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ZiSH Therapie am Küchentisch
Hannover ZiSH Therapie am Küchentisch
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20:46 24.06.2013
„Ich haue nicht nur auf die Kacke und erzähle wie toll die Drogen sind“: Bei einem Glas Bier erzählter der Ex-Junkie, der seinen Namen nicht verraten will seine Drogengeschichte.
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Hannover

Er verrät seinen Namen nicht. Aber allen, die sie hören wollen, erzählt er seine Geschichte. In der YouTube-Serie „Shore, Stein, Papier“ berichtet ein ehemaliger Heroinsüchtiger von seiner Drogenvergangenheit in Hannover. Ein Studio braucht er dafür nicht. Die Geschichten sind hart genug. Am Küchentisch berichtet er der Netzgemeinde zwischen Kippen und Kaffee von seiner ersten Begegnung mit Shore. Shore ist ein Szeneausdruck für Heroin. Als er die Droge das erste Mal auf einer Party rauchte, war er 15 Jahre alt. Seitdem kam er nicht mehr davon los. Er konsumierte immer öfter. Und immer mehr. Nach der Schule schmiss er die Lehre. Um das Geld für die Drogen zu beschaffen, brach er in Geschäfte ein und knackte Autos. Erst landete er auf der Straße und ein halbes Jahr später im Gefängnis. Erst nach sieben Jahren hinter Gittern kriegte er die Kurve. ZiSH erzählt der Ex-Junkie, was andere daraus lernen können.

Deine Geschichten sind zwar unterhaltsam, aber selten schön. Du erzählst, wie du Freunde und Familie belügst, wie dir beim Entzug der Rotz aus der Nase läuft. Dabei entblößt du dich innerlich fast komplett. Warum tust du dir das an und teilst deine Geschichte auf YouTube?
In erster Linie geht es mir um Präventionsarbeit. Und im Grunde ist das Ganze auch noch mal eine Therapie für mich. Aber das hat sich erst im Verlauf der Produktion ergeben. Und klar, es ist auch einfach eine neue Basis für mein Leben, die mir andere Perspektiven bietet.

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Wenn es für dich auch eine Form der Therapie ist: Wie schwer fällt es dir, so viel preiszugeben?
Natürlich ist das an manchen Punkten nicht ganz einfach, aber das gehört für mich zum Verarbeiten dazu. Der große positive Gesamtaspekt ist, dass es mir gut geht und es mir eine Perspektive schafft. Der eine oder andere kann dann davon vielleicht auch noch etwas mitnehmen. Auch wenn es oft vielleicht lustig verpackt oder unterhaltsam ist. Es hat trotzdem einen ernsten Hintergrund. Denn ich erzähle ja keinem: „Mach das alles nach, das ist ganz toll, was ich da fabriziert habe.“ Es soll ein Warnhinweis sein. Die Kids in dem betreffenden Alter nehmen mich ernst und hören zu. Deswegen ist mir der unterhaltsame Faktor bei der Sache sehr wichtig, damit die Leute gerne bei der Sache bleiben und dass dann beim längeren Zusehen der gewünschte Effekt eintritt. Dann ist es abschreckend und nicht bloß nur unterhaltsam. Für einen Erwachsenen, der fest im Leben steht, ist das dagegen reines Unterhaltungsprogramm. Wie ein Krimi von der Straße.

Dieser präventive Charakter, der an vielen Stellen durchkommt, war der im Vorfeld so geplant?
Das war von Anfang an ein gewünschter Teil des Ganzen. Wie gut das funktioniert, das wussten wir vorher noch nicht so ganz einzuschätzen. Aber mir ist es ein Bedürfnis, dass ich genau so verstanden werde und dass ich da nicht nur auf die Kacke haue, wie geil das alles war und wie toll ich bin oder wie toll die Drogen sind.

Ist das vielleicht auch einer der Gründe, warum die Serie ein Geheimtipp ist?
Warum es besser zieht, als ich es erwartet hätte? Ja, wahrscheinlich schon. Wir stellen es ja jetzt selbst erst fest, was es bei Zuschauern auslöst. Man interpretiert die Serie je nachdem, wie man im Leben steht.

Kann das eine Gefahr für jemanden sein, der noch nicht fest im Leben steht? Jemand, der die Unterhaltung abfeiert und die Probleme nicht sieht?
Dann ist er doch dämlich, dann hat er es nicht verstanden. Er muss es noch nicht mal mit dem Kopf verstehen. Wir erzeugen ein Gefühl. Und dieses Gefühl sagt: „Ne, das will ich nicht.“ Jemand, der diese Videos einfach nur feiert und der diese Videos als Grund nimmt, harte Drogen zu nehmen, der hätte das auch ohne die Videos schon gemacht. Aber wegen der Videos? Ich glaube nicht. So dumm kann doch keiner sein, oder?

Die vielleicht intensivste Szene der ganzen Serie erzählt er in Folge 51. Seine Freundin besucht ihn im Jugendknast in Hameln. Sie stellt ihn vor die Wahl: Die Drogen oder ich. Aber er hört gar nicht zu. Er steht wortlos auf und geht zu einem seiner Mithäftlinge – einen Joint rauchen.

Gab es einen Punkt, an dem du aus dem Kreislauf aus Heroinsucht, Geldmangel und Beschaffungskriminalität hättest ausbrechen können?
Diese Ausfahrt habe ich irgendwie immer verpasst. Als ich mich im Knast für die Drogen und gegen die Freundin entschieden habe, war das vielleicht so ein Punkt. Auch mit der Entlassung aus Hameln hätte ich vielleicht noch Hilfestellung von zu Hause bekommen können. Das ist aber nie bewusst gelaufen. Das ist einfach passiert. Im Nachhinein, 20, 25 Jahr später, kann ich sagen: Vermutlich hat mich das und das geritten. Aber das war alles nicht das, was ich damals wollte.

Es gibt eine Reihe von Geschichten in der Serie, in denen du erzählst, wie du in hannoversche Geschäfte einbrichst. Hast du damals darüber nachgedacht, dass du Leuten schadest?
(lacht) Das war mir im Grunde scheißegal. Das tat mir nicht wirklich leid. Ich habe mir eher Gedanken darüber gemacht, was das für Konsequenzen für mich haben könnte. Aber selbst das habe ich verdrängt. Die erwischen mich sowieso nicht. Wie Supermann. Jugendlich und auf Drogen halt. Ich mach das einfach und ihr kriegt mich nicht. Viel zu schlau. Viel zu gut ... Ich hab das damals einfach nur gefeiert. Auch nach Hameln habe ich das noch gefeiert. Und dann nach den vielen Haftstationen habe ich mir überlegt: Das ist vielleicht doch nicht so geil. Von einer JVA in die nächste.

Es gibt viele emotionale Stellen in der Serie. Dann schaut er betroffen und überwältigt in die Kaffeetasse vor sich. In einigen Folgen sind seine roten, verweinten Augen zu erkennen. Häufig geschieht dies an Stellen, an denen er von seiner Mutter und den Auseinandersetzungen mit ihr erzählt.

Du sagst, dass dein Verhältnis zu deiner Mutter heute so gut ist wie nie. Hatte sie irgendeine Chance, dich da damals herauszuholen?
Nein, die hatte sie nicht. Nie. Ich wollte das nicht. Lange Zeit hatten wir gar keinen Kontakt. Erst, als ich für mich beschlossen hatte, etwas zu ändern, da hat sie gemerkt: Der meint das ernst. Früher habe ich auch gesagt, dass ich mich ändere. Aber noch bevor ich den Satz zu Ende gesagt hatte, wusste sie, das ist alles doofes Gelaber. Der sagt das nur, weil ich das hören will. Dann irgendwann, kurz vor meinem 30. Geburtstag, haben wir wirklich miteinander gesprochen, haben miteinander geheult. Heute rede ich mit ihr auch, wenn ich Beziehungsprobleme habe. Heute ist sie meine beste Freundin.

Du machst nicht die Umstände, sondern vor allem dich für die Situation verantwortlich?
Ja, das war ich alleine. Ich habe die Drogen genommen und die Straftaten begangen. Ich habe Leute verletzt, die mich lieben. Das war alles ich. Das weiß ich heute. Ich gebe da keinem die Schuld für. Natürlich habe ich mich zwischendurch geärgert. Resozialisierung nach dem Knast? Was für ein Lacher. Da habe ich zweimal drauf gewartet nach den ersten beiden Inhaftierungen. Und nach dem dritten oder vierten Mal war mir klar, dass da gar nichts passiert. Resozialisierung? Das geht da weiter, wo du aufgehört hast. Du musst selbst was ändern. Aber meine letzte Haft ist jetzt auch schon 10, 12 Jahre her. Ich weiß nicht, wie das heute aussieht.

Das „normale Leben“ hat dich dagegen, so erzählst du es in einer Folge, überhaupt nicht interessiert.
Kennst du das Gefühl, wenn du der einzige junge Mensch bist und zu einem Familientreffen musst? Und alle Verwandten sind 20, 30 Jahre älter als du? Und alles, was die quatschen, geht da rein und da raus. Alter, was labert ihr die ganze Zeit? Du fühlst dich völlig fehl am Platze. Und die Etikette sagt: Ja, du gehörst hier dazu und du musst hier mitmachen, aber irgendwas in dir sagt: Ne, ich bin hier nicht richtig. Ich fühle mich nicht wohl. Und diese Emotionen habe ich heute immer noch, wenn auch weniger. Heute weiß ich, dass diese Leute oft auch eine Familie haben und sich dort gegenseitig vertrauen und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln. Das musste ich mir alles in den letzten Jahren erst erarbeiten. Aber ich bin ja auch älter geworden.

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