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ZiSH Politik zwischen Tür und Angel
Hannover ZiSH Politik zwischen Tür und Angel
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15:25 14.04.2009
Hier wird Politik gemacht: Das Europaparlament in Brüssel. Quelle: Manuel Becker

Große Politik auf rund 15 Quadratmetern. So klein ist das Büro von Daniel Caspary im 15. Stock des Europaparlaments in Brüssel. Caspary sitzt an seinem ovalen Schreibtisch den Blick auf den Computer gerichtet, wo der Terminkalender mehrere Termine gleichzeitig in unterschiedlichen Farben anzeigt. Hinter dem Europaabgeordneten der CDU hängt die Baden-Württembergische Landesfahne schlaff nach unten, vor ihm steht die einzige Grünpflanze im Raum, an der Wand hängen Bilder von seiner Frau und dem zwei Jahre alten Sohn.

Seit acht Uhr ist Caspary auf den Beinen. Schnelles Frühstück, 500 Meter zu Fuß von der kleinen Zweizimmerwohnung ins Büro und kurzes Zeitunglesen „um zu gucken, was zu Hause los ist“.
Der Nordbadener ist ein Exot unter den Abgeordneten. Mit 33 Jahren ist er einer der Jüngsten im Europaparlament. Nur 40 der 785 Abgeordneten aus 27 Ländern sind jünger als 40. „Das Alter spielt für mich keine Rolle“, sagt Caspary. „Man versucht sich durch seine Arbeit zu profilieren, ohne das Alter herauszustellen“.

Mit 28 kam er nach Brüssel. „Bis dahin hatte ich mit Europa nicht viel zu tun. Das war alles weit weg“, sagt der dunkelblonde Mann im hellblauen Hemd. Auch für die meisten deutschen Jugendlichen hält sich das Interesse für Europapolitik in Grenzen. Bei der Europawahl 2004 erreichte die Wahlbeteiligung junger Leute mit 33 Prozent ein historisches Tief.

Daniel Caspary kam aus ganz eigennützigem Interesse zur Politik. Am Wochenende fuhr der letzte Bus aus Karlsruhe zurück ins kleine Stutensee um 21.23 Uhr. „Im Sommer war das egal, da konnte man auch mit einem Bier gemütlich nach Hause radeln. Aber im Winter, wenn es kalt und dunkel war …?“ Caspary war an seinem Gymnasium Schülersprecher und setzte sich beim Gemeinderat für Nachtbusse ein. Die Junge Union, der CDU-Nachwuchs, unterstützte ihn. Sie setzten einen Nachtbus durch, der um 1 Uhr abfuhr. „So bin ich zur Politik gekommen“, sagt Caspary, der 1999 Stadtrat in Stutensee und 2001 Bezirksvorsitzender der Jungen Union Nordbaden wurde.

Politiker zu werden kam für den Abiturienten aber nicht in Frage. „Das war ein Hobby“, sagt er, der technische Volkswirtschaftslehre studierte, anschließend bei einer Bank und später bei einem Energiekonzern arbeitete.
Das Telefon klingelt. Caspary geht ran: „Schick mir einfach schnell ein Dokument“, sagt er knapp. Ich brauche etwas in der Hand.“ Kaum ist der Hörer aufgelegt, geht es zur Fraktionssitzung seiner Partei, der Europäischen Volkspartei und europäischen Demokraten (EVP-ED). Mit schnellen Schritten eilt er zum Fahrstuhl, dann durch lange, geschwungene Flure und Rolltreppen der riesigen Gebäude.

288 Abgeordnete der Partei passen in den großen Fraktionssaal. Jetzt verlieren sich nur 20 Abgeordnete im weiten Rund. „Man geht nur zu Themen, für die man verantwortlich ist oder die einen interessieren“, sagt Caspary. Sonst könne man von morgens bis abends Zeit in Sitzungen verbringen, ohne etwas zu schaffen.

Das Europaparlament vertritt die Interessen von rund 500 Millionen Europäern. Casparys ist von 785 Abgeordneten der Hauptverantwortliche für die Beziehung der EU zu Turkmenistan. Berichterstatter nennt sich das. „Ich bin der, der sagt, wo es langgeht“, sagt Caspary selbstbewusst. Zum zentralasiatischen Nachbarland vom Iran und Afghanistan hatte die EU 20 Jahre lang fast keinen Kontakt. Das Land hat den Ruf eines Schurkenstaates, in dem die Todesstrafe erst im Jahr 2000 abgeschafft wurde und diktatorische Machtverhältnisse herrschen. „Die Menschenrechtslage ist schwierig“, sagt Caspary.

In Deutschland weiß kaum jemand, wo Turkmenistan überhaupt liegt, dass das Land deutlich größer ist als Deutschland, aber zu 80 Prozent aus Wüste besteht, um die herum gerade mal 5 Millionen Menschen, davon 80 Prozent Muslime, leben.

Caspary muss stellvertretend für das EU-Parlament eine Lösung zum Umgang mit Turkmenistan ausarbeiten. Soll die EU das Land weiter ignorieren oder Kontakt aufnehmen?

Auch Caspary musste sich erst einlesen, recherchieren und sich von Experten aus Wirtschaft oder Universitäten, beraten lassen. Aus diesen Informationen und den eigenen Wertvorstellungen entsteht sein Plan: „Ich will eine vorsichtige wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Land“, sagt der 33-Jährige im Politikerjargon, während er über seine rahmenlose Brille guckt. Turkmenistan hat große Gasvorkommen, die auch für die EU wichtig sind.

Jetzt muss der junge Politiker die Mehrheit der Abgeordneten von seinen Plänen, wieder Kontakt zu Turkmenistan aufzunehmen, überzeugen. Und das läuft anders als in Berlin, wo klar ist, wer mit wem zusammenarbeitet, wie die Mehrheiten verteilt sind. „Mal einigt man sich mit den Liberalen oder mit den Sozialisten, mal mit den Grünen“, sagt Caspary. „Ein Wettstreit der Ideen, nicht der Parteien.“ Und da läuft viel außerhalb der Sitzungen und Ausschüsse. Politik wird auch auf Fluren, am Telefon oder auf abendlichen Empfängen gemacht – zwischen Tür und Angel. „Man braucht ein gutes Netzwerk“, sagt Caspary, der bis zur Abstimmung wissen will, ob eine Mehrheit seiner Absichtserklärung zu Turkmenistan zustimmt.

Zunächst muss er bei der eigenen Fraktion einen Zwischenbericht abgeben. Die Sitzung hat schon angefangen. Schnell setzt sich Caspary auf seinen Platz. Nach Diskussionen zum Schutz der Arktis, unterschiedlichen Abkommen und Änderungsanträgen, gibt Caspary, der Englisch und Französisch spricht, einen kurzen Zwischenstand. „Ich bin zuversichtlich, dass eine Mehrheit zustande kommt“, sagt er auf Englisch. Parallel werden seine Worte von Dolmetschern in Glaskabinen, die in zwei Etagen um den Saal herumreichen, in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Mit 28 Jahren saß Caspary zum ersten Mal im Fraktionssaal. Zwischen vielen alten Herren, die meisten doppelt so alt wie er. Während Gleichaltrige die letzten Semester an der Uni genießen, machte Caspary Politik. Nach Brüssel ging er, weil es aus der Partei irgendwann hieß: Einer von den Jungen soll nach Europa! Als sich keiner fand sprach man ihn an. „Da heißt es: spring oder bleib“, sagt Caspary. Er sprang. „Das war einfach eine einmalige Gelegenheit.“

Trotzdem hatte er auch Zweifel, fragte sich, „ob das die richtige Entscheidung war und ob ich das wirklich hinkriege“.
Zeit zum Mittagessen bleibt selten. Stattdessen gibt es ein schnelles Sandwich. Freizeit hat Daniel Caspary kaum. Wenigstens einmal in der Woche laufen gehen hat er sich als Luxus vorgenommen – träumt von einem Halbmarathon. Es ist ein Leben zwischen der nordbadischen Heimat, Brüssel und Straßburg, wo das EU-Parlament zwölfmal im Jahr ebenfalls tagt. Caspary versucht sich wenigstens eineinhalb Tage am Wochenende freizuschaufeln. Dann verbringt er Zeit mit der Familie oder genießt es, „in Ruhe zu frühstücken“.

Wenn er sich mit Freunden verabreden will, macht er mit ihnen Termine – sechs Wochen im Voraus. „Das war für sie eine Umstellung“, sagt Caspary der froh ist, dass seine Freunde mit Politik nichts am Hut haben. Es fällt ihm manchmal schwer, so wenig Zeit zu haben. „Aber das ist der Preis, den man zahlen muss.“

Nach der Fraktionssitzung wird es hektisch: Schnell zur Sitzung der Liberalen. Dort hat Caspary den Kontakt zu einer Abgeordneten, die ihre Partei von seinen Plänen überzeugen könnte. Über einen Türsteher lässt er seine Kontaktperson holen. Auf dem Flur werden kurz Meinungen ausgetauscht, das Dokument mit seinen Entwürfen, das seine Assistentin ihm noch schnell gebracht hat, weitergereicht. Dann heißt es hoffen, dass Casparys Pläne bei den Liberalen auf Zustimmung stoßen.

Vor dem Fraktionssaal eine neue Wendung: Ein Abgeordneter der SPD lässt durchblicken, dass die Sozialisten vielleicht doch nicht abgeneigt gegenüber seinen Plänen sind. „Ein Kuhhandel auf den letzten Metern“, sagt Caspary, der schon wieder zur nächsten Sitzung eilt. Am Donnerstag sollen die 785 Abgeordneten über seine Absichtserklärung abstimmen.

Neben Europapolitik hat Caspary dann doch Zeit zum Durchatmen. Der Politiker tauscht Anzug- gegen Jogginghose und Hemd und Krawatte gegen T-Shirt und schlüpft in seine Laufschuhe, die sonst im Regal unter einer Ablage mit der Aufschrift „Palästina“ im Büroschrank stehen. Zwischen den anzugtragenden Politikern verlässt er das Gebäude. Eine Stunde Auszeit, bevor es für Caspary bis zum späten Abend wieder um politische Themen geht.