Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
ZiSH WG-Katastrophen
Hannover ZiSH WG-Katastrophen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:52 20.11.2012
Quelle: Hagemann
Anzeige
Hannover

Nina, du hast selber in drei Studenten-WGs gewohnt und im Buch „Wo im Kühlschrank Pilze wachsen“ WG-Geschichten gesammelt. Wenn du jetzt einen neuen Mitbewohner casten müsstest: Wer darf bei dir einziehen?
Wenn es jemand sein soll, den ich noch nicht kenne, muss es halbwegs gemeinsame Interessen geben. Ich finde es ganz furchtbar, mit einem Fremden zusammenzuwohnen. Der andere muss schon Bock haben, auch zusammen etwas zu unternehmen. Joggen, Kochen, was auch immer ... Man darf an eine WG aber nicht mit zu großen Erwartungen rangehen und hoffen, dass man dabei die beste Freundin kennenlernt. An eine WG muss man entspannt herangehen.

In deinem Buch schreibst du von Affären mit Mitbewohnern und Partyresten, die buchstäblich unter den Teppich gekehrt wurden. Warum sind WGs so ein Ausbund an kuriosen Geschichten und Missgeschicken?
Ich glaube, das liegt einfach daran, dass die Menschen gerade ihr Abi gemacht haben, wenn sie in die erste WG ziehen. Sie sind noch jung, müssen dann einfach viel für sich selber klären und sagen bei Problemen nicht rechtzeitig Bescheid. In einer WG hat der Mitbewohner zum Beispiel nie abgewaschen. Die Zimmernachbarin hat ihm dann die dreckigen Töpfe ins Zimmer gestellt, anstatt ihn einfach darauf anzusprechen. Daraus ist dann etwas Krieg entstanden, weil er sich revanchiert hat. Erst später haben sie sich an einen Tisch gesetzt und die Sache geklärt.

Anzeige

Würdest du nach den Horrorgeschichten, von denen du schreibst, eine WG als erste Wohnung empfehlen?
Ja, auf jeden Fall. In einer WG ist man nie ganz alleine. Mein Mitbewohner muss nicht mein bester Freund sein. Aber wenn ich nach Hause komme, muss jemand in der Küche sein, mit dem ich quatschen kann. Wenn es mir schlecht geht, jammere ich zum Beispiel total gerne. Danach geht es mir dann einfach besser.

Warum funktioniert das Konzept WG eigentlich? Müsste nicht jede WG schnell in sich zusammenfallen, weil jeder, wie du sagst, genügend mit sich selber zu tun hat?
Nein, ganz im Gegenteil. Wenn ich keine Lust habe, einkaufen zu gehen, oder das Studium total stressig ist, ist es leichter, den ganzen Stress zu ertragen, wenn man sieht, das der Mitbewohner die gleichen Probleme zu bewältigen hat. Außerdem können einem doch gerade die Probleme mit anderen Menschen helfen, selbst besser klarzukommen. Das meinte auch Rainer Langhans, mit dem ich über WGs sprach. Er war Mitglied der Kommune 1, eine der ersten politisch motivierten WGs in Deutschland, die sich 1967 gründete.

Meinst du, jeder sollte mal in einer WG gelebt haben?
Ja, auf jeden Fall. Eine Freundin sagte mir, dass ich in dem Buch teilweise sehr sarkastisch von den Missgeschicken in WGs erzähle. Aber im Endeffekt lernt man doch gerade daraus. Wenn man merkt, dass es mit dem Mitbewohner nicht mehr weitergeht, lernt man Probleme besser zu kommunizieren und notfalls, wie man aus so einer Geschichte am besten wieder herauskommt. Es muss halt auch mal die harte Tour sein, und in einer WG lernt man definitiv etwas fürs Leben.

Übernehmen die neuen Mitbewohner in der WG dann im Prinzip die Elternrolle?
Da bin ich mir nicht sicher. Eltern belohnen und bestrafen in der Erziehung eher. In der WG ist alles freier. Es ist nichts von Anfang an festgelegt, und ich muss mich zwangsläufig wenigstens halbwegs mit meinem Mitbewohner verstehen. Also muss ich ihm auch sagen, wenn mich etwas nervt.

Wie bist du zu den Geschichten in deinem Buch gekommen?
Als Erstes habe ich bei www.wg-gesucht.de inseriert. Dort und bei Facebook haben sich dann viele der Studentengeschichten angesammelt. Dann habe ich gegoogelt und etwa eine Senioren-WG gefunden, die ich dann – genau wie Rainer Langhans – angeschrieben habe. Als ich die Idee des Buches anfangs im Kopf hatte, war mir nicht klar, wie breit das Feld der WGs ist. Weil man immer aus seiner Sicht von der klassischen Studenten-WG ausgeht.

Welche der Geschichten, die du zusammengetragen hast, haben dich besonders stutzig gemacht?
Krass finde ich, wenn der eigene Mitbewohner im Krankenhaus liegt und man keine Auskunft über ihn bekommt, obwohl man doch eigentlich mit ihm zusammenwohnt. Wenn der Mitbewohner Probleme hat: Darf man das dann den Eltern sagen? Oder ist das seine Privatsphäre? Am lustigsten fand ich dagegen die Geschichte, als nachts plötzlich der besoffene, nackte Mitbewohner im Zimmer steht und auf den Teppich pinkelt. Für die Betroffenen war das dann aber wohl nicht so lustig.

Im Vorspann deines Buches erzählst du, dass von deinen WGs nur noch zwei Kontakte in deinem Handy und eine Box chemischer Drogen im Kühlschrank übrig geblieben sind. Wie kam es dazu?
Gerade wohne ich alleine, weil ich in meiner letzten WG wirklich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Ich habe das zweite Zimmer zur Zwischenmiete an eine Frau vermietet, die ich noch gar nicht kannte und noch nie gesehen hatte. Sie hatte gerade eine schlimme Zeit, kam aus einer anderen Stadt und hatte totalen Stress mit ihren Eltern. Ich hatte Mitleid und habe sie bei mir einziehen lassen. Sie hat dann gleich ihr Zimmer abgeschlossen, es hat zwischen uns nie gestimmt. Das war dann im Endeffekt auch keine schöne Zeit für mich. Und mit meinen anderen Ex-Mitbewohnerinnen ist das so, wie es eben meistens ist: Wir hatten früher echt ’ne schöne Zeit, aber nach dem Studium geht man dann wieder getrennte Wege.

Interview: Ansgar Nehls

Nina Ponath (24) hat für ihr Buch „Wo im Kühlschrank Pilze wachsen“ (280 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro) 33 Geschichten über merkwürdige Mitbewohner und skurrile WG-Katastrophen zusammengetragen. Sie selbst hat in drei verschiedenen Zweier-WGs gewohnt. Zu den meisten Mitbewohnern hat sie nur noch wenig Kontakt.

Tipps für ein harmonisches Zusammenleben

Klare Worte: Schon wieder hat der Mitbewohner sein kleines Geschäft mit mäßigem Erfolg im Stehen verrichtet und auch noch die Klobrille offen gelassen. Ohne Ansage wird sich der Zimmernachbar wohl kaum bessern, auch wenn sich niemand gern wie Mama oder Papa aufführt. Auch in Sachen Lärmempfinden hat jeder eine andere Schmerzgrenze. Das gilt einerseits für die Musik in ohrenbetäubender Lautstärke, die die Mitbewohnerin auf eine Partynacht einstimmen soll. Aber genauso kann das verdächtig quietschende Bett im Nebenzimmer zu schlaflosen Nächten führen. Auch auf die Gefahr hin, der spießige Partymuffel zu sein: Eine freundliche aber bestimmte Ansage kann den inneren Groll gegen den Nachbarn verhindern.

Ordnung muss sein: Was haben der Gouda im Kühlschrank und der Putzplan im Flur gemeinsam? Beide werden von einigen Bewohnern gekonnt ignoriert. Da ist Ärger programmiert. Anstatt sich Schuldzuweisungen und Ausreden an den Kopf zu werfen, können finanzielle Sanktionen hilfreich sein: Wer die Essensreste auf den Tellern in der Spüle antrocknen lässt, muss fünf Euro in die Gemeinschaftskasse zahlen. Wenn diese Maßnahme nicht wirkt, kann eine groß angelegte Putzaktion den WG-Frieden wahren: In regelmäßigen Abständen sollte kollektiv der Mob geschwungen werden und Gemeinschaftsräumen wie Bad, Küche und Wohnzimmer zu neuem Glanz verholfen werden. Das klappt am besten bei ein paar Bier und den Lieblingsplatten der Wohngemeinschaft. Und während der langhaarige Mitbewohner den Abfluss vom Waschbecken von seiner verlorenen Haarpracht befreit, zeigt die Biologiestudentin den anderen die Pilzkultur, die sich auf dem Gouda entwickelt hat. So wird das Seuchenrisiko beseitigt und die Bewohner erwerben neue Biokenntnisse.

Teilen und hamstern: Was der Traum von so manchem Sozialisten ist, hat sich in WGs längst bewährt: Die Vergemeinschaftung einiger Güter. Ob Klopapier, Spülmittel oder Lebensmittel wie Zwiebeln oder Kaffee – regelmäßig ein paar Euro, die in eine WG-Kasse fließen, und jeder kann für die Mitbewohner Salz und Pfeffer kaufen. So wird verhindert, dass alle Mitbewohner bei ekeligem Regenwetter spät abends noch mal vor die Tür müssen. Lebensmittel, die nicht geteilt werden sollen, werden am besten beschriftet. Klingt geizig, schützt aber vor leer gefutterten Vorräten. Auch bei nicht essbaren Dingen sollte man Respekt vor dem Eigentum anderer haben: Wenn die Lieblings-CD aber mal wieder nicht im eigenen Zimmer zu finden ist, sondern im CD-Player des Mitbewohner liegt, nervt das unheimlich. Vorher anklopfen und danach fragen wäre nett.

ZiSH/alu

ZiSH Buchtipps für die kalte Jahreszeit - Die guten Seiten des Winters
15.11.2012
ZiSH Ausgehen: Der Tipp - Grabesgruß aus den Neunzigern
13.11.2012
ZiSH Benimmregeln für das Bett - Der Sex-Knigge
12.11.2012