüfung
Hannover ZiSH Die Reifeprüfung
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18:56 25.02.2010
Nicht nur beim Bau der Denkmäler zeigen Abiturienten auf der Zielgraden noch einmal Kreativität, sondern auch die Abi-Sprüche zeugen von besonderem Ideenreichtum.
Nicht nur beim Bau der Denkmäler zeigen Abiturienten auf der Zielgraden noch einmal Kreativität. Auch die Abi-Sprüche zeugen von besonderem Ideenreichtum. Quelle: Wallenwein
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Der Abi-Ball
Am Nachmittag werden in der Schule noch die Abiturzeugnisse überreicht, und bis zum Abi-Ball am Abend hat sich Mamas und Papas ganzer Stolz von einem Jugendlichen in einen erwachsenen Menschen mit Hochschulreife verwandelt.

Das Geld für den Ball wurde vorher auf Abi-Partys verdient oder von spendierfreudigen Eltern bereitgestellt. Stolz möchte man seinen wohlgeratenen Sprösslingen auch zu einer unvergesslichen und angemessenen Feier verhelfen. Die weiblichen Mitglieder des Jahrgangs haben keinerlei Probleme mit dem Styling, da die Kleiderfrage schon seit Montaten geklärt ist. Die Herren haben sogar eigens ihren Konfirmationsanzug aussortiert und sich auf Anraten ihrer Mütter einen schicken, neuen zugelegt. Ein üppiges Büfett sorgt für Verpflegung, eine Band für Unterhaltung, und Schüleransprachen, einstudierte Lieder über die Schule und kleine Schauspieleinlagen versüßen die Zeit, bis endlich die Großeltern den Ball verlassen. Denn spätestens ab 24 Uhr wird die Tanzfläche gerockt, und der eigentlich öde Politiklehrer beeindruckt mit heißen Breakdance-Einlagen. Wenn einem dann der heimliche Schwarm noch gesteht, dass er einen seit der siebten Klasse liebt, ist wohl alles perfekt und der Abend absolut gelungen.

von Isabelle Sckade

Die Abi-Reise
Elvis ist tot. Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll jedoch nicht. Jedenfalls nicht auf Abifahrten. Kurz nach den schriftlichen Prüfungen reist der Jahrgang in die Sonne, um den Abistress zu vergessen. Gecharterte Busse mit Hunderten von 
Fastabiturienten bewegen sich jedes Jahr zwischen Mai und Juni auf den Autobahnen in Richtung Glückseligkeit: nach Lloret de Mar, zum Balaton oder nach Jütland. In welchen Ländern diese Regionen liegen, ist den Feiernden egal – ist ja Party und kein Erdkunde-LK. Auch brauchen sie sich nicht auf fremde Sprachen einstellen: In den Enklaven der guten Laune ist sowieso nur die deutsche Bildungselite unterwegs. Selbst die Unterkunft ist da zweitranging: Geschlafen wird am Strand, und das Zimmer nur zum Umziehen benutzt.

Zwischen Ankunft und Abreise verbringen die Jahrgänge Stunden damit, ihren Lernstoff mit der Gruppe aus Bayern zu vergleichen und in abgewrackten Spelunken Miss Schaumparty und Mister Wet-T-Shirt zu wählen. Betrunken schwört man sich ewige Freundschaft, die dann auch bis zu den mündlichen Prüfungen hält.

von Steffen Gremmelt / ZiSH

Das Abi-Buch
In zehn Jahren lachen wir alle darüber!“ Mit diesem Satz werden selbst die schlimmsten Peinlichkeiten bagatellisiert. Ganz besonders gilt das für Abibücher. Für die Ewigkeit auf Papier gebannt ist da der ganze Mikrokosmos eines Abiturjahrganges mit all seinen Freuden, Sorgen und modischen Verfehlungen. Minipli und Vokuhila, adoleszente Oberlippenbärtchen und andere Sünden aus vergangenen Dekaden laden in gebundener Fassung zum amüsierten Erinnern. In zehn Jahren werden es vielleicht die Poloshirts oder lilafarbenen Röcke mit schwarzen Strumpfhosen von heute sein, die auf Klassentreffen für verschämtes Gelächter sorgen. Erinnerungstexte an Studienfahrten, Projekte, beste Freunde und Lehrer, die den beschwerlichen Weg zum Abitur geebnet oder mit Steinen versehen haben, machen das Abibuch zum papierenen Vermächtnis einer wichtigen Lebensphase und auch zu einem letzten Abschiedsgruß an die Schule.

von Malte Mühle

Der Abi-Streich
Beim Abi-Streich können nie ausgelebten Phantasien, die lange in den Köpfen der Schüler gereift sind, endlich in die Tat umgesetzt werden. In der Nacht zuvor werden heimlich Liegestühle, eine kleine Bar und Tonnen Sand in die Pausenhalle gekarrt. Die Tür des Lehrerzimmers ist zugemauert, das ganze Schulgebäude umzäunt. Anstatt zu unterrichten, stehen die Lehrer an diesem Tag auf einer großen Bühne, unfreiwillig eingespannt bei der Abirevue. Einige Lehrer entkommen, wie in jedem Jahr, unbemerkt, andere überraschen beim Karaoke oder Ballett mit Witz und Humor. Höhepunkt ist das Bobby-Car-Wettrennen mit der Schulleiterin – ein Klassiker. Mit dem letzten Gongschlag ist die Tortur noch lange nicht vorbei: Bevor die Lehrer dem kontrollierten Wahnsinn entkommen können, müssen sie erst Klopapier und Rasierschaum von ihren Autos kratzen. Dann haben sie wieder Ruhe – zumindest für ein Jahr.

von Rebecca Weyers / ZiSH

Die Abi-Sänger
Schon Monate vor den Prüfungen tun sich alle Rampensäue des Jahrgangs zusammen, um noch einmal ihr Talent zu zeigen. Kreativ dichten sie Popsongs um: Aus „Walking on Sunshine“ wird „Wir haben Abi“ und aus „Ab in den Süden“ wird „Ab geht’s zum Feiern“. Sind dann die Prüfungen vorbei, streifen die Abi-Sänger mit dem Gettoblaster durch die Klassenräume und geben den Unterstuflern ein Ständchen – gerne auf Kosten der Lehrer. Doch da der Abschied von der Lehranstalt nicht nur befreiend, sondern auch traurig ist, lassen die Abi-Sänger hin und wieder ihrer Melancholie in einem wehmütigen Abschiedslied freien Lauf. Auch wenn sie nicht alle Töne treffen, gibt es von Lehrern eine kleine Spende für den Abiball.

von Leonie Reckewerth

Das Abi-Shirt
Die Entwicklung eines Abi-Shirts ist ein komplexer Prozess. Schon bei der Farbwahl hat in einer heterogenen Gruppe wie einem Abi-Komitee jeder einen Einwand. Schlichtes Schwarz? „Düster und einfallslos!“ Grelles Orange? „Da sehe ich dick drin aus!“ Falls nach ausgiebigen Farbkreisstudien ein Kompromiss gefunden wurde, reißt die Frage, ob Polohemd oder einfaches T-Shirt, wieder tiefe Schluchten in die schulische Zweckgemeinschaft. Auch die Platzierung des Schullogos, Farbe des Aufdrucks oder die Frage, ob der Druck von einer Firma übernommen wird oder doch lieber selber mit Schablonen, strapazieren die Nerven. Wird das fertige Produkt schließlich an die Meute ausgeteilt, erwarten die Verantwortlichen naiverweise Lob und Dank.

Doch zu oft erzeugen unverzeihliche Pannen Frust. Dem Ersten sitzt das gute Teil wie eine Wurstpelle, am Zweiten hängt es wie ein Müllsack, und der Dritte entdeckt einen Tippfehler in seinem Nachnamen. Aber mal ehrlich: Nach der Entlassungsfeier landet das Protzstück des intellektuellen Erfolges sowieso ganz schnell ganz hinten im Schrank.

von Mareike Zoege

Die Mottowoche
Der Abitursjahrgang, aufgekratzt von Prüfungspanik und euphorischer Aufbruchsstimmung, erklärt die letzte Schulwoche des Lebens zum Kostümspektakel. Fünf Tage, fünf Mottos. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt: Hippies und Popstars, Märchenfiguren und Mafiosi sind schon über Schulhöfe spaziert. Der Gruppenzwang bewegt die Mehrheit des Jahrgangs zum Mitmachen. Sonst könnten gewagte Mottos wie Geschlechtertausch oder Rotlichtmilieu peinlich enden. Schon der Schulweg mit der Straßenbahn wird zur Herausforderung, denn das Umziehen auf der Schultoilette gilt nicht. Schlimmer ist nur der Kommentar: „Du bist verkleidet?“

Zur Mottowoche gehört außerdem ein Gettoblaster in der Pausenhalle, der akustische Verstärkung für Mottos wie Hip-Hop, Achtziger oder Hawaii bietet. Piraten fechten in den Gängen, und Emos heulen herzzerreißend. Die besten Schnappschüsse kommen dann ins Abibuch. Sie vervollständigen die Bildergalerie der Schullaufbahn vom unschuldigen Erstklässler bis zum wilden Narren. So viel Spaß kann Schule machen.

von Mareike Zoege