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ZiSH Gewinner Klasse 10 bis 13: Der Käse
Hannover ZiSH Gewinner Klasse 10 bis 13: Der Käse
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17:54 15.12.2014
Quelle: Kleinschmidt
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Ein bisschen nervös war sie schon irgendwie. Dabei war das Ganze doch lediglich ein ganz unverfängliches Abendessen. Bei Kerzenschein.

Er öffnete die Tür. „Schön, dass du gekommen bist.“ Er lächelte schüchtern, deutete etwas unbeholfen an, dass sie hereinkommen solle und begleitete sie in die Küche der kleinen, aber durchaus stilvoll eingerichteten Wohnung.

„Setz dich doch.“ Zuvorkommend zog er den Holzstuhl etwas vor, um ihr das Platznehmen zu erleichtern. „Das Essen ist noch nicht ganz fertig.“ Es klang entschuldigend.

„Ich bin leider etwas zu früh, ich hoffe, ich störe nicht.“ „Nein, nein, keineswegs. Das Brot dürfte jeden Augenblick fertig sein.“ Er öffnete die Tür seines Backofens, in dem ein goldbraun gebackenes Baguette auf zeitigen Verzehr förmlich zu warten schien. Er lud es auf ein längliches Holzbrett und trennte mithilfe eines Brotmessers die ersten dampfenden Scheiben vom knusprigen Laib.

Als nächstes stellte er eine feine Platte erlesener Wurstspezialitäten auf den Küchentisch, es folgten weiche Butter und Scheiben eines geräucherten, auf einem Silbertablett servierten Seelachses.

Sie musterte ihn: Er war durchaus gut gekleidet, trug ein dunkelorangefarbenes Hemd zum braunen Cordjackett und eine schlichte schwarze Stoffhose, die sich stark von seiner milchig-weißen Haut abhob. Er lächelte sie verstohlen an. „Der Käse kommt sofort“, sagte er leise.
Der Käse. Genau dieser fehlte noch um das Essen abzurunden, um den Abend zu vervollkommnen. Der Käse! Sie konnte ihn förmlich vor ihrem inneren Auge sehen: Zentriert, in der Mitte des Tisches stünde er auf einem runden schlichten Holzbrett dunkler Färbung nebst Käsemesser.

Er wäre dreieckig und wiese doch an seiner schmalsten Kante die für ihn charakteristische Wölbung auf, welche ihn als ehemaliges Achtel eines großen Ganzen kennzeichneten. Seine dunkelgelbe Oberfläche wäre rau, robust und wiese ihn als das aus, was er vorgab zu sein, ein kräftiger Franzose mit vollmundigem Aroma. Doch schützte die harte Rinde lediglich sein zartes und weiches Inneres, welches sich dem neugierigen Betrachter bis zu dem Tage der Trennung von der Mutter Laib erfolgreich verborgen hatte. Nun endlich war es dem Ästheten vergönnt, den zarten Teint mit seinem Blick zu streifen, der - anders als erwartet - nicht von Ebenmäßigkeit geprägt, sondern mit roten Punkten gesprenkelt war, die seine scharfe Note zu verantworten hatten. Gerade dieser große Kontrast zwischen Milde und feuriger Pikanterie machte für sie den besonderen Reiz dieses außergewöhnlichen Milchproduktes aus.

Sie verspürte das dringende Bedürfnis sich dem Käse zu nähern und seinen einzigartigen, würzigen  Duft einzusaugen, ihn nie mehr gehen zu lassen und ertappte sich dabei, wie sich ihre sonst gleichmäßige Atmung angesichts dieser verlockenden Aussicht zu einem zittrigen, deutlich hörbarem Schnaufen wandelte. Jetzt ließe sie ihre Nase sanft über den Käse wandern, in einem gebührlichen, respektvollen Abstand, wenngleich die anfängliche Selbstkontrolle ihrer immer stärker aufkeimenden Begierde weichen würde - bis sie schließlich unter ihrer Nasenspitze die leichte Riffelung der Rinde spürte. Daraufhin besänne sie sich jedoch erneut und entfernte ihre Nase rasch von dem wohlriechenden Lebensmittel und besähe es erneut. Sie griffe zu dem scharfen, silbrig glänzenden Käsemesser und trennte, während sich ihre Fingernägel in die sanft nachgebende Rinde bohrten, eine hauchzarte Käsescheibe von dem übrig gebliebenen Laib. Andächtig blickte sie nahezu durchsichtige Scheibe an, striche fast zärtlich über die rotgepunktete Fläche, schlösse ihre Augen und schnupperte erneut. Hierauf leitete sie die finale Phase der Erkundung des Lebensmittels ein, indem sie langsam ihre Zunge über die glatte Oberfläche gleiten ließe und mit ihren milchig-weißen Zähnen ein kleines Stückchen davon abbisse, lutschte und auf der Zunge zergehen ließe, in der sicheren Gewissheit, dass ihr Traum von einer vollkommenen, ausgereiften Idee eines Käse – nein, des Käses - in diesem Augenblick Wirklichkeit würde.

„Bist du noch da?“ Er musterte sie etwas besorgt. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja, ja, ich war nur kurz in Gedanken versunken. Nichts von Bedeutung.“

„Dann ist ja gut. Ich wollte dir nur den Käse präsentieren.“
Ein Gefühl freudiger Erregung durchzuckte ihren Körper. Sie blickte in sein milchig-weißes Gesicht auf dem sich bei genauerem Hinsehen einige rötliche Pickel offenbarten und erinnerte sich genau an Form, Geschmack, Geruch und das Empfinden, das der Käse in ihr ausgelöst hatte. Gleich würde es soweit sein.

Er stellte ein rundes, billiges Plastikgefäß mit einem bunten Druck und dem Namen einer Discount-Kette auf den Tisch, in dem sich eine nicht näher definierbare, formlose, orangefarbene Masse, die mit grünen Punkten, die zu ihren besseren Zeiten wohl einmal Kräuter dargestellt hatten, durchsetzt war. Der Käse?

Er strahlte über das ganze Gesicht. „Chili-Paprika-Frischkäse. Laktosefrei.“ Sie blickte ihn fassungslos an, wand sich ab, starrte schließlich verlegen auf den Tisch. Der Käse. Er hatte alle seine herausragenden, besonderen, ja einzigartigen Eigenschaften verloren und war zu einer austauschbaren, widerwärtigen und profillosen Masse verkommen.

„Gefällt dir der Abend?“ „Ich glaube ich muss los. Tut mir leid.“ Ihr Blick war voller Enttäuschung, als sie sich von ihrem Stuhl erhob, ihn ein letztes Mal ansah und hastigen Schrittes die Haustür ansteuerte.

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