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ZiSH Rapper Money Boy im ZiSH-Interview
Hannover ZiSH Rapper Money Boy im ZiSH-Interview
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18:36 06.05.2011
Besuch aus Wien: Rapper Money Boy "dreht den Swag auf". Quelle: Handout

Sex, Geld und schnelle Autos. Das sind die Themen, über die Sebastian Meisinger singt, wenn er in Regenbogenfarben gekleidet auf einem Segway durch Wien fährt, vor einem Ferrari-Autohaus oder auf einem Kinderspielplatz herumhängt. Nicht nur die zu großen Klamotten aus der Hip-Hop-Klischeekiste sitzen nicht, sondern auch jeder zweite Ton. Money Boys Videos wie „Dreh’ den Swag auf“ und „Boy, der am Block chillt“ werden belächelt, aber auch in digitalen Netzwerken von Pinnwand zu Pinnwand geschickt. Stolze zehn Millionen Klicks hat allein „Dreh’ den Swag auf“. Inzwischen lebt der Rapper von seinem mehr als dürftigen musikalischen Talent und von seinem großen Selbstbewusstsein. Er hat, so sagt er selbst, eben einfach „den Swag“.

Money Boy, was bedeutet Swag?
Im Englischen gibt es das Wort „Swagger“. Das bedeutet „stolzieren“ oder „erhabenes Entlangschreiten“. Für mich ist Swag vor allem Lifestyle. Der Slang, Kleidung, Dinge, die ich konsumiere. Die Leute sollen es fühlen. Einfach Swag.

„Dreh’ den Swag auf“ ist an den Song „Turn My Swag On“ von US-Rapper Soulja Boy angelehnt, dessen Debüt mit einer Mischung aus Rap und Mainstream-Diskosound in den USA Platin holte. Verdankst du Soulja Boy den Durchbruch?
„Dreh’ den Swag auf“ war nicht der erste Song, durch den ich Aufmerksamkeit bekommen habe, das war „Ching, Chang, Chung“. Dadurch hatte ich schon viele Fans im Internet, als ich „Dreh’ den Swag auf“ gemacht habe. Ohne die Vorarbeit wäre das Video vielleicht nur von ein paar Hundert Leuten gesehen worden. Es ist egal, wie gut ein Clip ist, viel Vorarbeit und auch Glück gehören immer dazu.

Die millionenfachen Klicks haben Money Boy einen Vertrag bei Sony Music eingebracht. Doch noch ist der ambitionierte Rapper aus einem, wie er sagt, „etwas ghettomäßigen“ Wiener Bezirk nicht auf den großen Bühnen angekommen. Wir besuchen ihn bei einem Konzert in der Wolfsburger Großraumdisko „Airport“. Gerade einmal 35 Jugendliche warten um 22 Uhr vor der verschlossenen Tür. Die Minderjährigen, die eilig ihre Erziehungsaufträge ausfüllen, müssen den Klub allerdings um Mitternacht wieder verlassen. Dumm nur, dass sich Money Boy mit seinem Auftritt bis halb zwei Zeit lässt. Backstage trinkt er erst einmal einen Wodka-O auf Eis.

Bist du stolz auf das, was du machst?
(er zögert kurz) In letzter Zeit sage ich immer, ich sei „The best German rapper 
alive“. Ich bin hungrig und will noch viel mehr machen. Und ich hab das Gefühl, dass ich mich mit dem, was ich mache, vor niemandem verstecken brauche. Ganz im Gegenteil: Ich sehe mich da sogar als konkurrenzlos.

Sebastian, Money Boy, Flirt ... Du hast viele Namen. Unterscheidest du überhaupt noch zwischen dir als Person und der Kunstfigur?
Jeder soll mich einfach Money Boy nennen. Ich unterscheide da nicht. Immer mehr Freunde gehen dazu über und rufen mich Money oder Flirt.

Ist alles, was du singst, ernst gemeint? Ist da nicht auch Ironie im Spiel?
Ironie würde ich nicht sagen, aber natürlich ist auch Humor dabei. Das ist ja schon immer ein Grundelement von Rap gewesen. Ich meine es mit meinem Auftreten und meinen Songs hundertprozentig ernst.

Nicht jeder sieht den Wiener aber so, wie er sich selbst. Hört man den Gesprächen der Besucher an diesem Abend zu, wird er nur von wenigen für voll genommen. Als er endlich auftritt, erwarten ihn etwa 300 Leute, kaum einer älter als 25. Vor der Bühne stehen nur etwa 20 Halbstarke. Es ist nicht Money Boys Party. Er wurde von den DJs als „Special Guest“ eingeladen, und viele sind gar nicht seinetwegen hier. Sie beobachten die Bühnenshow lieber durch ihre Handykamera. Die Miniröcke und Lackschuhe eignen sich nicht, um vor der Bühne herumzuspringen. Ein Gast ruft: „Money Boy, du Hurensohn, du hast keine Ausbildung.“ Money Boy hört das nicht. Der Rapper möchte ein zierliches Mädchen mit einer zu großen NBA-Basketball-Cap auf die Bühne holen, das Mädchen will nicht. Jetzt hat Money Boy eine Flasche in der Hand. „Wer will Wodka?“ Alle wollen. Vorsichtig träufelt Money Boy den hochprozentigen Alkohol in die Münder in der ersten Reihe. Die Mädchen kreischen. Money Boy gibt sich als harter Party-Rapper, der gerne seine Brilli-Ohrringe und Ketten präsentiert. Eine Pose die man aus unzähligen US-Hip-Hop-Clips kennt.

Money Boy, wer sind deine Vorbilder?
In meiner Anfangszeit haben mich Rapper wie 2Pac oder Snoop Dogg sehr geprägt. Lil’ Wayne feiere ich schon seit zehn Jahren. Tracks wie „25 To Life“ von Eminem kann ich mir hundertmal anhören. Ein großer Soulja-Boy-Fan bin ich dagegen eigentlich nicht. Soulja Boy und ich sind rein zufällig vom Swag her auf einer Wellenlänge. Manche sagen, ich kopiere ihn. Aber Rap ist ein Kosmos, in dem sich alle gegenseitig beeinflussen.

Woher holst du dir noch Inspiration?
Ich gehöre zu einer neuen Generation Rapper, wir lassen uns vom Fernsehen beeinflussen, nicht von der Straße. Nicht vom Leben in der Gang, sondern von dem, was sich im Netz abspielt. Deshalb beginnt mein Tag auch damit, dass ich mir mein MacBook ins Bett hole. Wenn ich kurz vorm Einschlafen neue Zeilen zusammengereimt habe, tippe ich die dann ein. Danach gehe ich auf Facebook oder Twitter und schaue, was es für News gibt. Das ist mein Swag-Aufdrehen.

Dass Money Boy zumindest auf der Bühne noch kein wirklich professioneller Unterhalter ist, beweist ein zweiminütiger Konzertmitschnitt, der eine ganz andere, hysterische Seite des sonst so entspannten Selbstdarstellers zeigt. Der YouTube-Star steht auf der Bühne, dann ist sein Gucci-Bandana plötzlich weg. Money Boy fordert „Licht an im Klub“ – wird aber nur ausgelacht. Der Beat geht aus, und Sebastian Meisinger brüllt wütend herum, findet nicht zurück in die Money-Boy-Rolle – bis das Tuch endlich wieder da ist. Die Häme der Internetcommunity ließ nicht lange auf sich warten. Inzwischen hat Money Boy gelernt, mit seinem Patzer aus der Vergangenheit umzugehen. Auf der Bühne in Wolfsburg spielt er mit dem Drama um das Bandana. Er hält sein Kopftuch in die Menge, zieht es aber rechtzeitig wieder weg, als die Zuschauer danach greifen. „Wo ist das Gucci-Bandana?“, fragt er lachend. Prompt ruft die erste Reihe: „Licht an im Klub!“

Drei DJs stehen hinter dem Mischpult, einer von ihnen stützt sein Gesicht mit den Händen. Viel zu tun haben sie heute nicht, der Beat ist eintönig. Money Boy bleibt im Takt und kommt ins Schwitzen. Dabei gibt er sich auf der Bühne als besonders sportlich. Trotz angeblich umwerfender Athletik und Fitness würde er uns bei einem Umzug aber nicht die Waschmaschine tragen wollen. Als sich beim Pulloverausziehen kurz das T-Shirt hebt, kommt ein kleines Bäuchlein zum Vorschein. Money Boy ist kein Adonis. Als er anfängt auf dem Podest mit einem Basketball zwischen seinen Beinen zu dribbeln, erntet er dafür nur laute Buhrufe. Im Hintergrund laufen seine Videos in Dauerschleife. Vier Songs rappt Money Boy an diesem Abend für sein Publikum. Doch schon nach zwei Liedern verschwinden viele Besucher an die Bar oder auf die Tanzfläche im Nebenraum. Money Boy schüttelt ungerührt weiter allen Mädchen in Reichweite die Hand und widmet ihnen seine Coverversion des Radiohits „Airplanes“. Nach 20 Minuten verschwindet er wieder im Backstagebereich.

Money Boy, du singst viel von „schönen Ladys“ und Sex mit vielen Frauen. Wie sieht es denn in deinem Privatleben aus?
Ich fühle mich sehr wohl, wenn hübsche Ladys anwesend sind. Aber man kann das auch genießen, ohne mit allen was zu haben. Mir macht Flirten einfach Spaß.

In Wirklichkeit lebst du schon lange mit deiner festen Freundin zusammen. Wie steht die denn zu der ganzen Sache?
Für mein „Strip Club“-Video hat sie doch sogar das Make-up gemacht. Für sie bin ich der coolste und beste Rapper, und sie weiß, dass es wenige Leute gibt, die das Ganze so verstehen wie ich. Es gibt viele Menschen, die nicht verstehen, was ich rappe. Die denken sich dann: „Ah, der ist dumm.“ Aber meine Freundin versteht mich und feiert meinen Erfolg.

Du wirst bald 30. Wird es nicht Zeit für eine Familie und einen richtigen Job? Immerhin hast du Kommunikationswissenschaften studiert und das Studium auch erfolgreich abgeschlossen.
Die Uni, das war nicht so meine Welt. Ich hätte das Studium auch genauso gut abbrechen können. Ich mag lieber Action, ein schnelles Leben. Alles andere wär’ mir zu langsam. Ich will einfach Vollgas geben.

Von der Bling-Bling-Mentalität der Money-Boy-Videos ist im Backstagebereich kaum etwas zu spüren. Der Rapper sitzt auf einem löchrigen Sofa zwischen hochgestellten Barhockern. Anders als in seinen Clips gibt es hier auch kein Handtuch, Money Boy muss mit einem Geschirrtuch vorliebnehmen, um sich den Schweiß des Auftritts von der Stirn zu wischen.

In deinem Song „Strip Club“ sagst du, „1000 Euro für die Drinks, das ist pocket change“. Wie reich bist du wirklich?
Ich habe keine Millionen von Euro. Aber ich habe einen Louis-Vuitton-Gürtel und eine Gucci-Tasche, ich mache Urlaub auf Hawaii. Das klingt cool. Übertreibung gehört bei Rap immer dazu, ich zeichne krasse Bilder.

In deinen Videos posierst du in Autohäusern von Ferrari und BMW. Was für ein Auto fährst du denn selbst?
Gar keins. Ich bin in Wien viel bei mir zu Hause im Studio. Ich werde zum Flughafen oder zur Videothek gefahren. Im Moment brauche ich einfach kein Auto. Aber wenn ich wieder Zeit habe und mir langweilig wird, werde ich mir im Internet Modelle ansehen. Das Auto sollte cool aussehen. Ich würde mir gerne einen Lamborghini holen.

Und wenn es mit Money Boy mal nicht mehr so gut läuft wie heute?
Vieles, vieles. Ich expandiere auch mein Business. Ich etabliere meine Klamottenmarke und mache Werbung für einen Getränkehersteller.

Werbung für einen Getränkehersteller? Mit der Street Credibility, die Money Boy vorspielt, hat das aber nicht viel zu tun. Viel eher klingt das nach einem Typen, der durch das Internet eine Chance bekommen hat und nun so lange an seiner Rolle festhält, wie sie noch Geld abwirft. Ein bisschen zu zuversichtlich wirkt Money Boys Blick in die Zukunft jedenfalls. Ein oder zwei Videos lang ist seine Masche lustig. Doch für eine lange Karriere reichen gewollt unbeholfen adaptierte Texte und ein immer gleicher Beat wohl nicht aus.

Interview: Alisa Schellenberg 
und Friederike Vogel

Sebastian Meiniger ist Money Boy. Seine Videos „Ching, Chang, Chung“ und „Dreh’ den Swag auf“ verschafften dem Wiener Rapper millionenfach Klicks bei YouTube und einen Vertrag bei Sony Music. Seit Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte Money Boy dort zwei Songs als digitale Downloads. Eine CD ist vorerst nicht geplant. Auf seiner Internetseite bietet er 
 Mixtapes und eigene Mode im Money-Boy-Stil an. Mit seinem trashigen Rap tourt der Wiener momentan durch Diskotheken und Klubs.mm