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ZiSH Uni-Alltag: Heute und vor 40 Jahren
Hannover ZiSH Uni-Alltag: Heute und vor 40 Jahren
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22:06 14.03.2011
Das selbe Fach, aber zwei Studienwelten: Mutter Ursula Grundey-Tobien hat in den Siebzigern Anglistik studiert, Tochter Nora eifert ihr fast 40 Jahre später nach – unter anderen Bedingungen. Quelle: Surrey

Und immer die To-Do-Liste im Kopf

Mittwochmorgen. Mein Handy klingelt. Rebecca ist dran. „Hey Nora, kommst du am Freitag mit ins Chéz Heinz?“ Hm… Am Freitagabend wollte ich endlich den Roman für das Germanistikseminar über den Realismus zu Ende lesen. Eigentlich interessiert mich Günter Grass mehr als Gottfried Keller, das Seminar musste ich trotzdem wählen – im streng strukturierten Stundenplan des Bachelors gab es in diesem Semester für mich keine bessere Möglichkeit.

Den Inhalt des Romans muss ich am nächsten Montag im Kopf haben, um im Seminar mitdiskutieren zu können. Also doch „Der Grüne Heinrich“ von Keller statt tanzen im Keller? Der Rest des Wochenendes ist für andere Unilektüre und Zeit mit meinem Freund verplant. Wir wohnen zwar zusammen, aber wegen meiner Uni- und seiner Arbeitszeiten haben wir unter der Woche nicht viel von einander. Daher muss am Sonnabend eine Tour mit unserem Radclub drin sein, und am Sonntag einmal ausschlafen und ausgiebig zusammen frühstücken. Von Montag bis Freitag klingelt mein Wecker zwischen sieben und neun Uhr.

Auf der imaginären To-Do-Liste steht auch die Gliederung für eine Hausarbeit, die meine Professorin zwei Wochen vor Ende der Vorlesungszeit haben möchte. Ich musste komplizierte Texte über Krankheiten bei Frauen in den USA Ende des 19. Jahrhunderts lesen, um einen Überblick über das Thema zu bekommen, obwohl ich die Arbeit erst in den Semesterferien schreibe. Dabei hätte ich die Zeit für das Referat in Sprachwissenschaft gebraucht.

Acht Kurse stehen in meinem Stundenplan, das sind 16 Stunden pro Woche mit Kursen von anglistischer Linguistik bis germanistischer Literaturwissenschaft. Wenn ich alles lesen will, was die Dozenten verlangen, bin ich mit der Vorbereitung für einige Kurse außerdem zwei bis drei Stunden beschäftigt. Und dann sind noch die Romane für Literaturkurse, ausstehende Hausarbeiten und Referate in meinem Hinterkopf. Die To-Do-Liste wird einfach nicht kürzer. Wenn ich das alles zusammen rechne, komme ich in stressigen Wochen auf über 40 Stunden. Da ärgert es mich, wenn Uni-Präsident Barke behauptet, dass Bachelor-Studenten nur 20 bis 30 Stunden pro Woche ins Studium investieren.

Um 12 Uhr sitze ich in der Vorlesung. Schwänzen geht nicht. Wir müssen auf Anwesenheitslisten unterschreiben. Wenn ich meine zweite Fehlstunde nutze, besteht die Gefahr, dass ich den nächsten Multiple-Choice-Test nicht bestehe – und nicht zur Prüfung zugelassen werde. Im Studium müssen wir uns selbst organisieren, können frei entscheiden, wann wir Literatur recherchieren oder uns für Prüfungen anmelden. Aber muss man uns mit Anwesenheitspflicht und Tests trotzdem so kontrollieren wie in der Schule?

Etwa drei Klausuren und zwei Hausarbeiten muss ich am Ende jedes Semesters schreiben. Jede Zensur zählt und fließt in die Bachelor-Note ein. Ich brauche mindestens eine 1,7, um meinen gewünschten Masterplatz in Sprachwissenschaft in Berlin zu bekommen. Zwar verstehe ich mich mit meinen Kommilitonen gut, aber trotzdem schaut man auf den Notenschnitt der anderen und vergleicht Leistungen.
Nach der Vorlesung und einem schnellen Mensaessen fahre ich zu meinem Nachhilfeschüler. Die Nachhilfe ist meine kleine Einnahmequelle, von der ich mir unabhängig von meinen Eltern Wünsche erfüllen kann. Meine Eltern zahlen meine Miete und Lebensunterhalt, und mit den 500 Euro Studiengebühren plus 280 Euro Semesterbeitrag pro Halbjahr liege ich ihnen genug auf der Tasche.
In der Bahn lese ich den Roman für das Deutschseminar. Noch 200 Seiten bis nächste Woche. Während der Fahrt schaffe ich 15. Mein Nachhilfeschüler ist zwar motiviert, trotzdem strengt es an, sich nach dem Englischsprechen in der Uni auf französische Grammatik zu konzentrieren.

Als ich um 19 Uhr müde und geschafft nach Hause komme und nur noch aufs Sofa sinken möchte, sehe ich erst die chaotische Küche und dann eine Email: „Liebe Studenten, ich musste das Programm der morgigen Sitzung umstellen, bitte bearbeiten Sie den anderen Text.“ Der Abwasch bleibt stehen, der Fernseher aus, und ich sitze wieder am Schreibtisch und lese, weil ja alles klausurrelevant ist.
Gegen Mitternacht verschwimmen die Buchstaben vor den Augen. Ich werfe einen reumütigen Blick auf mein Saxophon, das seit Wochen ungespielt in der Ecke steht, und gehe schlafen. Rebecca habe ich für Freitag nicht abgesagt, denn wie Uni-Präsident Barke gesagt hat: „Freiräume muss man sich erkämpfen.“

Von Nora Tobien

Keine Tests, keine Noten, kein Druck

Wenn mich meine Freundin gefragt hat: „Uschi, kommst du mit ins Kino?“, wäre ich nie auf die Idee gekommen, zu sagen, dass ich keine Zeit habe, weil ich was für die Uni machen muss. Stress und Druck? Gab es bei uns kaum. Jedenfalls nicht vor dem Examen. Wir hatten keine Prüfungen, Klausuren oder Hausarbeiten. Nicht mal Anwesenheitspflicht gab es.

Ich habe in den Siebzigern an der Uni Hannover Anglistik und Politik studiert. Die 68er hatten uns viel erkämpft: Wir Studierenden konnten mitentscheiden und hatten Freiräume. Das haben wir genossen.
Wir konnten unseren Unialltag selbst gestalten, uns aussuchen, zu welchen Vorlesungen und Seminaren wir gehen. Es gab ein großes Angebot an Kursen, und wir haben die besucht, die uns interessierten. Sicher, da war nicht alles auf mein späteres Lehrerdasein abgestimmt, manche Inhalte nicht zu gebrauchen, aber dann war es eben eine gute Literaturübersicht und Allgemeinbildung.

Natürlich gab es auch Anforderungen. Aber wir konnten immer selbst entscheiden, was wir machen, wann wir es machen und wie viel wir machen. Verpflichtend hatte ich nur Sprachpraxiskurse und je zwei Seminare pro Fach im Hauptstudium – der Rest war unverbindlich. Es gab zwar eine gewisse Anzahl an Seminaren, die ich belegen musste, aber keine Anwesenheitspflicht. Wenn eine Vorlesung nicht interessant war oder die Party am Abend vorher zu lang, sind wir eben zu Hause geblieben. Ich war zwar recht brav und fleißig, habe immer so zwei Kurse am Tag besucht, aber es gab auch viele Studierende, die nicht zur Uni gegangen sind, wenn sie keine Lust hatten. Die haben das Studium eher locker durchgezogen. Ein Kommilitone hat unter der Woche neben dem Studium sogar gearbeitet. Wenn der Chef anrief und ihn brauchte, ist er eben gegangen. Aber auch ich hatte unter der Woche genug Zeit und habe viel mit Freunden gemacht. Nach acht Uhr habe ich selten etwas für die Uni getan und auch am Wochenende blieb immer genug Zeit.

Auch das Verhältnis zu unseren Dozenten war fast kumpelhaft. Im Politik-Seminar haben sich alle geduzt, das war so üblich. Mir als junger Studentin fiel es schwer, Professoren mit „du“ anzusprechen, die so alt waren wie mein Vater. Aber man gab sich eben locker und liberal. So hatten wir auch keine Angst, am Ende keinen Schein zu bekommen. Ob wir für die Seminare Texte lasen und uns vorbereiteten, wurde von den Dozenten nicht kontrolliert.

Um Scheine zu bekommen, mussten wir Referate halten. Da hat man den Aufbau eines Referats gelernt und richtiges Zitieren. Allerdings waren das meist Gruppenreferate. Und wenn das Referat schon fertig war und noch ein Kommilitone mehr seinen Namen drunter schreiben wollte, hat niemand Nein gesagt. Das hätte in den Nach-68ern als völlig unkollegial gegolten. Und Konkurrenz unter den Studierenden gab es kaum. Warum auch? Wir haben zusammen gelernt und uns gegenseitig unterstützt.

Auch meine Ferien waren entspannt. Abgesehen von zwei vierwöchigen Schulpraktika hatte ich immer frei. Ich fuhr vier bis sechs Wochen nach Griechenland oder Frankreich oder habe gejobbt. Mal als Aushilfssekretärin in einem Büro, studentische Hilfskraft im Anglistikseminar und einmal für drei Monate in einem Hotel in England.

Aber nicht alles war perfekt: Politik war gerade ein Modefach und die Seminare so überfüllt, dass ich manchmal nur auf der Fensterbank oder auf dem Fußboden einen Platz fand. Vor allem ein bisschen mehr Anleitung und Verpflichtung hätten uns geholfen. Denn ein echter Nachteil war, dass wir unseren Leistungsstand schlecht einschätzen konnten. Wir bekamen ja nie Noten. Ich schloss mein Examen zwar sehr gut ab, war mir zuvor aber nie sicher, ob es nicht doch nur zu einer Drei reichen würde.

Meine Examensklausur war gleichzeitig mein erster schriftlicher Test, und meine Examensarbeit meine erste längere Arbeit. Einige haben so erst am Ende des Studiums gemerkt, dass sie in Englisch sprachlich zu schwach sind, und sind durchgefallen. Das war ein Nachteil der Freiräume und Zeit ohne Druck und Prüfungen.

Rückblickend war es eine Zeit, in der wir viel gelernt haben, uns aber auch die Zeit gelassen wurde, uns zu entwickeln, selbst politisch zu engagieren und ein freies Studentenleben zu genießen.

Ursula Grundey-Tobien, aufgezeichnet von 
Manuel Becker