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ZiSH Kurzschluss statt Abschluss
Hannover ZiSH Kurzschluss statt Abschluss
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15:51 17.01.2014
Die Bachelorarbeit bringt Studenten häufig zum Verzweifeln. Quelle: Kleinschmidt
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Hannover

Der Cursor blinkt auf dem Bildschirm. Immer und immer wieder. Es ist fast eine Mahnung, wie eine Uhr, die abläuft: Ich muss die leeren Seiten des Word-Dokuments füllen – und zwar schnell. Denn der Abgabetermin für meine Bachelorarbeit in Politikwissenschaft rückt immer näher. Das Problem: Ich habe noch nicht mal ein Thema. Stundenlang habe ich in den letzten zwei Wochen Bücher in der Bibliothek gewälzt, alte Powerpoint-Präsentationen aus den Seminaren hervorgekramt und Kommilitonen ausgequetscht, um endlich eine Idee zu bekommen, in welche Richtung die Abschlussarbeit gehen könnte. Mehr als ein paar zusammenhanglose Stichworte auf einem Schmierzettel habe ich nicht. Die Zeit rennt und der Cursor blinkt noch immer. Langsam macht sich Panik breit.

Zugegeben, ich bin neidisch auf eine Freundin. Auch sie sitzt an ihrem Schreibtisch und arbeitet auf ihren Bachelor hin. Um die Themenfindung braucht sie sich nicht zu sorgen. Sie studiert Mathematik. Und muss lediglich ein Seminar mit dem Thema belegen, über das sie ihre Arbeit schreiben möchte. Der Mathe-Dozent legt dann fertige Themen vor. Davon sucht sie sich eins aus, bekommt eine Aufgabe und muss nur noch einen kurzen mündlichen Vortrag ausarbeiten. Während ich in den Regalen der Bibliothek gestresst ein Thema suche, beginnt sie bereits ihre Einleitung zu formulieren.

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Doch auch bei der Mathe-Studentin macht sich Frust breit: Etwas Neues zur Forschung beizutragen wird von ihr nicht erwartet. „Das kommt frühestens in der Doktorarbeit“, meint ihr Professor. Jetzt soll sie erst einmal den Inhalt eines Fachbuches wiedergeben. Wie langweilig. Soll sie nicht doch einen eigenen Beitrag zur Wissenschaft leisten? Nicht wenigstens einen kleinen? Stattdessen muss sie die Erkenntnisse von anderen wiedergeben – von richtigen Wissenschaftlern. Sie muss lediglich ein paar eigene Beispielen erarbeiten und Sätze umformulieren. Wer in Mathematik neue Forschungsergebnisse präsentiert, könnte sich schon fast auf eine Stufe mit Pythagoras und Gauß stellen. Das bleibt für sie in nächster Zeit unerreichbar. Darunter leidet die Motivation.

Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise haben wir das gleiche Ziel: Wir beide später Lehrer werden. Und dafür brauchen wir erst mal den Bachelorabschluss. Die Anforderungen dafür sind sehr unterschiedlich: Jedes Institut der Uni hat eigene Vorgaben für die Bachelorarbeit. Ob 30 oder 40 Seiten Umfang, sechs oder acht Wochen Bearbeitungszeit oder ob zusätzlich eine mündliche Prüfung abgelegt werden muss, unterscheidet sich von Fach zu Fach. Am Ende fällt die Arbeit dann mit nur zehn von insgesamt 180 zu erbringenden Leistungspunkten nicht übermäßig stark ins Gewicht. Und trotzdem: Der erste akademische Abschluss soll mit einer guten Note gekrönt werden.

Dadurch setzte ich mich selbst zusätzlich unter Druck. Immerhin konnte ich das Thema schon etwas eingrenzen: Das Parteiensystem in Deutschland soll es werden – dazu habe ich immerhin mal ein Seminar belegt. Nur leider ist das Thema viel zu groß, um es auf läppischen 40 Seiten zu analysieren. Eine konkrete Fragestellung muss her. Mein Dozent ist leider auch keine große Hilfe: „Versuchen Sie doch, ihr Thema mit einem kleinen Text einzugrenzen. Dann merken Sie, was funktioniert und was nicht.“ Na toll. Das ist leichter gesagt, als getan. Auch die Prüfungsordnung hilft mir nicht weiter: Dort stehen nur Formalien zur Bearbeitungszeit und Umfang meiner Arbeit. Natürlich soll sie selbstständig verfasst sein – ohne Abschreiben. Das war mir Dank Karl-Theodor zu Guttenberg auch schon vorher klar.

Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird meine Panik. In der Mensa reden die Kommilitonen davon, wie weit sie schon sind. „Ach, das war ganz einfach“, höre ich sie über die Themenfindung sagen. Ich will nicht blöd da stehen. Nachdem ich meine Gliederung dreimal überarbeitet habe, kann ich mit dem Schreiben beginnen. Endlich. Meine Freundin ist mit ihrer Arbeit in Mathe schon weiter. Sie hat sich damit abgefunden hat, nicht für den Nobelpreis nominiert zu werden, wo sie doch nur Fachliteratur zusammenfasst.

Ich pendle jetzt zwischen Schreibtisch und Bibliothek. Nach fünf Tagen kenne ich den Bibliothekskatalog auswendig. Mir läuft die Zeit davon: Immer wieder muss ich feststellen, dass die Bücher doch nicht das halten, was die Überschriften im Inhaltsverzeichnis versprechen. Andere hilfreiche Literatur ist natürlich ausgeliehen. Bis sie wieder verfügbar ist, sind zwei wertvolle Wochen verstrichen und auch bei der Fernleihe heißt es: Warten.

Meine Freundin ist überpünktlich: Sie hat ihre Abschlussarbeit ganze zwei Wochen vor der Deadline abgegeben. Sie hat es geschafft und wartet auf ihre Note. Ich überlege zu diesem Zeitpunkt, ob ich meine bisherigen zehn Seiten noch einmal lösche. Und von vorne anfange. Währenddessenblinkt der Curser warnend im Sekundentakt.

Zish

Der Weg zum Abschlusszeugnis

Nach sechs Semestern Regelstudienzeit und unzähligen Seminaren, Klausuren und Hausarbeiten muss ein Student nur noch eine Hürde überwinden, um den ersten Uni-Abschluss zu bekommen: die Bachelorarbeit.

Eine Abschlussarbeit hat je nach Hochschule und Vorgaben des Fachbereichs 30 bis 50 Seiten Umfang und muss meist innerhalb von sechs bis acht Wochen erarbeitet werden. In der Zeit müssen Studenten ein Thema finden, Fachliteratur recherchieren, eine Gliederung erarbeiten und dann die Arbeit verfassen. Manchmal muss die Arbeit dann in einer mündlichen Prüfung verteidigt werden. Für die Bachelorarbeit bekommt man neben der Note sechs bis zwölf von insgesamt 180 Leistungspunkten.

2012 haben in Deutschland 183 200 Studenten ihren Bachelor abgeschlossen. Allein an der Leibniz-Uni waren es rund 1260 Studierende.

Von Isabell Rollenhagen

Nachgefragt

David Kreitz ist Schreibtrainer am Zentrum für 
Schlüsselkompetenzen der Leibniz Uni Hannover

Warum ist die Bachelorarbeit für so viele Studierende ein Problem?

In vielen Fächern ist die Bachelorarbeit die erste richtige wissenschaftliche Arbeit. Oft werden in den Natur-, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften die Themen vorgegeben. Den Studenten fällt es meiner Erfahrung nach schwer, etwas zu Papier zu bringen, das über einen Laborbericht oder ein Protokoll hinausgeht. Geisteswissenschaftler haben schon kürzere Hausarbeiten geschrieben, aber eben keine Bachelorarbeit. Ihnen fällt es schwer, das Thema einzugrenzen.

Wie findet man überhaupt ein Thema?

Wenn es einem angeboten wird, hat man’s leicht! Ansonsten sollte man sich überlegen: Was hat mich in meinem Studium bisher interessiert? Was fiel mir leicht? Da sitzen nämlich die Erfolgserlebnisse.

Und wenn ich noch gar nichts gefunden habe, was mich so richtig interessiert?

Dann sollte man sich angucken, womit man sich bisher am meisten beschäftigt hat. Oder sich einen Bereich suchen, wo man von sich selber behaupten würde, Vorwissen zu haben.

Welche Themen sind zum Scheitern verurteilt?

Themen, die zu groß sind, können nicht funktionieren. Man kann nicht über „Die Lyrik Goethes“ schreiben. Man kann aber über „Die Lyrik Goethes von bis unter Berücksichtigung des Motiv X“ schreiben.

Was ist die klügste Herangehensweise an eine Abschlussarbeit?

Es gibt kein Patentrezept. Man sollte sich auf jeden Fall frühzeitig einen Zeitplan zurechtlegen. Sinnvoll ist ein ordentlicher Zeitpuffer, zum Überarbeiten am Schluss. Für das Schreiben der Bachelorarbeit hat man nach der Anmeldung nur ein paar Wochen Zeit. Die Themenfindung, die Literaturrecherche, das Entwickeln der Fragestellung und der Gliederung sollten davor liegen. Und ein guter Betreuer ist wichtig. Man sollte gucken, wer zu dem Thema passt.

Wie merke ich, dass ich mich verzettele?

Es gibt verschiedene Schreibtypen: Die Drauf-los-Schreiber, die sich verzetteln, weil ihnen der rote Faden fehlt – die müssen ihren Stoff gliedern. Und die Durchplaner, die im Kopf die ganze Arbeit entworfen haben und deswegen keine Lust mehr haben, sie zu schreiben. Die sollten sich an ihrer Gliederung entlang hangeln und Punkt für Punkt ins Schreiben kommen. Es ist generell sinnvoll, herauszufinden, welche Schreibstrategien bei einem selbst gut funktionieren.

Wie motiviere ich mich?

Den einen hilft es, sich ihr Ziel klarzumachen: Den Abschluss. Andere motivieren sich über das Interesse am Thema. Es ist sinnvoll, sich täglich an seine Arbeit zu setzen und kleine Arbeitspakete zu schnüren, die man wegschaffen kann. Das bringt dann Schwung für den nächsten Tag. Und am Wochenende kann man ja auch frei machen, von mir aus.

Und wer hilft mir, wenn ich nicht weiterkomme?

Wir bieten hier individuelle Schreibberatung und Workshops an, von der Idee bis zur Abgabe. Unser Angebot ist leider beschränkt auf Studierende der Leibniz-Uni. Allen anderen rate ich: Das persönliche Hilfsnetzwerk nutzen! Oder mal Studierende aus höheren Semestern fragen.

Interview: Antonia Marker

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