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ZiSH Jung sein in Hannover
Hannover ZiSH Jung sein in Hannover
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13:04 17.04.2012
Lina Hasberg zeigt ihre Fotos aus dem jugendlichen Nachtleben. Quelle: Lina Hasberg
Hannover

Die Jugend von heute ist faul, trinkt zu viel und hängt den ganzen Tag nur vor Handy und Computer. Und sie ist neuerdings auch noch total spießig. Wenn vermeintliche Experten sich daran machen, den Nachwuchs zu analysieren, kommt dieser dabei meist nicht besonders gut weg. Mal ist die Rede von der „Generation doof“, mal von der „Generation Facebook“. Und neuerdings ist es eben die „pragmatische Generation“, ohne handfeste Ideale, aber mit dem ziemlich konkreten Bedürfnis nach Sicherheit.

Jan Willem Huntebrinker, Kurator der Ausstellung „Talking about my generation. Jung sein in Hannover 2012“ des Historischen Museums in Hannover, sieht solche Generalisierungen einer ganzen Generation kritisch: „Studien, Diskurse und Medien betrachten die Jugend stets von außen. Das Problem daran ist, dass die Jugendlichen selbst meist nicht miteinbezogen werden.“ Doch wie sehen sich die Jugendlichen von heute denn nun selbst?

In der Ausstellung möchte Huntebrinker zusammen mit einer Gruppe von 15 jungen Hannoveranern zwischen 13 und 20 Jahren, darunter auch Sarah Brach, Lina Hasberg und Tolga Nuray (siehe Porträts unten), zeigen, was es bedeutet, Teil der „heutigen Jugend“ zu sein. Ihre Fotos, die mit der Hilfe von zwei Fotografiestudenten entstanden sind, zeigen subjektive Betrachtungen einer Generation. Huntebrinkers Team machte den jungen Fotografen dabei keine thematischen Vorgaben. „Wir setzen auf Personen statt Themen.“

Auf ungeschönten Amateurfotos sieht man zwei Freundinnen beim Tischtennisspielen. Andere zeigen verwackelt eine Clique beim Essen in einer McDonald’s-Filiale. Und natürlich gehören auch Fotos vom Trinken und Tanzen im Nachtleben dazu.

Die Bilder wirken häufig wie aus einem Facebook-Album stibitzt. Doch in dem sozialen Netzwerk geht es meistens darum, sich besonders interessant zu präsentieren. In der Ausstellung spüren die Jugendlichen dagegen eher der Wahrheit über sich selbst nach. Die Nähe zu Facebook und Co. ist aber kein Zufall: „Wir haben bewusst Fotos als Medium benutzt, weil das die meisten Jugendlichen ohnehin schon aus dem Internet gewohnt sind“, sagt Huntebrinker. Darin liege auch ein medienpädagogischer Auftrag: „Während die Fotos der Jugendlichen online meist nur dem Freundeskreis zugänglich sind, holen wir sie hier in die Öffentlichkeit.“ Die Jugendlichen mussten entscheiden, wie nah ihnen der Betrachter kommen darf.

Neben den Fotostrecken zeigen die Jugendlichen je einen privaten Gegenstand. In einer Vitrine liegt zum Beispiel ein Glätteisen mit dem Hinweis „Ohne das Glätteisen kann Yasemin nicht leben“. Im Glaskasten daneben stellt die 14-jährige Esma ein Klapphandy aus und kommentiert: „Jugend ohne Handy ist heute undenkbar.“

Es sind alltägliche Gegenstände und Schnappschüsse, die, sobald sie im Museum sind, neue Sichtweisen eröffnen: Die Fahne der Toten Hosen könnte auch 1989 schon in Jugendzimmern gehangen haben. Und auch das negative Urteil über die „Jugend von heute“ ist nichts Neues. Alte Ausgaben des „Spiegels“ verdeutlichen, dass die damals recht langhaarige Jugend auch schon 1971 Sorgen bereitete. „Deutsche Jugendbewegung 71: Flucht aus der Gesellschaft“, titelte das Magazin damals entsetzt. Wie sich die entsprechenden Generationen damals tatsächlich gaben, zeigt sich in der „Galerie der Erinnerungen“. Dort werden Fotos von Jugendlichen, die zwischen 1945 und 2010 entstanden sind, ausgestellt. Auf einem Foto aus den fünfziger Jahren posiert da ein Junge für die Kamera lässig auf seinem Motorrad, in den Siebzigern tanzen Jugendliche in Schlaghosen in der Disko und in den Achtzigern lungern Punks und Skinheads am Ernst-August-Denkmal vor dem Hauptbahnhof herum. Mein Fahrzeug, mein Klub, meine Freunde: Es sind Szenen, die man heute allesamt in sozialen Netzwerken wiederfindet.

Und doch vermittelt die Ausstellung auch ein Gefühl für die großen Unterschiede zwischen den Generationen, etwa im Ausstellungsteil „Jugend in Zahlen“, in dem Jugendstudien mit Grafiken und Skulpturen illustriert werden. „Alle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die heutige Generation weniger auf Utopien baut und sich mehr Gedanken um die Sicherheit ihrer Zukunft macht“, sagt Huntebrinker. Also doch eine „pragmatische Generation“. Tatsächlich haben die meisten der an der Ausstellung teilnehmenden Jugendlichen auch schon sehr genaue Ziele, wo es nach der Schule hingehen soll: Sie wollen Lehrer, Anwälte, Architekten und Ärzte werden – eben einen sicheren Beruf mit geregeltem Einkommen. In Zeiten ökonomischer Unsicherheit eine recht erwachsene Haltung.

Eine endgültige Antwort auf die Frage nach der heutigen Jugend liefert auch die Ausstellung nicht. „Es geht uns nicht darum, ein abschließendes Fazit zu finden“, sagt Huntebrinker. „Unser Ziel ist Differenzierung.“ Die Ausstellung verdeutlicht damit vor allem eines: Die „Jugend von heute“ zu verstehen ist nicht leicht, weder 1971 noch 2012. Denn es gibt so viele „Jugenden“ von heute, wie es Jugendliche gibt. Wer also wissen will, wie die Jugend tickt, muss wohl einfach nachfragen, bei Lina, Tolga oder Sarah. Denn im Zweifel wissen sie es am besten.

Joss Doebler

Die Ausstellung „Jung sein in Hannover 2012“ im Historischen Museum Hannover, Pferdestraße 6, wird heute Abend um 19 Uhr eröffnet. Christof Stein-Schneider von Fury in the Slaughterhouse, Claudia Pahl vom Schauspiel Hannover und der Poetry-Slammer Alexander Meyer unterhalten sich über die Jugend. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung läuft bis zum 21. Oktober.

      

Zeig mir dein Gesicht - nicht!

Die Menschen auf Lina Hasbergs Fotos feiern im Freien, zeigen sich, doch ihre wahren Gesichter sind kaum zu erkennen. „Es ist schöner, wenn die Betrachter sich selbst ihren Teil dazudenken müssen“, sagt die 17-jährige Schülerin. Ihre Fotos zeigen ihre Sicht auf das jugendliche Nachtleben in Hannover.

„Wenn ich mit Freunden weggehe, dann geht es nicht darum, wo wir hingehen, sondern darum, was wir machen“, sagt sie. Bars und Klubs bräuchten sie dazu nicht. Auch im Park könne man viel Spaß haben. „Meine Bilder sind Spontanaufnahmen von solchen Abenden mit meinen Freunden“, sagt Lina lächelnd und ergänzt: „Alles echt!“ Im Sommer träfe sie sich oft draußen, um ungezwungen und in lockerer Atmosphäre zu reden und den Abend zu genießen. Und die Freiheit im Freien. Eins von Linas Fotos zeigt einen jungen Mann, der auf einer Mauer sitzt, in sein Handy vertieft. In der Hand hält er eine Zigarette, neben ihm steht eine Flasche Schnaps. Auch das gehört schließlich zum Nachtleben. Die Dunkelheit, in der sie sich so frei fühlt, hat Lina mit Schwarz-Weiß-Effekten noch verstärkt. „Dadurch wirkt es auch ein bisschen geheimnisvoll“, sagt sie. Ähnlich geheimnisvoll und verrucht ist auch ein anderes von Linas Models: Lässig sitzt eine junge Frau mit einer Zigarette in der Hand in einer U-Bahn-Station. Langes Haar verdeckt das Gesicht. Das Bild hat eine Geschichte: Wenn es abends kalt ist, gehen Lina und ihre Freunde manchmal nach unten in die Stationen, machen es sich bequem und beobachten die vorbeilaufenden Leute. „Das ist immer sehr lustig, weil es in Hannover viele außergewöhnliche Menschen gibt.“ Da lohnt sich ein Streifzug durch die Nacht.

Melissa Ebert

     

Privat bleibt privat

Sie sitzen in ihren Zimmern und sind beschäftigt: Mädchen und Jungen lesen in Zeitschriften, Büchern und am Computer. Sie sitzen abgewandt da.

Wer die Bilder von Sarah Brach betrachtet, ist ein heimlicher Beobachter in Hannovers Jugendzimmern. Wichtiger als die abgelichteten Jugendlichen scheinen dabei die Zimmer selbst zu sein. Das Jugendzimmer, das private Allerheiligste der Pubertät. Fast scheint es, als könnten die schwer beschäftigten Bewohner dieser Räume im nächsten Moment aufblicken und den Eindringling ertappen, wie er sich zwischen Hello-Kitty-Puppen und Massen von Kosmetikprodukten scheinbar unbemerkt Zugang in die Lebenswelt der Jugendlichen verschafft. Dieser Eindruck ist beabsichtigt: „Es war mir wichtig, dass die Fotos nicht gestellt aussehen“, sagt Sarah.

Die 14-Jährige möchte mit ihren Bildern nicht nur die Räume der Gleichaltrigen präsentieren, sondern auch was sie machen, wenn sie allein sind. Denn Erwachsene dächten oft, in der Generation ihrer Kinder schere sich niemand mehr um Privatsphäre und jeder veröffentliche selbst intimste Details in sozialen Netzwerken wie Facebook. Dass auch heute noch ein Unterschied zwischen „privat“ und „öffentlich“ gemacht wird, möchte Sarah mit ihren Einblicken in die Privatsphäre zeigen. „Ganz private Gegenstände wurden vor dem Fotografieren entfernt“, erzählt sie. Somit wahren sich die jungen Menschen trotz des öffentlichen Ausstellens ihrer Zimmer weiterhin ein Stück Intimität. Manche Dinge zeigt auch diese Generation eben doch nur den besten Freunden.

Theresa Kruse

      

Der Höhepunkt der Woche

Auf Werbeplakaten und in Hochglanzmagazinen zeigen sich berühmte Fußballer wie David Beckham oder Cristiano Ronaldo gerne in kämpferischen Posen. Kraftstrotzend und erfolgshungrig. Das sieht nach Sieg aus. Perfekt also, um Sportschuhe oder Deodorant zu bewerben. Nur mit der Realität hat die geschönte Welt von Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop leider nichts zu tun. Das zeigen die Fotos von Tolga Nuray.

In seinen dokumentarischen Aufnahmen liegt die Wahrheit auf dem Platz. Der 18-jährige Schüler aus Dedensen zeigt seinen typischen Sonntagnachmittag, den Wochenhöhepunkt vieler Vorstadtjungen: das Fußballspiel mit der Vereinsmannschaft. Die ganze Woche arbeiten die jungen Sportler darauf hin, doch wenn es dann endlich stattfindet, ist so ein Kreisklassen-Fußballspiel für den Zuschauer meist doch recht unspektakulär. Spannend ist es oft nur für den Beteiligten selbst. Und so sind auf Tolgas Fotos keine blitzblanken Fußballschuhe an retuschierten Athleten zu sehen.

Realitätsnah zeigen seine Fotos Szenen aus dem Alltag: In der Umkleidekabine verkündet der Trainer (von unten fotografiert wirkt er besonders imposant) die Aufstellung – und auch, wer nicht aufgestellt wird. Kein Glamour, sondern einfach nur Sport.

Ähnlich wirkt auch das Bild des Vereinsheims eines typischen Vorstadtvereins. Es wirkt trist und ein wenig einsam, aus der Zeit gefallen. Das Foto könnte auch 1970 geschossen worden sein, so wenig hat sich an diesem Motiv über die Jahre verändert. Nur die moderne Kleidung des Fußballers verrät ein jüngeres Datum. Tolgas Fotos sind nicht wirklich schön. Sie sollen es aber vielleicht auch gar nicht sein. Sie zeigen die ungeschminkte Realität auf dem Platz. Ganz ohne Photoshop.

Ansgar Nehls