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ZiSH Ausgeloggt
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12:12 18.02.2015
Alle starren aufs Display – bis auf eine: Wer nicht bei Facebook ist, muss mit dem Gefühl klarkommen, etwas zu verpassen. Quelle: Foto: Eberstein
Hannover

Ich sitze im Zug und beobachte meine Mitreisenden. Sie bemerken meine Blicke gar nicht – so vertieft starren sie auf ihre Displays. Ich starre aus dem Fenster. Aber schon nach wenigen Minuten nervt mich die vorbeiziehende Landschaft. Mir ist langweilig. Und das schon am ersten Tag. Eine Woche teste ich, wie es ist, ohne Facebook zu leben. So lasse ich meine 590 Facebook-Freunde hängen und verpasse Neuigkeiten von 375 Seiten, die ich geliket habe.

Zum 1. Februar hat Facebook seine Datenschutzbestimmungen geändert. Das soziale Netzwerk speichert meine Surfgewohnheiten und wirbt in meiner Timeline für Artikel, die mich möglicherweise interessieren können. Seit zwei Wochen ist mein Profil voll mit Werbung für Bücher, CDs und Klamotten. Es ist nicht die Werbung die mich stört – sondern der Gedanke, dass meine Interessen und Vorlieben nicht mehr privat sind. Ich habe das Gefühl, ausspioniert zu werden. Grund genug für mich, eine Woche auf Facebook zu verzichten.

Meine Facebook-Timeline ist eine nette Ablenkung – bei langweiligen Vorlesungen oder eben auf Bahnfahrten. Statt Updates meiner Freunde und Nachrichten sehe ich jetzt die öde Landschaft an mir vorbeiziehen. Mir wird schnell klar, wie sehr das soziale Netzwerk zur täglichen Routine gehört: An einem normalen Morgen gilt mein erster Griff nach dem Aufstehen dem Handy. Das weckt mich schließlich auch. Dann checke ich, ob ich neue Nachrichten bei Facebook bekommen habe. Dann durchscrolle ich meine Timeline auf dem Weg zur Uni. Spannende Artikel speichere ich für später ab. Falls die Vorlesung langweilig wird, habe ich dann schon mal einen Zeitvertreib. Abends vor dem Fernseher wird Facebook zum Lückenfüller: Wenn mir während einer Werbepause drei Minuten langweilig ist, klicke ich mich durch die Neuigkeiten meiner Freunde und lese Artikel. Facebook ist für mich wie eine digitale Zeitung mit den wichtigsten Neuigkeiten aus meinem Freundeskreis – oder den vermeintlich wichtigsten. Einige meiner Facebook-Freunde posten vornehmlich Urlaubsfotos oder Partyselfies. Andere liken Videos oder zeigen ihren Freunden mit einem vitaminreichen Smoothie, wie gesund sie sich ernähren. Ich hingegen, habe keine Lust, mich im Wettbewerb um das gesündeste Mittagessen zu messen. Aus meiner Clique ist fast jeder bei Facebook. Weltweit ist sogar jeder Fünfte Mitglied im sozialen Netzwerk. Dank Facebook weiß ich überhaupt, was alte Klassenkameraden beruflich machen und wohin Schulfreunde in den Urlaub fahren. Das alles erfahre ich, ohne nachgefragt zu haben. Soziale Interaktion auf Facebook heißt auch vor allem: Ich lese, was andere posten – und andersherum. Besonders interaktiv ist das eigentlich nicht. Während ich vor zwei Jahren meinen Freunden bei Facebook Nachrichten geschickt habe, nutze ich dafür heute fast ausschließlich Whatsapp. Weil es aber nervt, in ewig langen Whatsapp-Chats zu schreiben, was gerade so geht, ist Facebook trotzdem wichtig.

Deswegen ist es mir auch nicht leicht gefallen, Facebook zu löschen, zumindest als App auf meinem Smartphone. Jetzt muss ich ohne die Updates auskommen. Die sind zwar nicht so wichtig, aber es ist manchmal trotzdem nett zu wissen, womit sich meine Freunde die Zeit vertreiben – und wenn es nur ein Foto von der neuen Frisur ist. Denn die Updates sorgen immer für Gesprächsstoff. Doch darauf werde ich jetzt wohl verzichten müssen. Dass ich in nur einer Woche deshalb zum Außenseiter werde, glaub ich allerdings nicht. Nach ein paar Klicks ist das soziale Netzwerk von meinem Handy verschwunden. Daran muss ich mich erst mal gewöhnen: Die ersten Male öffne ich auf meinem Smartphone automatisch die Laufapp Runtastic – denn die ist jetzt an der Stelle, an der vorher der Facebook-Button war.

Um trotz der Facebook-Auszeit keine Onlineartikel zu verpassen, abonniere ich auf Twitter alle wichtigen Zeitungen. Das ist keine gute Idee: Es dauert nun Ewigkeiten, bis ich meine Twitter-Timeline durchgelesen habe, und angeklickt habe ich am Ende meist nichts – das klappt auf Facebook besser.

Dass Facebook viele Daten sammelt, wusste ich schon früher. Lange war es mir einfach egal. Schon seit seiner Gründung 2004 ist das Unternehmen datenschutzrechtlich umstritten. Interessen, Wohnorte oder Fotos speichert Facebook. Dadurch, dass das soziale Netzwerk seine Nutzer so gut kennt, ist es eine attraktive Werbeplattform. Allein im vierten Quartal 2014 hat Facebook 93,5 Prozent des Gesamtumsatzes nur mit Werbung gemacht. Als Nutzer ist es unangenehm, so ausspioniert zu werden. Ob es reicht, darauf zu achten, nicht auf peinlichen Fotos verlinkt zu sein, weiß ich nicht.

Nach ein paar Tagen bleibt das Smartphone während der Bahnfahrt in der Tasche. Aus Versehen habe ich die Runtastic-App schon lange nicht mehr angeklickt. Und da ich längst jeden Bauhernhof auf der Zugstrecke kenne, lese ich fleißig Uni-Lektüre. Außerdem hält so der Akku meines Smartphones viel länger.

Als ich mich nach einer Woche wieder einlogge, habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch: Ich habe sieben neue Mitteilungen, 25 Benachrichtigungen und zehn Candy-Crush-Anfragen. Vier Mitteilungen und acht Benachrichtigungen sind wichtig, die Anfragen lösche ich. Ganze 45 Minuten brauche ich, um mich im Schnelldurchlauf durch alles, was ich verpasst habe, durchzuklicken. Bei einer Gruppenumfrage konnte ich nicht angeben, welchen Bagel ich beim Seminar essen möchte. Drei Geburtstage habe ich verpasst. Darunter auch den einer guten Freundin, der ich hauptsächlich bei Facebook schreibe, weil sie kein Whatsapp hat. Das ist unangenehm. Bevor ich ihr eine SMS schicke, schreibe ich mir ihren Geburtstag in meinen Taschenkalender.

Kira von der Brelie

Was Facebook alles weiß

Facebook kennt seine Nutzer ganz genau. Denn durch jeden Klick im sozialen Netzwerk entstehen Daten, die der Internetriese für sich nutzt. Je mehr er über seine Nutzer weiß, desto zielgerichteter kann er die Werbung an sie anpassen. Und damit lässt sich viel Geld verdienen. Zum Februar hat Facebook seine Geschäftsbedingungen geändert – und jetzt noch mehr Möglichkeiten, Daten zu sammeln:
Facebook weiß, was du machst: Bisher sammelte der Konzern sein Wissen über die Nutzer hausintern: Aus „Gefällt mir“-Klicks und anderen Aktivitäten leitete er mögliche Interessen ab. Jetzt will 
Facebook zusätzlich wissen, was Nutzer außerhalb der eigenen Plattform interessiert – und schaut, welche Internetseiten die eingeloggten User noch so 
besuchen.
Das gilt auch für Smartphone-Apps: Welche anderen Anwendung werden genutzt? Und welche Spiele werden gezockt? All das kann sich Facebook anschauen und für eigene Zwecke nutzen – zum Beispiel, um für ein Spiel auch auf der eigenen Seite zu werben.
Facebook weiß, wo du wohnst: Und nicht nur das – über die GPS-Funktion kann erfasst werden, wo sich der Nutzer gerade genau aufhält. Ein Restaurant, das ein paar Straßen entfernt ist, kann direkt Werbung auf das Smartphone schalten – denn vielleicht hat der Nutzer ja gerade Hunger. Dann stehen die Chancen für das Restaurant gut, dass er gleich vorbeischaut. Die GPS-Ortung kann theoretisch vom Nutzer verweigert werden.
Stimmt die angezeigte Werbung nicht mit den Interessen des Nutzers überein, kann dieser Protest einlegen. Denn durch Feedback will Facebook aus Fehlern lernen – und in Zukunft öfter ins Schwarze treffen.

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