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ZiSH „Mir fällt es leicht, echt zu sein“
Hannover ZiSH „Mir fällt es leicht, echt zu sein“
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12:27 15.05.2015
Ihr Gedicht "One Day / Reckoning Text" macht sie zur Stimme ihrer Generation: Julia Engelmann.
Ihr Gedicht "One Day / Reckoning Text" macht sie zur Stimme ihrer Generation: Julia Engelmann. Quelle: Marte Urbanelis
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Julia, der Youtube-Mitschnitt, in dem du dein Gedicht „Eines Tages, Baby“ beim Bielefelder Hörsaal-Slam vorträgst, hat dich quasi über Nacht bekannt gemacht. Nach dem Hype hast du dein Handy und deinen Laptop eine Woche lang nicht angemacht. Ist es ratsam, von Zeit zu Zeit „offline zu gehen“?
Mir hat das damals total geholfen, weil es mich in der Situation echt entstresst hat. Das mit dem Video ging alles so schnell, plötzlich habe ich mich auf meiner eigenen Facebook-Timeline gesehen. Das war eine krasse Reizüberflutung. Durch die Internetauszeit konnte ich mal runterkommen und mich wieder ein bisschen sortieren. Ich mache das heute noch ab und zu, dass ich mein Handy für ein paar Tage ausmache oder zumindest bewusst weniger nutze.

Du bist aber dennoch bei Facebook und Instagram aktiv. Dabei ist die wiederkehrende Message deiner Texte, bewusster im Hier und Jetzt zu leben. Widerspricht sich das nicht?
Nein, überhaupt nicht. Dadurch, dass ich ein Smartphone und einen Laptop habe und soziale Netzwerke nutze, werde ich doch gerade mit Herausforderungen wie dem ständigen Aufs-Display-Starren konfrontiert. Wenn meine Freunde mir sagen, dass ich viel am Handy hänge, entsteht bei mir der Wunsch, damit anders umzugehen. Das mit den Medien ist sowieso alles eine Frage des Umgangs und der eigenen Prioritätensetzung. Wenn ich mal fernsehe, kann ich trotzdem noch meine Träume leben und auf mich achten.

Wie sieht dein Leben jetzt, 15 Monate nach der Veröffentlichung des Videos, aus? Kriegst du dein Studium, Familie, Freunde, das Schreiben und die Auftritte unter einen Hut?
Ich kriege es eben nicht alles unter einen Hut. Momentan habe ich ein Urlaubssemester und nutze die Zeit, um zu schreiben. Der Rest passt schon irgendwie.

Das ist Julia Engelmann

Sie ist ein „Meister der Streiche, wenn es um Selbstbetrug geht". Zumindest nennt Poetry-Slammerin Julia Engelmann sich selbst in ihrem Text „One Day/ Reckoning Text" so. Das Video dazu, aufgenommen beim fünften Bielefelder Hörsaal-Slam, überflutete im Januar 2014 Facebook-Timelines und Twitter-Feeds. Die 23-Jährige erzählt darin von der Schwierigkeit, Dinge, die man sich vorgenommen hat, in die Tat umzusetzen, vom ewigen Aufschieben und verpassten Chancen. Das scheint einen Mark zu treffen: Knapp acht Millionen Klicks zählt das Video momentan bei Youtube. Darunter sind viele zustimmende und begeisterte Kommentare.
So viel Resonanz war die gebürtige Bremerin bis dahin gar nicht gewöhnt. Zwar nimmt sie schon seit einigen Jahren regelmäßig an Poetry-Slams teil, doch vor „One Day“ schlug keiner ihrer Texte solche Wellen. Mittlerweile war sie mit Singer-Songwriter Tim Bendzko als literarischer Voract auf Tour und hat im Juni letzten Jahres ihre erste Gedichtssammlung herausgebracht. Angelehnt an ihren bekanntesten Text heißt die Sammlung „Eines Tages, Baby" und befasst sich mit den gleichen Themen: der Suche nach dem eigenen Glück und der Verwirrung, die diese Suche mit sich bringt.
Darin steckt auch viel von ihr selbst: Julia hat ihr Philosophie-Studium abgebrochen und hadert gerade auch mit ihrem derzeitigen Studium der Psychologie. Ideen, was sie sonst noch machen will, hat sie viele: einen Roman oder ein Drehbuch schreiben, schauspielern und endlich die Buddenbrooks lesen, wie sie es sich in „One Day“ vorgenommen hat. „Lass uns werden, wer wir sein wollen“, schreibt sie darin – für sich selbst hat sie das anscheinend längst noch nicht herausgefunden.
Nora Tschepe-Wiesinger/ZiSH

In vielen deiner Slam-Texte geht es um die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen, und die Angst vorm Scheitern. Warum tun wir uns so schwer damit, etwas anzufangen und das auch durchzuziehen?
Das liegt an unseren hohen Ansprüchen in Deutschland. Die allermeisten von uns haben genug zu essen, zu trinken und ein Dach über dem Kopf. Also streben wir nach sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung. Wenn man viel darüber nachdenkt, wie man sich am besten selbst verwirklicht, kommt man automatisch aufs Scheitern. Es geht uns hier im globalen Vergleich so gut, dass viele ganz verkopft sind.

Wodurch kommt bei dir selbst die Unsicherheit und Angst vor Entscheidungen?
Gute Frage. Ich beschäftige mich eben viel damit, wie ich bin und was ich will. Mit der Zeit verändere ich mich und überlege dann immer wieder neu, was Sache ist. Dadurch bin ich vielleicht auch unsicher. Gerade weiß ich nicht mal, ob ich mein Studium zu Ende mache. Bei mir brauchen Entscheidungen viel Zeit; da spielen so viele Überlegungen mit rein. Manchmal kann es auch mutig sein, etwas zu Ende zu bringen.

Halten uns die vielen Möglichkeiten, die wir haben, eher davon ab, herauszufinden, was wir wollen?
Nein, das glaube ich nicht. Es ist doch ein krasses Privileg und was total Schönes, wie viele Möglichkeiten wir haben. Dadurch können wir immer wieder unseren Kurs korrigieren. Man muss sich ja eh entscheiden und dann mit der Entscheidung leben. Dann kann man auch durch mehrere Sachen herausfinden, was man will. Ich sehe diese vielen Möglichkeiten als Chance.

Dadurch entsteht aber auch der Gedanke, dass es immer noch besser geht. Viele tun sich mittlerweile zum Beispiel schwer, eine feste Beziehung einzugehen und sich auf einen Partner festzulegen. Wie erklärst du dir das?
Für mich kommen da zwei Sachen zusammen: Zum einen ist es nicht selbstverständlich, jemanden zu finden, bei dem man das Gefühl hat: „Wow, wir passen echt gut zusammen!“ Da braucht man Glück, Zeit und vielleicht Erfahrung. Zum anderen ist es eine Einstellungsfrage, was man selbst für sich als gut genug definiert. Man muss erkennen, was einem reicht und einen glücklich macht. Ich persönlich glaube nicht daran, dass es immer noch besser geht. Wenn etwas schön ist und ich damit zufrieden bin, möchte ich doch nicht ununterbrochen nach was Besserem suchen.

Was hilft dabei, Entscheidungen zu treffen?
Man muss gucken, was für einen selbst gut ist, und nicht so viel darauf geben, was die anderen sagen. Es macht nicht glücklich, ständig darüber nachzudenken, was wie wirken könnte.

Sind dir die negativen Kommentare und Kritiken zu deinen Texten auf Youtube und Facebook also egal?
Worüber ich schreibe, richte ich nicht danach, wie das Feedback ausfällt oder was sich irgendwer wünscht. Ich freue mich natürlich, dass so viele Menschen meine Texte lesen, aber Schreiben hat für mich damit angefangen, dass ich mich mit dem befasse, was mich im Leben am meisten beschäftigt. Das wird auch weiterhin so bleiben. Klar, auf der einen Seite kann man die Themen meiner Texte gerne Luxusprobleme nennen, wie es oft geschrieben wird. Auf der anderen Seite sind das nun mal Menschheitsfragen, die sich nicht nur meine Generation stellt.

Du giltst mittlerweile als die Stimme deiner Generation. Wie fühlt sich das an?
Ich sehe das weder als Titel noch als Gefühl, sondern als Begriff, der ein paar Mal gefallen ist. Ich bin eine Stimme meiner Generation so wie jeder andere auch, aber nicht die Stimme.

Deine Stimme sticht aber durch deine Bekanntheit hervor. Wie schaffst du es trotzdem, dass du selbst und deine Texte so echt und authentisch bleiben?
Mir fällt es total leicht, echt zu sein. Ich stelle es mir unfassbar furchtbar und anstrengend vor, mir vor meinen Auftritten ein Konzept überlegen zu müssen. Irgendwann fliegt das doch auch auf. Außerdem finde ich es total spannend, meine eigenen Gedanken mit anderen zu teilen und dadurch herauszufinden, ob ich damit die Einzige bin oder was die anderen denken. Ehrlichkeit und Authentizität sind zwei ganz große Werte von mir. Ich schreibe nach wie vor über mich und für mich, weil ich mich selbst und keine aufgebaute Fassade ergründen will.

In „One Day / Reckoning Text“ sagst du, dass wir, wenn wir alt sind, an die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Was soll man sich denn von dir erzählen?
Man soll sich gar nichts erzählen. Ich würde einfach gerne ein guter Mensch sein – zu mir selbst und zu anderen. Wenn das bei zwei oder drei Leuten hängen bleibt, reicht das schon.

Interview: Nora Tschepe-Wiesinger

Am 5. Juni kommt Julia Engelmann mit ihrem Programm „Eines Tages, Baby“ in den Pavillon, Lister Meile 4. Los geht’s um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 20 Euro.
ZiSH verlost zweimal zwei Karten für die Lesung. Schreibt uns, wozu ihr euch einfach nicht aufraffen könnt, bis Dienstag, 19. Mai, 12 Uhr an zish@haz.de und gewinnt mit etwas Glück. Die besten Beiträge veröffentlichen wir.

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