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12:12 22.04.2014
In Begleitung: Den Führerschein mit 17 wollen immer mehr Jugendliche – auch wenn das heißt, dass die Eltern mitfahren müssen.
In Begleitung: Den Führerschein mit 17 wollen immer mehr Jugendliche – auch wenn das heißt, dass die Eltern mitfahren müssen. Quelle: dpa
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Hannover

Langsam setzt Lisanne zurück. Dabei schaut sie angestrengt nach hinten und beißt sich auf die Unterlippe. Ihren Sitz hat sie weit nach vorne gezogen. Ihre Hände umfassen verkrampft das Lenkrad. Als das Auto wackelt, runzelt sie die Stirn. Sie ist zu weit gefahren, der Reifen hat den Bordstein berührt. Mit einem Seufzer schiebt sie den Schaltknüppel zurück in den ersten Gang und fährt wieder in die Ausgangsposition zurück. Diesmal gelingt das Einparkmanöver. Sie steht gerade hinter dem blauen Auto. Stolz schaut sie ihren Fahrleher an. „Gut“, sagt er. „Nur ein bisschen zu weit vom Bordstein weg.“

Lisanne ist 17 Jahre alt und steht kurz vor der praktischen Führerscheinprüfung. Sie will nicht warten, bis sie 18 Jahre alt ist, sondern ihren Führerschein lieber sofort machen. Damit darf sie dann auch schon fahren – vorausgesetzt, es ist eine Begleitperson dabei.

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Saskia Becker aus Stadthagen ihren Führerschein gemacht hat. Sie war eine der ersten, die an dem Modellversuch „Begleitetes Fahren mit 17“ teilnahm. Im April 2004 wurde es testweise in Niedersachsen eingeführt. „Die Jugendlichen sind in der ersten Zeit des Fahrens noch unsicher. Zwar haben sie die grundsätzlichen Abläufe im Straßenverkehr gelernt. Wenn sie aber in eine unvorhersehbare Situation kommen, sind sie überfordert – und dann kracht es eben schnell“, erklärt Julian Minke, Fahrlehrer in Bennemühlen. Die Idee hinter „BF 17“ ist, die Jugendlichen im ersten Jahr von einem erfahrenen Autofahrer begleiten zu lassen, und so die Zahl der Unfälle von Fahranfängern zu verringern. Begeistert aufgenommen wurde diese Idee nicht von allen. Der ADAC warnte damals vor einem Anstieg der Unfälle unter Fahranfängern. So würde „BF 17“ das genaue Gegenteil vom eigentlichen Ziel bewirken.

Dass sich das nicht bewahrheitet hat, zeigt eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen. Im Vergleich zu anderen Fahranfängern bauen diejenigen, die in den ersten Monaten noch mit Mama oder Papa auf dem Beifahrersitz gefahren sind, in den ersten beiden Jahren 20 Prozent weniger Unfälle. Jede zweite praktische Führerscheinprüfung wird heute von 17-Jährigen abgelegt. „,BF 17‘ wird immer besser angenommen, vor allem auf dem Land“, sagt Dieter Quentin, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Niedersachsen.

Lisanne kommt auch vom Land. Sie will den Führerschein, weil sie eigenständig zu Freunden fahren möchte. „Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das hier schwer möglich.“ Allerdings darf sie mit ihrem „Führerschein ab 17“ nicht sofort ins Auto steigen und alleine losfahren. Will sie in die Disko fahren, muss Mama auf dem Beifahrersitz sitzen. Die Freiheit, die Fahrschüler auf dem Land vielleicht noch vor 20 Jahren mit dem Führerschein verbunden haben, ist heute offenbar nicht mehr ganz so wichtig. „Der Führerschein hat einen ganz anderen Stellenwert, als noch vor einigen Jahren“, sagt Fahrschulinhaber Artur Minke, der Vater von Lisannes Fahrlehrer. „Den Führerschein machen: Das war vor 20, 30 Jahren ein großes und wichtiges Ziel. Endlich konnte man eigenständig fahren, wohin man wollte“, erinnert er sich. „Heute haben die Jugendlichen andere Prioritäten. Sie lassen sich auch oft von den Eltern fahren – das machte man früher schlichtweg nicht.“

Lisanne will sich nicht fahren lassen. Gerade will sie an einem Auto vorbeifahren, das am Straßenrand steht. In dem Moment, in dem sie den Blinker setzt und das Auto zur Fahrbahnmitte hin lenkt, kommt plötzlich ein Fahrradfahrer um die Ecke gerast. Sie zögert, bremst und gibt dann doch wieder Gas. Sie ist merkbar verunsichert. „Halt am besten an“, sagt ihr Fahrlehrer zu ihr. Lisanne atmet tief ein. „In solchen Momenten bin ich froh, dass anfangs noch meine Mutter dabei sein wird. Alleine fahren und diese Freiheit genießen kann ich auch später noch – und fühle mich dann auch noch sicherer.“

In der Stadt nutzen weniger Jugendliche das „BF 17“. „Die Jugendlichen in der Stadt machen ihren Führerschein später. Etwa ab 18 aufwärts“, sagt Fahrlehrerverbandschef Quentin. „In der Stadt ist alles gut mit öffentlichen Verkehrmitteln zu erreichen. Sie brauchen den Führerschein nicht, um sich unabhängig bewegen zu können. Daher machen viele den Führerschein erst, wenn er für einen Job notwendig wird.“

Lisannes Fahrstunde ist vorbei. Sie stellt den Motor ab, nimmt den Gang raus und zieht die Handbremse an. Dann schiebt sie den Sitz nach hinten. „Sie ist schon sehr weit. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie die praktische Prüfung macht.“ Bei den Worten des Fahrlehrers glänzen ihre Augen. Der erste Schritt zur Freiheit ist in greifbarer Nähe.

Maike Brülls

Führerschein mit 17

In Niedersachsen können Jugendliche seit April 2004 den Führerschein mit 17 erhalten. Was als Modellversuch begann, ist seit 2011 bundesweit gesetzlich geregelt: Beim „Begleiteten Fahren mit 17“ absolvieren die Jugendlichen dieselbe Fahrausbildung und Fahrprüfung wie 18-Jährige. Statt des Führerscheins in Form einer Karte bekommen sie allerdings nur eine „Prüfbescheinigung“ aus Papier. Bis zum 18. Geburtstag muss immer eine Begleitperson im Auto dabei sein. Diese muss 30 Jahre oder älter sein, seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen die Fahrerlaubnis Klasse B besitzen und darf nicht mehr als drei Punkte im Verkehrszentralregister in Flensburg haben. Es dürfen beliebig viele Begleiter in die Prüfbescheinigung eingetragen werden.

Maike Brülls

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