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Gesunde Küche im Selbsttest

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22:32 01.11.2021
Eine Ansammlung an Gemüse und ein Messer liegen auf einem Schneidebrett auf einem Tisch.
Eine Ansammlung an Gemüse und ein Messer liegen auf einem Schneidebrett auf einem Tisch. Quelle: Fabian Sommer/dpa
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Hannover

Eigentlich weiß ich das alles. Ich schaue regelmäßig Nachrichten. Ich höre, wie viel Antibiotika in Fleisch steckt. Ich habe „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gelesen und weiß, dass sich in vielen Betrieben mehrere Masthühner die Fläche dieser Zeitungsseite teilen müssen. Und ich weiß, dass die Fleischproduktion – das Wort alleine muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – alleine für 18 Prozent der Treibhausgasemission verantwortlich ist und damit klimaschädlicher als der gesamte Transportsektor. Und doch habe ich mir bislang kaum Gedanken über Essen gemacht.

Das soll sich ändern. Ich will wissen, wie das ist, wenn man sich mehr Fragen stellt, als: Pizza oder Döner? Wie fühlt sich das an? Ist das anstrengend? Ist das teuer? Und: Was macht dieser besondere Blick auf das Essen mit mir?

Diesen Versuch wollte ich nicht alleine angehen: nur Bio, kein Fast Food, kein Fleisch, möglichst umweltschonend und klimafreundlich erzeugt und auch sonst möglichst gut. Die Reaktionen meiner Vierer-WG waren gemischt. Es war nicht schwer, Georg zum Mitmachen zu überreden. Der kann gut kochen und versucht, nur qualitativ hochwertige Zutaten einzukaufen. Er stopft sich zwar nicht – so wie ich leider viel zu oft – jeden Mist in den Mund. Manchmal aber eben doch. Und das will er ändern. Meine Mitbewohnerin Leentje konnte ich auch schnell überzeugen. Sie achtet auch schon auf ihre Ernährung, wollte aber noch einiges lernen. Aber dann war da ja noch Jonas. Mein Mitbewohner Jonas isst Fleisch, gerne und gerne auch viel. Und liegt sicher über den 83 Kilo Fleisch, die ein Mensch in Deutschland auf das Jahr gerechnet verzehrt.Jonas wollte erst nicht mitmachen bei unserem Versuch. Er machte sich über mich lustig, war ablehnend, zynisch, gehässig und so was von nicht bereit, eine Woche richtig gesund zu leben. Erst als wir gewaltigen Gruppenzwang aufbauten – Leentje, Georg und ich – da lenkte Jonas irgendwann ein. „Oh, mein Gott“, sagte er zunächst. Dann: „Ja, okay, ich mache das.“

Und so saßen wir dann am nächsten Tag zusammen: Was kochen wir? Leentje wollte gerne Wraps essen, gefüllte Teigfladen. Georg hat dann von einem Studienfreund das Rezept für vegane Wraps mit Couscous besorgt. Das klang für uns aber etwas trocken, also kamen noch Oliven, Schafskäse und Aioli auf die Einkaufsliste. Ich habe eingekauft, Leentje hat noch eine Gurke vom Markt mitgebracht. Gemeinsam haben wir dann abends alles zusammen geschnippelt. Und festgestellt, dass Oliven mit Stein nicht gut in den Wrap passen – das Entsteinen mit dem Messer aber richtig nervig ist. Die fertigen Wraps mit den zermatschten Oliven waren dann aber so lecker, dass wir am nächsten Tag noch die Reste verschlungen haben und das gleiche Gericht gleich noch mal zubereitet haben. 

So viel Spaß für wenig Geld

Das gemeinsame Kochen hat richtig Spaß gemacht, zudem spart es Geld und Energie. Aber es ist auch nicht immer leicht, das hinzukriegen. Zusätzlich zum Uni-Alltag machen wir alle Sport und arbeiten noch nebenher. Dazu noch das Einkaufen, Vorbereiten und Kochen. Richtige Ernährung ist auch eine Zeitfrage.

Unser nächstes Essen ist mit Gemüse gefüllte Paprika. Aber die Paprika fehlt. Leentje verliert bei Schere, Stein, Papier und zieht sich die Jacke über. Zwei große Discounter wären zu Fuß schnell zu erreichen. Doch das machen wir nicht mehr. Und so muss Leentje erst das Fahrrad aus dem Keller holen und zum Biomarkt in die List radeln. Dem Rest in der warmen Küche wird klar: Wer gesund leben will, muss besser planen.

Georg, Leentje und ich uns freuen uns über die neuen fleischlosen Rezepte. Jonas freut sich nicht. Er mäkelt bei fast jedem Essen. Morgens hätte er lieber Fleischsalat als Gouda auf seinem Vollkornbrot, die Paprika würde mit Hackfüllung viel besser schmecken, und die Putenbrust wäre sowieso einfacher. Manchmal fragen wir uns, ob er nachts heimlich aufsteht und sich ein Stück Fleisch brät. Fettiges Fleisch gibt es in jedem Fall in der Uni-Mensa. Doch ich teste dort zum ersten Mal die Salatbar. Als ich mich mit meinem Tablett zu meinen Kommilitonen an den Tisch setze, ernte ich verwunderte Blicke – sonst bin ich eher für den Klassiker Currywurst mit Pommes bekannt.

Doch die vermisse ich nicht. Stattdessen freue ich mich darüber, dass mir Gurkensalat schmeckt und man auch von Paprika, Mais und Kopfsalat satt werden kann. 

Wo sind die Birkenstockträger?

Es fühlt sich so an, als würde hier gerade erst alles anfangen. Denn wenn ich vor den Regalen des Bioladens stehe, denke ich die ganze Zeit: Das kenne ich nicht, aber das sieht spannend aus. Im Laden merke ich auch, dass ich ganz schön viele Vorurteile habe. Ich hatte dort wirklich noch eine Horde strickender Birkenstockträger vermutet. Stattdessen: Fast ein Querschnitt der Gesellschaft und Menschen an der Kasse, die nicht ganz so gehetzt wirken wie an den Fließbändern der Discounter. Merkwürdig, aber ich fühle mich hier wohl. Am besonders stressigen Mittwoch komme ich erst spät abends vom Uni-Sport nach Hause. Auf dem Heimweg fällt mir ein, dass ich mir gar keine Gedanken um eine gesunde Mahlzeit gemacht habe. Normalerweise würde ich noch schnell bei einer der drei Döner-Buden auf dem Weg anhalten. Und der Geruch, der mir in die Nase strömt, während ich einen der Imbisse passiere, lässt mich beinahe schwach werden. Doch ich gehe weiter und hoffe darauf, dass meine Mitbewohner mir etwas von den Pellkartoffeln mit Quark aufgehoben haben.

Wir haben in dieser Woche so viel über Essen geredet wie sonst in einem ganzen Jahr. Und wir haben diskutiert: Sollten wir zum Beispiel Tiefkühlerbsen essen? Meine Mitbewohner wollten erst nicht glauben, dass Tiefkühlgemüse viele Vitamine enthält. Erst mithilfe von Wikipedia konnte ich sie überzeugen. Da das Gemüse direkt nach der Ernte eingefroren wird, beinhaltet es tatsächlich häufig mehr Vitamine als frisches. Auf der anderen Seite ist die dauerhafte Kühlung enorm energieintensiv und mit den entstehenden Emissionen schädlicher für das Klima. 

Koche Gutes und rede darüber!

Unsere gesunde Woche war dann auch gar nicht viel teurer als eine gewöhnliche. Wir haben viel genauer eingekauft, weniger Essen weggeschmissen und Geld für teures Fast Food und die abendliche Cola vom Kiosk gespart. Wir werden nach dieser Woche nicht perfekt leben. Aber wir haben gelernt, dass gesundes Essen richtig lecker sein kann, und wir haben gemerkt, dass Essen toll ist. Außer Jonas. „So eine fleischlose Woche brauche ich nicht noch einmal“, sagt er. Der hat sich am nächsten Tag gleich wieder ein Stück Fleisch in die Pfanne gehauen. Und dann noch eins. Und dann verspricht er, dass er zumindest darauf achten will, dass er nur noch gute Qualität kauft. So haben wir alle etwas gelernt, in dieser grünen Woche.