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ZiSH Kopfschuss ins Herz
Hannover ZiSH Kopfschuss ins Herz
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20:35 06.04.2009
Nirvanas erfolgreichstes Album: "Nevermind". Quelle: Geffen Records

Es klingt wie ein Maschinengewehr: N-E-W-S – die vier stählernen Buchstaben aus dem Vorspann der MTV-Nachrichten unterbrechen das laufende Programm mit einer Wucht, als hätte jemand eine Schreibmaschine an einen Verstärker angeschlossen. Kurz darauf feuert News-Sprecher Kurt Loder die verbale Gewehrkugel aus dem Fernseher: Kurt Cobain ist tot.
Ich sinke in den waldgrünen Sessel, der an Fernsehabenden meinem Vater vorbehalten ist. Hilflos schaue ich durch die Spitzengardine in den Nachbargarten, wo sich ein schwarzer Riesenschnauzer in einen kinderkopfgroßen Gummiball verbeißt. Graue Wolken ziehen über den Nachmittagshimmel. Alles scheint normal an diesem 8. April 1994 – aber ich habe gerade einen Helden verloren.

Meine Zeit mit Kurt ist kurz. Weihnachten 1993: Zwischen einem grünen Wollpullover, der mir nicht passt, und belgischen Pralinen in Muschelform, die mir nicht schmecken, liegt eine CD unter der lamettabehangenen Nordmanntanne. Ein blaues Cover, auf dem ein Baby nach einer Ein-Dollar-Note am Angelhaken taucht: „Nevermind“ von Nirvana. Behutsam lege ich das Geschenk meines Bruders in den CD-Player. Die 42 Minuten und 38 Sekunden pressen mich an den Jugendzimmerschrank. Jeder Schrei Kurt Cobains, jede Basslinie Krist Novoselics, jeder Drum-Orkan Dave Grohls scheint einen Haufen bislang ungenutzter Synapsen in meinem Kopf zu aktivieren. Ich bin verwirrt, aber glücklich.

Nirvana gibt es da schon seit sechs Jahren, sie haben den Grunge – diese wütende Verbindung von Rock und Punk – populär gemacht. Auch „Nevermind“ ist zwei Jahre alt. Egal. Ich fühle Musik, zum ersten Mal. Mühsam trage ich Wissen und Werke über diesen scheinbar so traurig-wütenden Menschen Kurt Cobain zusammen. Ohne YouTube und Wikipedia ist das nicht leicht.

Langsam füllt sich mein Kopf mit seinem Leben, und ich wünsche und bastele mir Verbindungen zwischen Rockstar-Kurt und Pubertäts-Gerd: Kurt Cobain wächst in der tristen Kleinstadt Aberdeen im US-Bundesstaat Washington auf. Als er 1986 in seiner ersten Band spielt, schieße ich mit gebrauchten AdidasAberdeen“ mein erstes Tor im „Zonenrandgebiet“. Der Holzfällerort Elend ist nur wenige Kilometer entfernt. Arbeitslose Menschen in Holzfällerhemden vertreiben sich in Kurts Heimat ihre Zeit mit Motorsägenwettkämpfen. Vor meinem Zimmer dröhnt sonnabends um 7 Uhr die Motorsäge meines Vaters – gleichzeitig Wecker und Zeichen für den Arbeitseinsatz. Die Gegend um Aberdeen hat eine der höchsten Selbstmordraten in den USA. Kurz nachdem ich das lese, erhängen sich 50 Meter von unserem Haus entfernt innerhalb einer Woche Vater und Sohn, die Tochter stürzt sich wenig später von einem Hochhaus in den Tod. Kurt ist ein Außenseiter – ich wäre gern Teil einer Jugendbewegung, finde keine und schwimme mit dem langweiligen Strom.

Die Mädchen an seiner Schule mögen ihn wegen seiner tiefblauen Augen, doch Kurt bleibt für sich, übt auf einer Gitarre und sehnt sich nach dem Kulturleben der mehr als hundert Meilen entfernten Hauptstadt. „Ich will in Seattle spielen“, sagt er einmal, und weiß noch nicht, dass Seattle erst der Anfang sein wird. Es folgen die Beziehung zu Hole-Sängerin Courtney Love, die gemeinsame Tochter Frances Bean, ein Selbstmordversuch, drei Studioalben, angeblich sechs abgebrochene Drogenentzüge und bis 1994 mehr als zehn Millionen verkaufte Alben. „Ich bin viel glücklicher, als viele meinen“, sagt Kurt Cobain während der Europa-Tour 1994. Wenige Wochen später schießt er sich in seinem Haus in Seattle mit einem Gewehr in den Kopf. „Ich spüre keine Leidenschaft mehr“, steht in dem Abschiedsbrief, den der Elektriker Gary Smith neben seiner Leiche findet – drei Tage nach dem Schuss.

Leidenschaft treibt ihn an. Er zeichnet, malt, schreibt Texte und seinen ersten Song, nachdem er gerade ein paar Akkorde auf seiner Gitarre gelernt hat. Er ist gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und Frauen. Er leidet, und er schreit gegen das Leiden an.

Kurt wird schon kurz nach dem Erscheinen von „Nevermind“ als Sprachrohr der Generation X bezeichnet. Diese beschreibt Nirvana-Biograf Michael Azerrad so: „Scheidungskinder mit Kindheitsalbträumen von Atomkriegen, ihre sexuelle Blütezeit im Schatten von Aids, und sexuelle und kulturelle Repressionen unter den US-Präsidenten Reagan und Bush senior. Kurz: Sie fühlten sich hilf- und wortlos.“ Kurt lehnt die Rolle des Wortführers ab. „Ich will nicht der Sprecher von irgendjemand anders sein“, sagt er. Er sei genauso verwirrt wie die anderen Menschen. Er tauge ohnehin nicht zum Vorbild, denn „ich werde immer neurotisch genug bleiben, um irgendwas Abgedrehtes zu machen.“ In Verbindung mit einer anderen Aussage klingt das prophetisch: „Ich mag Schusswaffen“, sagt Kurt 1994 in einem Interview. Schießen sei der einzige Sport, der ihm je Spaß gemacht habe. Courtney nennt dies kurz darauf „absolute Scheiße“. Kurt habe es nie auch nur bis zum Schießstand geschafft.

Am Tag nach der Geburt von Tochter Frances Bean wollen sich die beiden erschießen. Kurt bringt eine Pistole mit ins Krankenhaus. Doch Courtney besinnt sich, und kann es Kurt – vorerst – ausreden. Eineinhalb Jahre später drückt er dann doch ab. „Bitte folge mir nicht“, schreibt er seiner Frau in einem zweiten Abschiedsbrief. Das soll wohl auch für potenzielle Nachahmer gelten. „Ich spreche nur für mich selbst“, sagt er einmal, auf die Vergötterung durch Fans angesprochen.

Meine gefühlte Verbindung zu Kurt geht weiter. Wenige Monate nach seinem Tod habe ich eine Waffe in der Hand. Florian feiert seinen 14. Geburtstag auf dem Schießstand, statt Topfschlagen fünf Schuss für jeden aus der Luftpistole. Ich bin gut, treffe dreimal in die Mitte der Pappscheibe. Danach gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen – und Wodka aus Pappbechern, als Waffen und Eltern weg sind. Es bleibt ein komisches Gefühl im Bauch, obwohl ich keinen Wodka trinke.

Als vier Jahre nach Kurts Tod mein Magen für Wochen streikt, denke ich an das Magenleiden meines Helden, das die Ärzte nie wirklich definieren können und die Kurt selbst „Cobain-Krankheit“ nennt. Er spritzt sich Heroin, seine Art der Behandlung. Ich schlucke einen Schlauch mit Kamera und dann graue Tabletten.

Heute, 15 Jahre nach der Todesnachricht, ist das „Zonenrandgebiet“ so weit von mir entfernt wie Aberdeen von Seattle. Meine Magenschmerzen sind seltener geworden. Der geifernde Riesenschnauzer hat längst ausgekläfft, die Spitzengardine dekoriert die Deponie. Ich gehe an einem Garten vorbei, in dem erste Knospen sprießen. Die Luft duftet nach frisch gemähtem Gras. Kurt schreit mir von meinem MP3-Player ins Ohr, dass er einen Ausweg sucht. Hoffentlich fand er sein Nirwana.

von Gerd Schild

Zwei Nirvana-Fans erinnern sich an den 8. April

Schweigen

Fünf Jungs, zwei Autos, eine Aprilnacht in Nürnberg – meiner Heimatstadt: Wie beinahe jeden Freitagabend war ich mit meiner Clique unterwegs. Es muss gegen 22 Uhr gewesen sein. Für die Disko also noch viel zu früh. In den Wagen liefen ausnahmsweise die Autoradios und nicht die selbst zusammengestellten Mix-Tapes, denn wir warteten auf das Fußballergebnis unseres Vereins. Den 2:0-Sieg des 1. FC Nürnberg gegen den VfB Leipzig bekamen wir allerdings kaum noch mit: Gerade hatte die Nachrichtensprecherin bekannt gegeben, dass Kurt Cobain tot in seiner Wohnung in Seattle aufgefunden worden war. Somit sei der Auftritt von Nirvana am 1. März in München das letzte Konzert in der Geschichte der Band gewesen. Wir stoppten unsere Fahrzeuge an einer Bushaltestelle und stiegen aus. „Was machen wir jetzt mit den Tickets?“, brach einer das lange Schweigen. Mit Mühe und Not hatten wir die 40 Mark teuren Karten für das Zusatzkonzertam 2. März in München ergattern können.
Die Show musste kurzfristig abgesagt werden – Cobain war krank. Ein Nachholtermin war noch nicht angesetzt. Wir fuhren nach Hause. Der Abend war gelaufen. Die Clique zerstreute sich in verschiedene (Studien-)Richtungen. Die Karten haben wir alle behalten. Sie hingen lange in unseren WG-Zimmern. Zur Erinnerung an einen merkwürdigen Freitagabend.

von Tobias Morchner

Verdrängung

Kino ist an dem Tag ausgefallen. Mit meiner Freundin saß ich am Rande eines Garagenhofs und wartete auf ihre beste Freundin. Und dann stand sie da, die Arme verschränkt und fragte: „Habt ihr schon gehört?“ Ja, nee, was denn? „Na das von Kurt Cobain!“ Was denn? „Der ist tot.“ Ich lachte. Klar, der ist tot, du spinnst doch. „Nein, wirklich, kam gerade in den Nachrichten.“ Glaub ich Dir nicht, blöder Witz. „Dann guck doch selbst.“ Statt vor der Breitbildleinwand im Kino hockten wir vor einer 30-Zentimeter-Bildröhre. Auf MTV lief bescheuerter Pop, auf Viva lief bescheuerter Pop, und ich lachte – klar, Kurt Cobain ist tot und die spielen bescheuerten Pop, als sei nichts passiert. Doch dann hämmerte aus den Boxen plötzlich der Viva-Newsflash: „Kurt Cobain ist tot.“ Ich hab's trotzdem nicht geglaubt. Abends kam es dann auch in der Tagesschau. Da dämmerte mir so langsam etwas. Die Tagesschau macht keine blöden Witze. Seltsames Gefühl. Ist ja kein Angehöriger, kein Freund, nur der Sänger irgendeiner Grunge-Band. Aber Nirvana war nicht irgendeine Grunge-Band. „Smells Like Teen Spirit“ war ein Musik gewordener ausgestreckter Mittelfinger, ein rausgerotztes „Wir haben alles, aber nichts, was uns glücklich macht.“ Jetzt war Kurt tot, und Kuschel-Grunger Eddi Vedders vermaledeites „I'm Still Alive“ klang nach diesem Tag im April nur noch wie der posthume Spott des Klassenstrebers.

von Sascha Aust