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ZiSH Mit 45 Sachen in die Zukunft
Hannover ZiSH Mit 45 Sachen in die Zukunft
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07:45 06.09.2011
Mit seinem geliehenen E-Roller ist Joss Doebler zwar nicht der Schnellste auf der Straße, dafür kommt er für einen Euro 100 Kilometer weit. Quelle: Simon Peters

Die Zukunft ist leise. Sehr leise. So leise, dass es fast unheimlich ist. Das unscheinbare Summen des Getriebes wirkt, als wäre es nur Einbildung – und nicht das Geräusch eines Rollers. Nur das leise Rauschen des Fahrtwinds an meinem Motorradhelm erinnert daran, dass ich mich bewege. So klingt Umweltverträglichkeit. So klingt Emissionsfreiheit. So klingt Zukunft. Doch so fortschrittlich das Summen auch sein mag: Es macht mich nervös. Also breche ich regelmäßig die Stille und summe jene Lieder in den Kieferschutz meines Helms, die ich im Auto über den CD-Player hören würde.

Zehn Wochen lang soll ich zur Avantgarde des naturfreundlichen Straßenverkehrs gehören und in einem enercity-Projekt den Roller der Zukunft testen: Er fährt mit Strom, komplett benzinfrei. Die Umwelt dankt es mir, doch ich vermisse das Motorengeräusch.

Auf dem motorisierten Zweirad bin ich blutiger Anfänger. Nur ein einziges Mal bin ich auf der Schwalbe meines Mitbewohners, einem DDR-Mokick mit Kultstatus, mitgefahren und hatte bei 60 Stundenkilometern auf der Bahnüberführung in Wunstorf bereits mit meinem Leben abgeschlossen. Nun muss ich wenigstens nicht mehr hinten sitzen.

Die Bedienung des Elektrorollers ist kinderleicht. Es gibt keine Gangschaltung und keine Kupplung. Ich muss nur am Gasgriff drehen, um die Kiste in Schwung zu bringen. Die übrigen Bedienelemente sind überschaubar und intuitiv. Das eingeschränkte Sichtfeld durch das Helmvisier ist für mich allerdings eine Herausforderung – ganz zu schweigen von dem Fahrgefühl auf dem Zweirad. Überkommt einen Autofahrer bei einer gedrosselten Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometer das große Gähnen, rauscht mir das Adrenalin durch die Adern. Einmal glaube ich im Glücksgefühl, das Tempo ausgereizt zu haben. Der Blick auf den Tacho verrät mir: 27 Kilometer pro Stunde.

Auf den Straßen meines kleinen Nests Wunstorf gewöhne ich mich schnell an das neue Gefährt. Wege, die ich sonst zu Fuß oder mit dem Bus erledigt hätte, kann ich nun ohne jegliche Bedenken und Bindungen an Fahrplanzeiten auf zwei Rädern zurücklegen. Ich spare mir das schweißtreibende Hetzen zur Bushaltestelle und den zeitraubenden Gang zum nächsten Supermarkt. Habe ich mal wieder die Milch vergessen, freue ich mich über eine weitere Gelegenheit, noch mal loszufahren. Dabei muss ich nicht mal ein schlechtes Gewissen wegen mangelndem Umweltbewusstsein haben – vorausgesetzt, ich habe vorher Ökostrom getankt.

Dafür muss ich das hämische Grinsen der Fußgänger über mich ergehen lassen, wenn ich vor einer roten Ampel halte. Sie denken, ich hätte meine Maschine abgewürgt. Umso verdutzter sind sie, wenn die Ampel auf Grün springt und ich geräuschlos davonsause. Halten andere Roller- und Motorradfahrer neben mir, mustern sie mich und mein Fahrzeug misstrauisch. Ich lerne: Ökovorreiter brauchen ein dickes Fell.

Doch so nützlich der Roller in der Stadt auch sein mag, für das Land ist die Innovation noch nicht ausgereift. Eine komplett aufgeladene Batterie transportiert mich etwa 60 Kilometer weit. Habe ich noch einen Mitfahrer dabei oder spiele ich Packesel, kann es auch deutlich weniger sein. Ohne eine ausgeklügelte Streckenplanung und rechtzeitige Ladestopps läuft man Gefahr, zwischen den Dörfern liegen zu bleiben – oder nur mit letzter Kraft sein Ziel zu erreichen.

Doch auch mit vollem Akku ist mein Fahrzeug nur bedingt für Landstraßen geeignet. Immerhin fahren meine vierrädrigen Kollegen 100 statt 45 Stundenkilometer. Immer wieder bilden sich hinter mir Schlangen von genervten Autofahrern, die auf ihre Überholchance lauern. Das Wort „Vorreiter“ bekommt für mich eine neue Bedeutung. Ich komme mir vor wie ein einziges großes Verkehrshindernis. Ich bin die Baustelle, die einen nicht viel schneller als 40 Stundenkilometer fahren lässt. Ich bin die Schranke, die den Feierabend hinauszögert. Ich bin die Panne, die das Abendessen verzögert.

Nach einem Besuch bei meinen Eltern im etwa 20 Kilometer entfernten Neustadt möchte ich zum Hagenburger Steg am Ufer des Steinhuder Meers, einem seit Jahren festen Treffpunkt in meinem Freundeskreis. Log mich die volle Batterieanzeige bei Ankunft in Neustadt noch an, zeigt sie mir bei der Abfahrt die traurige Wahrheit: Von acht Balken sind bereits drei aufgebraucht. Bei der Roller-Einführung habe ich gelernt, dass die ersten beiden Balken am längsten brauchen, bis sie verschwinden. Danach geht es rapide bergab. Als sich auf halber Strecke nach dem vierten auch der fünfte Balken verabschiedet, beschließe ich, zu einer Notladung nach Hause zu fahren. Mit 20 Stundenkilometer erreiche ich die Haustür gerade so eben. Je schwächer die Batterie wird, desto langsamer fährt der Roller.

Langsames Fahren hin oder her. Die stetig steigenden Benzinpreise sind meinem Portemonnaie egal. Auf 100 Kilometern verbrauche ich eine Stromladung von umgerechnet knapp einem Euro. Das gesparte Benzingeld investiere ich meist in Vanille-Cola und überteuertes Eis von Ben & Jerry’s. Den Strom für den Roller zapfe ich zunächst aus einer haushaltsüblichen Steckdose im Treppenhaus. Meine Nachbarn sind davon nicht begeistert. Doch meine Wohnung liegt im zweiten Stock, so weit reicht das Kabel nicht. Glücklicherweise besitze ich einen Kellerraum mit Fenster und Steckdose.

Für das Laden braucht man Geduld. Viel Geduld. Ich setze mich mit einem Buch auf die Treppenstufen vor unserem Haus. Endlich komme ich dazu „América“ von T. C. Boyle weiterzulesen – ein Roman, den ich schon seit einer Woche nicht mehr in der Hand hatte. Mir fehlte die nötige Ruhe, um mich auf den mexikanischen Mikrokosmos mit Cándido und seiner Frau zu konzentrieren. Die habe ich jetzt, während mein Roller an der Steckdose hängt. In der abgasfreien Zukunft sind die Menschen vermutlich viel gelassener – und belesener.

Wie sich herausstellt, ist die Batterie bei meinem Modell schon nach kurzem Laden fast komplett gefüllt – aber nur auf der Anzeige. Das macht es schwierig abzuschätzen, wie weit mich der Roller noch trägt. Für mich und meinen weit zerstreuten Freundeskreis denkbar unpraktisch. Des Öfteren strande ich auf Wunstorfs Dörfern. Die Tankstellen dort sind keine Hilfe. Es gibt keine Steckdosen auf dem Außengelände. Für die elektrische Revolution sind sie noch nicht gerüstet.

In meinem Freundeskreis finde ich aber immer eine helfende Hand – oder wenigstens eine freie Steckdose. Das hat Vorzüge, die mir eine Tankstelle nicht bietet: Einmal sitze ich um 1 Uhr nachts mit einer Hagenburger Freundin und ihrer Schwester in der Küche und unterhalte mich über Literatur und Buchverfilmungen, während mein Roller in der Garage zu neuen Kräften kommt. Ein anderes Mal trinke ich mit einer Facebook-Freundin Kaffee in ihrer Erdgeschosswohnung auf der Limmerstraße und erfahre neue Geschichten aus Hannovers Nachtleben. Ich bin mir sicher: Die Technologie der Zukunft bringt die Menschen wieder näher zusammen. Oder zumindest sorgt sie dafür, seine Freunde aus dem Internet auch persönlich besser kennenzulernen.

Eines Abends erfahre ich von einer spontanen Party in der Wohnwelt, einem Kultur- und Kommunikationszentrum am Wunstorfer Bahnhof. Ich wittere meine Chance, mein neues Gefährt vorzustellen – und bewundernde Blicke auf mich zu ziehen. Ich fahre die zwei Minuten bis zum Bahnhof. Dort angekommen, beäugen meine Freunde und Bekannten das Umweltwunder. Sie suchen erfolglos nach einem Auspuff, staunen über den stillschweigenden Motor – und befinden den Roller für potthässlich. Verübeln kann ich es ihnen nicht. Das weiße Plastik-Chassis wirkt in seiner Form gezwungen aerodynamisch und ist zugepflastert mit Werbung und Schriftzügen. Aber ist das bei dem enormen Potenzial, das darunter steckt, nicht nebensächlich?

Mit anderen spaße ich herum. Darüber, dass ich die Technologie der Zukunft teste. Darüber, dass ich Teil einer historischen Entwicklung bin. Darüber, dass ich nicht länger Teil des Problems, sondern endlich Teil der Lösung bin. Wir sonnen uns in ironischer Arroganz.

Ein jähes Ende findet mein Schnupperkurs in künftiger Technologie an einem sonnigen Sonnabend. Zusammen mit meinem Mitbewohner bin ich auf dem Weg nach Steinhude. Rund drei Kilometer vor unserem Ziel fahren wir eine Tankstelle an. Mein Mitbewohner muss seine Schwalbe tanken. Ich parke neben ihm, stelle den Motor aus und kaufe mir einen Energy-Drink. Als ich zurückkomme und den Schlüssel im Zündschloss drehe, streikt der Roller. Nicht mal die Anzeige leuchtet auf. Wir improvisieren und quetschen uns uns zu zweit auf die Schwalbe. Den E-Roller schiebe ich am Abend quer durch den Ort zu einer Freundin. Drei Kilometer werden zu einer gefühlten Ewigkeit: Es zieht in meinen Waden und meine Arme tun mir weh. Dank der Batterie ist der Roller etwa dreimal so schwer wie ein vergleichbares Modell mit Benzinmotor.

Ein paar Tage später lasse ich den Roller abschleppen. Drei Wochen vergehen und mein geliehenes Gefährt hat die Werkstatt immer noch nicht verlassen: Die Lieferung der Ersatzteile dauert noch. Das ist eben die Schattenseite von Prototypen. Sie geben uns einen Einblick in künftige Technologien, machen Vorfreude auf das, was kommt, und beweisen uns vor allem eines: Die Zukunft kommt langsam.