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ZiSH Was sind eigentlich Memes?
Hannover ZiSH Was sind eigentlich Memes?
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12:09 13.03.2012
Hauptakteure des Alltags: Die „Rage“-Familie. Quelle: Screenshot: knowyourmeme.com
Hannover

Was haben Boromir aus „Herr der Ringe“, Admiral Ackbar aus „Star Wars“ und ein philosophierender Dino gemeinsam? Sie alle sind Witzfiguren im Internet. ZiSH erklärt, was an den sogenannten Memes so lustig ist – und stellt die besten vor.

Boromir: Nicht einfach so

Der Weg ins finstere und gefährliche Mordor ist Frodos größte Aufgabe – und Bürde zugleich. Der kleine Lockenkopf aus Tolkiens Fantasyepos „Herr der Ringe“ muss das gefährliche Schmuckstück, um das sich Gut und Böse reißen, in die heiße Lava schmeißen, um es endgültig zu vernichten. Frodos Gefährte Boromir gefällt der Plan gar nicht. Er warnt seine Freunde noch vor Reiseantritt: „One does not simply walk into Mordor“ – man geht nicht einfach so nach Mordor.

So weit, so klar. In besserwisserischer Pose mit überheblichem Fingerzeig spricht der bärtige Krieger diesen gut gemeinten Rat aus, den die Internetgemeinde gerne zu ihren Zwecken nutzt. Dabei ersetzt der Autor „walk“ durch ein anderes Verb oder „Mordor“ durch einen anderen Ort. Manchmal wird auch der Originalsatz beibehalten und nur das Bild ausgetauscht. Auch möglich ist eine Anspielung auf vermeintlich einfache Situationen, die sich in der Umsetzung als weitaus schwieriger erweisen wie: „One does not simply log out of 9Gag“ – man loggt sich nicht so einfach bei 9Gag, einer der bekanntesten Internet-Meme-Plattformen, aus. Weiser Mann, dieser Boromir.

Isabell Korth/ZiSH

Philosoraptor: Dino von Welt

Das Maul ist einen Spalt weit geöffnet, und die Klaue kratzt am grünen Hals. Gleich könnte die entscheidende Frage über die Reptilienlippen kommen. „Wenn Physik Gesetze hat – wer regiert sie?“, fragt der Philosoraptor. Das philosophisch begabte Urzeitwesen denkt über die großen und kleinen Probleme auf der Welt nach.

Doch ursprünglich war für den Dino keine Karriere als Denker vorgesehen: Er sollte Modell werden. 2008 fertigte Sam Smith den Entwurf des Reptils an – als T-Shirt-Design. „Philosoraptor“ stand unter dem Dino in Denkerpose. Saurierexperten würden den Velociraptor der Gruppe der Dromaeosauridae zuordnen. Doch in der Welt der Memes läuft einiges anders. Hier ordnet man ihn den „Advice Animals“ zu, das sind Tiere, die dem Betrachter nützliche Tipps geben. Nach den Suchanfragen auf knowyourmeme.com hat das Interesse am Philosoraptor einen neuen Höhepunkt erreicht: Er liegt weit vor dem „Advice Dog“ und „Courage Wolf“. Bleibt abzuwarten, ob er mit philosophischen Fragen das Interesse seiner Fans hochhalten kann – oder ob auch der allerletzte Saurier ausstirbt. Dann aber sicher nicht, weil er zu dumm zum Überleben war.

Manuel Behrens

First World Problems: Problemchen

Hunger, Armut und fehlende medizinische Versorgung – wer mit diesen Problemen nicht zu kämpfen hat, fängt schnell an, sich über die Kleinigkeiten des Lebens in der Ersten Welt zu beschweren. Diesem luxuriösen Selbstmitleid hält das „First World Problems“-Meme einen Spiegel vor. Vor dem Bild einer weinenden Frau mittleren Alters prangen Sätze wie: „I’m hungry but I’m too lazy to get up“ oder „Mom asks what I want for Christmas. Can’t think of anything.“

Der Terminus „First World Problems“ stammt aus einem Song der Matthew Good Band. Die sangen 1995: „Someone would love to have my ,first world problems‘.“ Seit 2008 gibt es eine Internetseite mit dem Titel, wo Nutzer Sprüche und Bilder zu dem Thema hochladen können. Kurz darauf tauchten die „First World Problems“ auch bei Twitter auf. Inzwischen kursieren auch kurze Filme und ein „First World Problems“-Rap auf YouTube. Manche Autoren tauschen das Bild der Frau auch gegen ein anderes aus und übertragen die Luxusprobleme, wenn es etwa zu dem Bild einer Katze mit großen Kulleraugen heißt: „I want to sleep on the keyboard, but no one is using the computer.“

Theresa Kruse

„What I actually do“: Schein und Sein

Feuerwehrmann, Journalist oder Mathematikstudent: „What they think I do“-Memes zeigen anhand einer Bildfolge, wie unterschiedlich verschiedene Menschen auf einen Beruf oder eine Tätigkeit blicken. Ein Beispiel über „Studieren in den USA“ zeigt: Während die Freunde darin eine riesige Party sehen, befürchtet die Mutter, dass ihr Sprössling bei McDonald’s auf seine Fettleibigkeit hinarbeitet. Der Vater ist der Überzeugung, die Tochter studiere nur zum Shoppen in der Ferne. Der Student selbst sieht sich schon mit dem amerikanischen Graduationshut vorm Mikrofon stehen. Was er wirklich tut: erschöpft mit dem Kopf auf seinen Büchern schlafen – wenn er nicht gerade bei Facebook surft.

Dabei entpuppen sich riesige Unterschiede, besonders zwischen der eigenen Einschätzung der Tätigkeit und dem, was man tatsächlich tut. Vorurteile und Selbstüberschätzung kreieren in fünf Bildern eine Vorstellung von Geld, Macht und Ruhm (oder eben dem Gegenteil), die im letzten Bild mit der Realität aufgelöst wird – es zeigt meist eine völlig überarbeitete, erschöpfte Person mit dem Untertitel: „What I actually do.“

Melissa Ebert

„Meanwhile in ...“: Bei mir, bei dir

Das „Meanwhile in ...“-Meme gehört zu einer Serie, die jeweils ein Bild zeigt, auf dem dargestellt wird, was gerade in einem bestimmten Land vor sich geht. Dabei werden die drei Punkte durch das Land ersetzt, um das sich das Meme dreht, etwa ,,Meanwhile in Germany“ oder ,,Meanwhile in Australia“. Die Bilder bilden lächerliche oder absurde Situationen in dem jeweiligen Land ab und spielen mit den länderspezifischen Stereotypen. Die ,,Meanwhile in Germany“-Bilder zeigen etwa volle Bierkrüge, riesige Würstchen oder Frauen im Dirndl. So stellen die Bilder eben nicht eine implizierte aktuelle Situation dar, sondern lediglich überspitzte, allseits bekannte Stereotypen.

In der Zwischenzeit spielt etwa in Australien ein Mann Frisbee mit einem Krokodil, und in Amerika sitzt ein 200-Kilo-schwerer Mann auf einem Rollator mit Motorantrieb. In Finnland schippt ein Jugendlicher im Ripphemd Schnee, und Bilder aus Korea zeigen lediglich Screenshots aus Spielen. Und in der Zwischenzeit sitzt ein Student mit Smartphone in der Vorlesung und verkneift sich ein Lachen über diese absurden Bilder.

Lisa Günther

Admiral Ackbar: Vorsicht, Falle!

Es ist eine Falle!“ – das merkt Admiral Ackbar bei seinem einzigen nennenswerten Auftritt in den „Star Wars“-Filmen sofort. In der entscheidenden Weltraumschlacht des sechsten Sagateils wird die Flotte des Rebellenkommandeurs plötzlich vom feindlichen Imperium überrascht. Entsetzt quakt der aufgebrachte Amphibienkopf deshalb den Satz, der ihn später zum Kultcharakter machen wird.

Darauf muss Ackbar allerdings einige Jahre warten. In den achtziger Jahren amüsieren sich nämlich nur eingefleischte Sternenkrieger über die obskure Nebenfigur. Lange Zeit fristet der Anführer der klangvollen Alienrasse Mon Calamari ein wenig glamouröses Dasein in Fanbüchern und -comics. Zur Berühmtheit wird der ulkige Admiral knapp 20 Jahre nach Kinostart der sechsten „Star Wars“-Episode, als ihn die Comedywebseite www.something­awful.com wieder ausgräbt und mit seinem Spruch zur virtuellen Alarmglocke umfunktioniert. Jetzt warnt der Admiral in allen Ecken des Internets vor drohenden Gefahren. Ganz egal, ob gängige Mäusefallen oder zwielichtige Angebote – Admiral Ackbar sieht das nahende Unheil stets als Erster kommen.

Tim Fuhse

„Rage Comics“: Grenzenlose Wut

Wer kennt das nicht: Man stellt sich Abends vorsorglich den Wecker, wacht mit dem Signalton auf, bleibt aber noch kurz liegen und schläft wieder ein. „Rage Comics“ thematisieren diese kleinen, nervigen Dinge des Alltags. „Wutcomics“, so die Übersetzung, erschienen 2008 das erste Mal auf der Internetseite www.4chan.org. Eine Folge von Bildern, die der jeweilige Autor amateurhaft im Windows-Programm „Paint“ kritzelt, zeigt diverse Charaktere, die sich in einer bekannten Alltagssituation befinden. So bringen schmatzende Mitmenschen oder die Tücken der Toilettenspülung die Hauptakteure „Derp“ und „Derpina“ auf die Palme. Die Familie der „Rage“-Charaktere ist groß: Der „Me gusta“-Kopf reagiert stets mit einem „me gusta“ nebst breitem Grinsen (zu Dt. „ich mag das“). Das „Trollface“, der „Cereal-“ oder „Okay-Guy“: Alle haben ihre Eigenarten. Die Rollen der Charaktere sind stets die gleichen. Die Komik entsteht durch ihre jeweiligen Alltagssituationen.

Manchmal werden auch die Gesichter von Prominenten in die Comics gebastelt, wie etwa Barney aus der US-Sitcom „How I Met Your Mother“. Me gusta!

Melissa Catalina Gehle

Barney Stinson, Yao-Ming und Co.: Wie wahr!

Wenn ich merke, dass ich traurig werde, dann hör ich auf, traurig zu sein und werde stattdessen großartig. True Story.“ Dem smarten Aufreißer Barney Stinson aus der erfolgreichen US-Sitcom „How I Met Your Mother“ mangelt es nicht an Selbstvertrauen. Und Frauen aufzureißen oder seine Freunde zu beeindrucken, bringt er die unglaublichsten Geschichten und betont am Ende immer: „True Story“ – wahre Geschichte. Und so wird er auch oft am Ende eines „Rage Comics“ mit Drink in der Hand nebst seinem Spruch abgebildet, wenn der Autor klarstellen will: Das ist mir wirklich so passiert.

Weitere bekannte Promi-Memes werden benutzt, um der Reaktion des Autors in einer bestimmten Situation Ausdruck zu verleihen, wie der ehemals größte Basketballer der nordamerikanischen Profiliga, Yao-Ming. Glaubt ein Autor eine krassere Geschichte erlebt zu haben als sein Vorgänger, setzt er Yao-Mings höhnisch grinsendes Gesicht mit dem Schriftzug „Bitch, please!“ darunter und erzählt seine eigene Geschichte. Oft fußt der Humor auf Insiderwitzen. Doch durch das hohe Suchtpotenzial steigt man in kürzester Zeit zum Kenner auf. True Story!

Lisa Günther

Interview: „Jeder kann mitmachen“
Dr. Shane Denson ist Dozent für American Studies an der Uni-Hannover. Memes beschäftigen ihn auch in seinem Blog: www.
medieninitiative.wordpress.com.

Herr Denson, was ist ein Meme?
Der Wissenschaftler Richard Dawkins hat das Wort in den siebziger Jahren geprägt. Es kommt von „Mimeme“, wurde mit Meme abgekürzt und steht für Kopie oder Imitation. Bei Memes geht es um die Wiedererkennbarkeit und Variation des Gleichen. Man erkennt die Fortsetzung von den gleichen Strukturen.

Welche Bedeutung haben Internet-Memes?
Bei den Memes im Internet, wie auf www.9gag.com, kann jeder mitmachen. Die Programme, um sie zu erschaffen, hat jeder auf seinem Computer. Man kann sein Meme in die Wildnis setzten und gucken, ob es überlebt.

Müssen Boromir, Rage Comics und Co. bestimmte Kriterien erfüllen, um bekannt zu werden?
Sie sollten wiedererkennbar sein. Etwas wird wiederholt, aber variiert. Das ist das Serialitätsprinzip: Das Gleiche wird immer wieder angeboten, aber irgendwie neu gemacht – ein wichtiger Aspekt des Humors. Bei „One does not simply ...“ sieht man auf jedem Bild Boromir, aber es ist immer etwas anders. Wir sehen etwas Bekanntes, und durch die Variation, die eine Dissonanz einführt, wird es lustig.

Hat es so ein Phänomen in der Literatur oder im Internet schon einmal gegeben?
Serialität bestimmt die populäre Kultur seit der industriellen Revolution und der Erfindung der Dampfdruckpresse. Wie Memes entwickeln serialisierte Geschichten eine Eigendynamik und lösen sich vom Autor los. Mary Shelly schrieb 1818 „Frankenstein“, darauf gab es Theaterstücke und Filme, die sich davon entfernten, was sie geschrieben hat. Tarzan oder Sherlock Holmes sind andere Beispiele. Formal gesehen sind sie Vorläufer der Internet-Memes.

Kann man Memes eine kulturelle Relevanz zuordnen?
Sie sind auf jeden Fall relevant! Das Internet ist vorwärtsgerichtet. Memes sollen die Zukunft bestimmen. Film und Fotografie sind konservierte oder „mumifizierte“ Medien, sie spiegeln Vergangenes wider. Bei der Memifizierung geht es hingegen darum, etwas zu schaffen, das im „Jetzt“ und „Morgen“ überleben und sich weiterentwickeln soll.

Das Urheberrechtsabkommen ACTA will digitale Medien schützen. Meme-Autoren setzten sich über Urheberrechte hinweg. Ist das eine Art Protest?
Ich denke schon. Es geht darum, diese Meme-Kultur voranzutreiben und zu zelebrieren, als etwas, das nicht durch große Firmen kontrollierbar ist. Es stellt rechtliche Positionen infrage. Aber es hängt von den Autoren ab, ob sich dahinter ein politischer Protest verbirgt. Das ist nicht bei allen so. Oft geht es darum, die Autorisierungsprozesse infrage zu stellen. Gegner von ACTA haben das erkannt und Memes etabliert, die als politischer Protest zu verstehen sind.

Die Fragen stellte Manuel Behrens