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ZiSH Wenn Schule krank macht
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19:34 17.12.2009
Überlastet, überfordert, überfrachtet: „G8“-Schüler kommen mit dem Stress an der Schule und dem Druck durch den Doppeljahrgang nicht mehr zurecht. Quelle: Wallenwein
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Andere Schule
Die Stimmung an meiner Schule war mies, das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern schlecht. Als mir die Auswirkungen des Turboabiturs bewusst wurden, gab es für mich nur einen Weg, diesem Horror zu entgehen: Ich musste die Schule wechseln. Von einem Gymnasium mit schlechter Lernatmosphäre wechselte ich auf eine IGS. Dort kommt das Abitur immer noch nach 13 Schuljahren, und die Lehrpläne lassen Freiräume. Kein Vergleich mit dem Leistungsdruck und Notenkampf an meiner alten Schule. Seit dem Wechsel fällt mir das Aufstehen morgens wieder leichter, Schule macht wieder mehr Spaß. Meinen Lehrern ist es wichtig, dass jeder Schüler das Abitur schafft. Wir arbeiten zusammen und nicht gegeneinander. Auch meine Noten haben sich seitdem verbessert. Ich bin mir sicher, dass ich das Abitur so schaffen werde. aufgezeichnet

von Alisa Schellenberg

Ohne Partner
Stephan (Name von der Redaktion geändert) war der perfekte Freund: Selbst nicht dem Stress im Doppeljahrgang ausgesetzt, machte er mir Mut und half mir beim Lernen, damit ich neben der Belastung durch „G8“ nicht vergaß, was das Leben bedeutete. Doch irgendwann stresste selbst ihn mein Zeitplan: Fünf Tage die Woche kam ich nie vor 16.30 Uhr aus der Schule, dazu noch Tonnen an Hausaufgaben. Die Rückenschmerzen, die ich nach wochenlangem Sitzen bekam, versuchte ich durch Sporttraining zu lindern. Stephan sah ich nur noch am Wochenende. Doch Liebe braucht Zeit. Wenn die fehlt, ist es unmöglich, eine funktionierende Beziehung zu führen. Stephan und ich stritten uns immer öfters. Er beklagte sich, dass wir uns nicht mehr sehen würden und ich war vom Schulstress einfach nur ausgelaugt und müde. Nach sieben Monaten war ich zu erschöpft, um noch weiter zu streiten, und beendete die Beziehung. Anscheinend müssen sich heutzutage schon Schüler zwischen Liebe und Erfolg entscheiden.

von Isabelle Sckade

Ohne gute Noten
Unter meiner Bio-LK-Klausur steht eine rot umrandete Null. Nicht ungewöhnlich: Seitdem ich in der 12. Klasse des Doppeljahrgangs bin, häufen sich die schlechten Noten. Dabei bin ich in meiner gesamten Schulzeit nie versetzungsgefährdet gewesen. Jetzt kriege ich regelmäßig Schweißausbrüche, weil ich Angst vor der nächsten schlechten Zensur habe. Meinen Mitschülern geht es ähnlich. Durch die überfüllten Kurse gehen schlechtere Schüler schneller unter. Die Lehrer haben häufig nicht die Möglichkeit, die Leistungsschwächeren zu fördern. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass bewusst versucht wird, noch einmal auszusieben, damit sich die Kurse verkleinern. Gemeinsam mit zwei Freunden habe ich mich jetzt entschieden, auf eine IGS zu wechseln. Eine Schule ohne Doppeljahrgang ist die einzige Möglichkeit für uns, das Abitur zu bestehen.

aufgezeichnet von 
Marie-Céline Gräber

Ohne Ausland
Ich hatte große Pläne für die Zeit nach meinem Abitur 2010: Ab ins Ausland und dort in Ruhe nachdenken, was ich mit meinem Leben machen möchte. Die Formulare für diverse Auslandsstipendien hatte ich bereits auf dem Schreibtisch liegen. Aber die Schule machte mir einen Strich durch die halbausgefüllten Bewerbungen: Ein Jahr Pause kann ich mir durch „G8“ nicht erlauben. Zu groß ist die Gefahr, anschließend vom Doppeljahrgang überrannt zu werden und keinen Studienplatz mehr zu bekommen. Auch meine Freunde beugen sich dem Zeitdruck: Statt sich auf das Lernen fürs Abitur zu konzentrieren, schreiben sie Bewerbungen für Studiengänge und Ausbildungsplätze oder arbeiten Tag und Nacht, um ihren Lebenslauf durch Künstlermappen und soziales Engagement aufzubessern. Horizonterweiterung im Ausland? Nicht für uns.

von Karoline Born

Mit Therapie
Der Tag, an dem ich zusammenbrach, war ein Montag. Stundenlang hatte ich versucht, meine Geschichtshausaufgaben zu machen, doch in meinem Kopf war alles leer. Über Wochen hatte sich eine Angst angestaut, in die Schule zu gehen und nicht die richtigen Antworten auf die Fragen der Lehrer zu wissen. Ich war am Ende und wies mich selbst in eine Psychiatrie ein. Neun Wochen lernte ich in der Klinik, mit meiner Versagungsangst umzugehen. Ich konnte ich mich endlich frei machen, von dem Druck, nur Einsen auf dem Zeugnis zu haben. Die Schule ist zwar nicht einfacher geworden, doch geht es mir viel besser. Denn ich weiß auch, ich bin mit meinen Ängsten nicht allein: Wenn ich jetzt nicht mehr weiterweiß, treffe ich mich mit meinen Freundinnen, und wir lernen zusammen.

aufgezeichnet von Marina Uelsmann

Ohne Freunde
Du findest doch eh keine Zeit mehr für mich!“ Solche Vorwürfe gehören bei mir zum Alltag. Im Doppeljahrgang ist jeder angespannt. Ich bekomme zu wenig Schlaf und viel zu viel Lernstoff reingedrückt. Soziale Kontakte bleiben da auf der Strecke. Erholung am Wochenende ist bei mir die Ausnahme. Selbst am Sonnabend und Sonntag warten To-do-Listen mit Referatsthemen und Klausurlernstoff. In der Schule ist die Stimmung gereizt, in den Pausen gibt es Zickereien, weil alle ständig gestresst sind. Für vertraute Gespräche findet man k eine Zeit mehr. Meine Schulbücher kenne ich inzwischen besser als meine Freunde. Eine richtige Clique habe ich nicht mehr. Es braucht Zeit, um Freunde zu haben und Beziehungen zu pflegen. Im verkürzten Abiturjahrgang wurde diese Zeit weggestrichen. Freunde finden im Stundenplan keinen Platz mehr.

von Melanie Kindler

Ohne Hobbys
Nur zu gern erinnere ich mich an die Sommerferien zurück: Kein Fußballtraining habe ich verpasst und jeden Tag meine Freunde gesehen. Seit dem Schulbeginn im Herbst habe ich dafür keine Zeit mehr. Sosehr ich mich auch bemühe, meine Hobbys in meinen vollen Zeitplan zu bekommen, es klappt einfach nicht. Bei 36 Schulstunden in der Woche und mehreren Stunden Hausaufgaben pro Tag, Vorbereitungen für Referate und anderen Zusatzleistungen ist das unmöglich. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als meinem Trainer jede Woche aufs Neue zu erklären, dass ich keine Zeit habe. Leider trifft man mit diesem Satz nach dreimaligem Wiederholen nicht mehr auf Verständnis, sondern auf Ungläubigkeit. Aus der Stammaufstellung der Mannschaft bin ich so gut wie draußen. Gut, dass ich wenigstens meinen Freunden nicht absagen muss. Denen geht es nämlich genauso wie mir.

von Rebecca Gerigk

Mit Drogen
Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Egal, ob sich jemand mit mir treffen will oder ob es um Hausaufgaben geht: Alles wurde mir zu viel, ich zog mich immer weiter zurück. Schließlich wandte ich mich an eine Ärztin. Sie verschrieb mir Antidepressiva. Endlich kann ich wieder richtig schlafen – der Stress hatte mich auch in der Nacht nicht losgelassen. Schule ist sicher nicht der einzige Grund dafür, dass ich Medikamente brauche. Doch der Leistungsdruck in der Schule ist so stark geworden, dass nicht nur ich mich total überfordert fühle. Auch eine andere Freundin leidet sehr unter dem psychischen Druck in der Schule und übergibt sich schon, wenn sie zu Hause nur an die Schule denkt. Da bin ich mit Medikamenten eigentlich noch gut dran.

aufgezeichnet von Sarah Kniep